„Sarrazin auf Speed“ Akif Pirinçci lässt die AfD in Bohmte auflaufen

Von Hendrik Steinkuhl


Bohmte. Zwischen Hirschgeweih und Schnitzeltellern hat Akif Pirinçci am Freitag in Bohmte aus seinem Buch „Deutschland von Sinnen“ gelesen. Der Osnabrücker AfD-Kreisverband hatte den neuen Liebling der „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen“-Klientel eingeladen – zum ersten und vermutlich auch zum letzten Mal.

Gerade hatte der kleine Dauerprovokateur sein Publikum noch in Wallung gebracht und Szenenapplaus kassiert. „Wieso lebt Thomas de Maizière nicht angeschnallt in einem Pflegeheim? Das ist ein alter Mann, der den Verstand verloren hat!“ Dass der Innenminister in dieser Woche gesagt hatte, die geschätzten 450 deutschen Dschihadisten seien „unsere Töchter und Söhne“, versteht Akif Pirinçci als Einladung, mal wieder die verbale Panzerfaust herauszuholen.

Doch wer so scharf schießt und sich in seinem Buch „Deutschland von Sinnen“ als „Islamhasser“ bezeichnet, der muss doch die Rache der Muslime fürchten – oder? „Ich habe nicht eine einzige Morddrohung bekommen“, antwortet Pirinçci auf die Frage einer Zuhörerin. „Es gab nur zwei kritische Mails von Muslimen – und die waren beide unfassbar sachlich.“

Zu gerne hätten sich einige der 30 Besucher im Bohmter Hotel „Leckermühle“ ihre Islamophobie vom Autor abzeichnen lassen. Doch Pirinçci, den die FAZ einen „Sarrazin auf Speed“ nannte, lässt das Publikum und die gastgebende AfD mehrmals auflaufen.

„Der irre Kult um Homosexuelle, Frauen und Zuwanderer“

Viel mehr als seine Renitenz erstaunt, dass es der kleine Mann aus Bonn zu einem gefragten Populisten gebracht hat. In seinem ersten Leben erfand Akif Pirinçci den Katzenkrimi, sein Roman „Felidae“ verkaufte sich allein in Deutschland zwei Millionen Mal. Vor einigen Jahren entdeckte der heute 55 Jährige Facebook und die Möglichkeit, sich täglich digital zu empören. Im Frühjahr dieses Jahres erschien dann Pirinçcis Generalabrechnung mit der Political Correctness, „Deutschland von Sinnen“. Untertitel: „Der irre Kult um Homosexuelle, Frauen und Zuwanderer.“

Der Inhalt des Buches lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Wenn Deutschland seine tatsächlichen und vermeintlichen Randgruppen weiterhin so wichtig nimmt, geht es selbstverständlich unter. Klimawandel, Wirtschaftskrise – Themen, die Pirinçci in seiner Analyse nicht weiter tangieren. Stattdessen fordert er die deutsche Frau auf, endlich zurück ins Glied zu treten. „Nein, du kannst nicht das Gleiche wie ein Mann vollbringen. Bei weitem nicht!“ Die vornehmste Aufgabe einer Frau sei es nun einmal, das trägt Pirinçci auch in Bohmte vor, mit einem liebenden Mann eine Familie zu gründen und Kinder zu gebären.

Unter den 30 Besuchern in Bohmte befindet sich nur eine Handvoll Frauen. Das Geschlechterverhältnis in der AfD ist ähnlich, wie Matthias Dorn auf Nachfrage unserer Zeitung etwas zerknirscht eingesteht. Seine Hochstimmung lässt sich der stellvertretende niedersächsische Landesvorsitzende aber erst einmal nicht kaputtreden. Auch die Frage, warum seine Partei eigentlich so ungeheuer attraktiv auf Rechtsradikale wirkt, perlt an ihm ab. „Dass das so ist, bezweifle ich.“ Dorn ist, zumindest zu diesem Zeitpunkt, hingerissen vom Gast des heutigen Abends. „Dass man ständig eine rot-grün versiffte Gedankenpolizei im Kopf hat und darüber nachdenken muss, was man sagt – das kann doch nicht sein!“ Er danke Akif Pirinçci sehr dafür, dass er das geschrieben habe.

Der vermeintliche Vollspießer ist ein notorischer Aufreißer

Das „versifft“ spricht Dorn dem Autor besonders gerne nach. Es sei sein Lieblingswort, bekundet er später jauchzend, als Pirinçci es zum wiederholten Male benutzt. In seinem Buch kommt das Wort dreimal vor, die vielleicht poetischste Stelle trägt der 56-Jährige auch in Bohmte vor: „Man darf in diesem Land in einer Kneipe nicht mehr rauchen, aber nach der eingeatmeten rauchfreien Luft einer Kneipennacht und deren süßer Folge ein Kind abtreiben. Und die komplette linksversiffte Presse applaudiert dazu.“

Der Vollspießer, den Pirinçci hier imitiert, ist nichts weiter als eine von vielen halbgaren Identitäten im Repertoire eines Künstlers, den es nach jahrelanger Abwesenheit zurück auf die Showbühne zieht. Einem Mitarbeiter der „Süddeutschen Zeitung“ präsentierte sich Pirinçci noch vor wenigen Monaten als notorischer Aufreißer; beim gemeinsamen Besuch in einem Café zeigte er dem Journalisten eine 22-jährige Kellnerin und sagte, wenn die junge Frau ihn lasse, würde er ihr „sofort den Bauch dick machen.“ Die ersten Worte des Artikels lauten übrigens: „Akif Pirinçci sitzt im Garten seines Hauses und lacht über die AfD.“ Die hätten ihn nämlich schon wieder eingeladen, aber selbstverständlich würde er dort nicht auftreten. „Ich bin doch nicht bekloppt.“

