Merle und Thomas vor dem Berge Bohmter Paar führt eine besondere Ehe

Von Almut Hülsmeyer


Bohmte. Thomas vor dem Berge lehnt den Kopf an die Schulter seiner Ehefrau Merle. Die 27-Jährige mit den langen hellbraunen Haaren lächelt ihn an. Vorsichtig schiebt Thomas seine Hand in Merles Hand. Zwei silberne Ringe glänzen an ihren Fingern. Vor fünf Tagen haben die beiden geheiratet. In der Statistik sind sie eines von rund 380000 Paaren in Deutschland, die sich in diesem Jahr das Ja-Wort geben, doch ihre Ehe unterscheidet sich von der anderer Frischvermählter, denn Merle ist schwerbehindert.

Sie sitzt im Rollstuhl, Arme und Hände kann sie nicht zielgerichtet bewegen, auch sprechen kann sie kaum. Mit großer Mühe formt Merle einzelne Worte und Sätze. Doch die Wortanfänge bleiben oft unverständlich. „Die Quantität unserer Kommunikation ist nicht so groß, dafür ist die Qualität umso größer. Allen unwichtigen Kram lassen wir weg“, sagt Thomas.

Kommunikation per Sprachcomputer

Alles, was er und seine Ehefrau nicht mündlich kommunizieren können, läuft über einen sogenannten Talker. Den Sprachcomputer bedient Merle mithilfe eines silbernen Punktes auf ihrer Stirn . Der Punkt ersetzt ihre Finger, mit ihm kann sie Buchstaben und Symbole auf dem Bildschirm ihres Talkers anklicken. Eine Computerstimme liest das Geschriebene vor.

Dass Merle weder laufen, selbstständig essen und trinken noch normal sprechen kann, war nicht immer so. Bis zum Alter von elf Jahren war sie ein gesundes Mädchen, das mit Eltern und drei Brüdern im Emsland aufwuchs. Merles Leben änderte sich jedoch schlagartig während eines Familienurlaubs in der Schweiz. „Ich hatte Kopfschmerzen und Schwindel. Nachdem ich mich hingelegt hatte, konnte ich urplötzlich weder aufstehen noch sprechen“, berichtet sie. Die Ärzte im Uniklinikum Zürich stellen eine Entzündung des Hirnstamms fest. Doch die Ursache finden sie nicht. Merle ist vollständig gelähmt, lediglich die Augenlider kann sie bewegen. Nach mehreren Wochen auf der Intensivstation folgt ein langer Reha-Aufenthalt.

Vollständig gelähmt

Nur langsam bessert sich Merles Zustand. Schließlich kann sie wieder die Schule besuchen, macht später auch das Fachabitur und beginnt ein Studium an der Hochschule Osnabrück. Doch während andere junge Frauen ausgehen, Männer kennenlernen und ihre ersten Beziehungen haben, bleiben Merle diese Erfahrungen verwehrt.

Über das Internet versucht sie, Kontakt zum anderen Geschlecht zu knüpfen. Manchmal gibt sie bereits früh preis, dass sie im Rollstuhl sitzt, manchmal erzählt sie ihren Internetbekanntschaften erst später davon. Die Reaktion ist jedoch immer dieselbe: „Du bist zwar nett, aber mit Behinderung – das geht gar nicht.“ Die Ablehnung trifft Merle hart. „Ich war frustriert und habe gedacht, ich werde nie einen Mann und Familie haben“, erzählt sie.

Trotz der negativen Erfahrungen sucht Merle weiter. Im Frühjahr 2013 entdeckt sie das Profil von Thomas in einer christlichen Online-Partnerbörse. „Ich habe geguckt, wer nett aussieht und zu meinen Glaubensüberzeugungen passt, die Männer habe ich angeschrieben“, schildert sie ihre Suche. Unter den wenigen, die sich zurückmelden, ist auch Thomas.

Der 32-Jährige ist seit vielen Jahren Single. „Ich habe mit 18, 19 Jahren schlechte Erfahrungen mit Beziehungen gemacht“, erzählt er. Danach folgten mehr als zehn Jahre des Alleinseins, zwischendurch habe er sogar mal überlegt, Priester zu werden. „Ich habe gedacht, dass es sehr schwierig sein würde, eine Partnerin zu finden. Merle und ich hatten eigentlich die gleichen Ausgangsbedingungen“, sagt Thomas.

Schwierigkeiten bei der Partnersuche

Dass Merle im Rollstuhl sitzt, erfährt er kurz nach der Kontaktaufnahme. „Für mich war Merles Behinderung kein Problem. Für mich war eher die Frage, wie ich im Alltag damit klarkomme, ob das Zusammenleben auch praktisch funktioniert“, meint Thomas. Bei Merle löst seine Haltung zunächst vor allem Verwunderung aus. „Ich war sehr erstaunt, dass Thomas keine Probleme mit meiner Behinderung hat“, berichtet sie. In einem Münsteraner Café treffen sich die beiden zum ersten Mal – der Beginn ihrer Beziehung.

Die Reaktionen von Familie und Freunden auf ihre Beziehung fallen sehr unterschiedlich aus. „Es gab eine Fraktion, die gesagt hat, ich könnte das nicht, aber ich bewundere das und es gab die Bedenkenträger, die der Meinung waren, dass die Beziehung nicht halten kann“, erzählt Thomas. Auch den Vorwurf, dass er ein Helfersyndrom habe und nur aus Mitleid mit Merle zusammen sei, bekommt der 32-Jährige immer wieder zu hören. „Das war nicht einfach, es hat einen schon sehr gekränkt“, sagt er.

Aufwendige Besuche

Regelmäßig am Wochenende besuchen Merle und Thomas sich – ein erster Test für das spätere Zusammenleben. „Die Treffen waren ein logistischer Akt“, berichtet Thomas. Er muss für Merles Besuche ein Pflegebett besorgen und einen Pflegedienst organisieren. Auch die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln muss sorgfältig geplant werden.

Außerdem kommt Merle nie allein zu Besuch. Stets ist eine Assistenzkraft dabei, die der 27-Jährigen bei allen Alltagstätigkeiten wie Waschen, Anziehen und Essen hilft. „Wir sind in unserer Paarbeziehung zu dritt“, sagt Thomas. Auch in der gemeinsamen Wohnung in Bohmte gibt es ein Zimmer für die wechselnden Assistenzkräfte, die sieben Tage die Woche rund um die Uhr für Merle da sind.

Trotz aller Einschränkungen wollen Merle und Thomas ein möglichst normales Leben als Ehepaar führen. „Wir loten die Möglichkeiten aus, die wir zusammen haben“, sagt Thomas. So nimmt er seine Frau im Rollstuhl zum Joggen mit. Gemeinsame Ausflüge machen sie mit einem speziell umgebauten Auto. „Grundsätzlich ist unser Motto: Nichts ist unmöglich“, sagt Thomas und ergänzt: „Nur ist alles etwas langsamer. Spontane Dinge funktionieren bei uns nicht. “