Flugzeug stürzte ins Moor Himmelfahrtskommando in Schwege


Schwege. Am frühen Morgen des 20. März 1945 gegen 1 Uhr wurde Olinde Kruse in Schwege von einem lauten Krachen aus dem Tiefschlaf gerissen. Sie horchte, doch dann war es still und kein Geräusch mehr zu hören. Vielleicht war es nur der tosende Sturm über dem Moor gewesen?

„Ich halte das für eine der unglaublichsten Agentengeschichten des Zweiten Weltkrieges“, betont Martin Frauenheim, Luftfahrt-Historiker und Pilot, mit Blick auf den Absturz eines amerikanischen Flugzeuges in Schwege in der Nacht zum 20. März 1945. Denn genau das hatte Olinde Kruse damals gehört.

Die nicht gekennzeichnete schwarze Maschine sollte in Essen im Ruhrgebiet einen Agenten deutscher Nationalität absetzen, allerdings kam es in besagter Nacht aufgrund schwierigster Wetterverhältnisse zur Katastrophe. Bei einem Absturz starben die vier amerikanischen Besatzungsmitglieder und der deutsche Agent in Diensten der USA.

Über Jahrzehnte hat den Luftfahrt-Historiker Martin Frauenheim dieser Fall beschäftigt. Er sammelte Berichte der Alliierten und wertete sie aus. Höhepunkt war Ende letzten Jahres gemeinsam mit seinen Kollegen Matthias Zeisler und Johannes Haunert die Lokalisierung der genauen Absturzstelle im Wittlager Land, in Hunteburg-Schwege und der Fund unzähliger Beweisstücke auch nach 70 Jahren.

Noch in den letzten Kriegstagen wollten die Amerikaner mit dem „Unternehmen Chisel“ des OSS (Office of Strategic Service, später CIA) Spione und Agenten einsetzen, um die Front im Deutschen Reich auszuspionieren und Sabotageeinsätze auszuführen.

Für diese gefährlichen Aktionen wurden deutsche Widerstandskämpfer und Emigranten angeworben. Viele meldeten sich freiwillig, sie wurden zumeist nach dreimonatiger Ausbildung vom OSS unter falschem Namen in ihren Einsatzgebieten abgesetzt.

Dann kam der 19. März 1945, und das OSS schickte für den Spezialauftrag „Chisel“ eine Douglas A 26 von Harrington in England aus für einen Spionageauftrag nach Essen. Eingeschleust werden sollte Karl Grimm, so sein Agentenname. Sein richtiger Name war Karl Gruber, geb. am 13.5.1912 in Hövel bei Hamm, ein ehemaliger Bergmann, der wegen seiner kommunistischen Gesinnung geflüchtet war.

Gruber sollte Kontakt zu Untergrundkämpfern aufnehmen, um Organisationen zum Einschleusen weiterer Agenten aufzubauen.

Schließlich wurde trotz widrigster Wetterverhältnisse in Nordeuropa und Zweifeln an der Flugtüchtigkeit der Douglas der Auftrag auf Befehl durchgeführt.

Der Wetterbericht für die Flugroute war miserabel. Ein Nachtflug unter einer Wolkendecke bei 500 Fuß (150 Meter) ohne erforderliches Mondlicht bei stürmischen Gegenwind, das war ein Himmelfahrtskommando.

Pilot Emmel hatte nur zwei Nachstunden absolviert. Major Tresemer, der Navigator, hatte nur einen einzigen Flug mit einer A26 und war mit Tiefflügen bei einer Geschwindigkeit von bis zu 500km/h in 300m Höhe überfordert. Die vier Besatzungsmitglieder Emmel, Tresemer, Brunner und Walch waren noch nie gemeinsam geflogen.

Der Agent sollte aus 100 Meter Höhe mit dem Fallschirm absetzt werden. Die Lufttauglichkeit der A26 wurde bis zur letzten Minute angezweifelt.

Um 23.17 Uhr am 19. März 1945 hob die Maschine dann von der nassen Startbahn in Harrington ab und verschwand rasch in den dunklen Regenwolken über England. Ankunft am Zielort Essen sollte um 2.45 Uhr morgens sein.

Als Harrington bis 6.15 Uhr am nächsten Morgen keine Rückmeldung vom Verbleib der A26 erhalten hatte, wurde das Flugzeug als überfällig und möglicherweise als vermisst (missing in Action) gemeldet.

Erst am Nachmittag des 20. März erklärte sich dann der nächtliche Knall in Schwege als ein Flugzeugabsturz nahe dem Gehöft Kruse, und es bot sich ein Bild des Schreckens.

Familie Kruse und ein Ukrainer, der zu dieser Zeit auf dem Bauernhof Kruse untergebracht war, entdeckten die verstreuten Wrackteile des Agentenflugzeuges.

Offenbar schlug die A26 in einem flachen Winkel auf den Boden auf, überschlug sich mehrere Male, bis sie in einem kleinen Bach liegen blieb.

Fünf zerfetzte Körper lagen verstreut nahe dem Wrack. Der Agent und ein Besatzungsmitglied lagen nahe dem Rumpf, ein Körper in 50 Metern Entfernung in einer Wiese, ein weiterer schwamm im wasserdurchtränkten Moorgebiet. Der fünfte Mann war durch den Aufprall 150 Meter weit weggeschleudert worden.

Die Besatzung trug militärische Erkennungsmarken, während Agent Gruber in Zivilkleidung einen Pass bei sich trug, der ihn als Pavel Nowak mit tschechischer Staatsangehörigkeit auswies.

Nowak besaß gefälschte Empfehlungsschreiben und Dokumente von den Hermann-Göring-Werken in Prag, die ihn in eine Fabrik in Mülheim bringen sollten.

Die Polizei stellte Papiere, Schablonen, Kopfhörer und das Mikrofon eines besonderen Kleinstfunkgerätes, ferner 7000 Reichsmark und einen kleineren Betrag in britischen Pfundnoten sicher. Sie überstellten die Leiche der Geheimpolizei.

Die vier Besatzungsmitglieder und etwas später auch der Agent wurden auf dem Soldatenfriedhof Achmer beigesetzt.

Posthum wurde dem Agenten Gruber die „Medal of Freedom“ verliehen.

Viel später, nachdem das OSS von der CIA übernommen worden war, informierten die Amerikaner die Witwe des Kurt Gruber alias Karl Grimm alias Pavel Nowak alias Karl Macht über den Tod ihres Ehemannes. Ohne nähere Umstände zu erläutern. Auch von der posthumen Auszeichnung war ihr bis dahin nichts bekannt gewesen. Sie erhielt eine Entschädigung von 3000 Dollar.

Die Umstände von Karl Grubers Tod wurden erst Jahrzehnte später öffentlich, als das OSS Dokumente über den Absturz des Agentenflugzeuges in Schwege für die historische Forschung freigegeben hatte.


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