„Das höre ich zum ersten Mal“, sagt Armin-Paul Hampel. Der niedersächsische Landesvorsitzende der AfD ist als langjähriger ARD-Korrespondent eines der bekanntesten Parteigesichter. Hampel ist routiniert, er ist eloquent und versucht sich als Menschenfänger. „Wir sind Kollegen, das wissen Sie?“ Pirinçci nennt er im Gespräch einen „Durchgeknallten“, der in seinen Buch eine wundervolle Liebeserklärung an unser Heimatland formuliert habe. Auch die trägt der Schriftsteller in Bohmte vor. Ein Auszug: „Deine Wälder, deine riesenhaften und geheimnisvollen Wälder, in denen die deutsche Seele fest verankert sein soll, in denen Arminius’ Herz blutete und sich einst Hänsel und Gretel verirrten.“

Scharf gezogene Scheitel

Dass ein gebürtiger Türke bei Schnitzeln und Kartoffelsalat und unter den Augen eines ausgestopften Hirsches diese bizarren Elogen vorträgt, ist das Verdienst von Rolf-Rüdiger Wandtke. Der stellvertretende Osnabrücker Kreisvorsitzende hat auch Thilo Sarrazin nach Bad Iburg geholt – und verspricht für das kommende Frühjahr einen Gast, der Sarrazins Auftritt noch in den Schatten stellt.

Wenn Wandtke das sagt, klingt es nicht nach einer Ankündigung, sondern wie ein Befehl. Zum schneidigen Ton und dem breiten Kreuz trägt der Politiker Brikettfrisur, Schnurrbart und getönte Brille Eigentlich wartet man darauf, dass er „Runter, zehn!“ brüllt und der ganze Saal Liegestütze machen muss. Stattdessen beweist Wandtke Selbstironie, als er den Vertreter der Presse begrüßt: „Um Ihnen eine Freude zu machen, habe ich extra ein braunes Sakko angezogen. Springerstiefel und Glatzen sehen Sie hier ja leider nicht.“

Nein, Glatzen sind wie erwartet nicht vor Ort. Aber einige AfD-Leute haben ihren Scheitel schon sehr scharf gezogen. Die auffälligste Frisur allerdings sitzt im Publikum, hat die Form eines verwaisten Vogelnestes und gehört dem offen homophob lebenden Ralf Gervelmeyer . Was der Politiker und Unternehmer wohl denkt, als Akif Pirinçci vorträgt: „Die Homosexualität zu verdammen wäre das gleiche, wie wenn man die Verästelungsstruktur eines Baumes verdammen würde, nur weil sie dem eigenen ästhetischen Empfinden nicht behagt“?

Bei aller Hetzerei gegen Randgruppen und das vermeintlich übermächtige linke Establishment: Pirinccis Künstlerseele lässt sich von niemandem und gegen niemanden vereinnahmen. Dumm ist der Mann auch nicht, und wirtschaftlich kann er es sich ohnehin leisten, seine Fans zu verprellen.

„Die Salafisten haben bislang niemanden umgebracht“

Als eine aufgekratzte Frau fragt, ob er ihr erklären könne, warum der Islam in Deutschland so viel Schutz genieße, wo doch zum Beispiel eine Koran-Sure zum Töten der Ungläubigen aufrufe, antwortet Pirinçci: „Es ist eine total falsche Vorgehensweise, aus dem Koran einzelne Sätze herauszunehmen.“ Der Islam sei eine flexible Religion, an einer anderen Stelle des Korans stehe, man solle seine Feinde lieben.

Das Publikum will sich damit nicht zufrieden geben. Ein Zuhörer fragt, was denn mit den Muslimen sei, die vor einem Jahr am Kirchweyer Bahnhof einen 25-Jährigen ins Koma getreten hatten. „Die sind doch nicht zum Bahnsteig gegangen, um den Koran umzusetzen!“, sagt Pirinçci. „Das ist alles Unsinn! Diese Jugendlichen sind Verwahrloste.“

Wer dem Islam angehöre und übertrieben religiös sei, lebe geistig im Mittelalter und sei zweifellos gefährlich. Die meisten Muslime in Deutschland seien aber völlig friedlich und würden sich für ihren Glauben überhaupt nicht interessieren. Im Publikum regt sich jetzt nichts mehr. Ausgerechnet der neue Steuermann hat ihm den Wind aus den Segeln genommen. „Diese Salafisten haben bislang meines Wissens nach niemanden umgebracht“, schiebt Pirinçci noch nach.

Trotzdem halte er die Religion grundsätzlich natürlich für völligen Blödsinn, wogegen sich wiederum der „Christenmensch und bekennende Protestant“ Armin-Paul Hampel verwehrt. „An dieser Stelle trennen sich unsere Wege, Herr Pirinçci“, sagt Hampel und beendet kurz danach die Veranstaltung.

Akif Pirinçci, das erwähnt er regelmäßig, besitzt kein Auto und ist deshalb auch heute mit dem Zug nach Osnabrück gekommen. Sollte man ihm jetzt eine Mitfahrgelegenheit anbieten – oder bringt ihn die AfD wohl noch zum Bahnhof?