Verhandlung vor Osnabrücker Landgericht Jacke in den Schornstein des Mieters in Bohmte gestopft

Von Hendrik Steinkuhl

Was treibt einen Mann dazu, auf das Dach seines Mietshauses zu klettern und dort den Schornstein dichtzumachen? Das fragten sich auch die Richter ... Foto: dpaWas treibt einen Mann dazu, auf das Dach seines Mietshauses zu klettern und dort den Schornstein dichtzumachen? Das fragten sich auch die Richter ... Foto: dpa

Osnabrück/Bohmte. Der Angeklagte verteidigt sich selbst, der Geschädigte lebt seit eineinhalb Jahren ohne heißes Wasser: Bevor das Osnabrücker Landgericht das Berufungsverfahren gegen einen 73-Jährigen aus Bad Essen einstellte, erlebten die Beteiligten eine sehr spezielle Verhandlung.

Was treibt einen Mann dazu, auf das Dach eines seiner Mietshäuser zu klettern und dort mit einer Jacke, einer Holzplatte und einigen Backsteinen den Schornstein dichtzumachen? „Ich habe vermutet, dass die heimlich die Heizung angemacht haben. Aber ich kam und kam nicht ran!“ Mit „die“ sind die Bewohner eines Hauses in Bohmte gemeint, das dem 73-jährigen Bad Essener gehört.

Im Mai 2013 war offenbar die Zentralheizung in dem Gebäude ausgefallen, das von einem 35-jährigen Lehrer, seiner Frau, einem einjährigen Kind und der Mutter des Lehrers bewohnt wird. Wegen der defekten Heizung hatte der 35-Jährige seit Mai 2013 keine Miete gezahlt, im Juli 2013 stieg ihm dann sein Vermieter aufs Dach.

Briefkasten zugeschraubt

Der Angeklagte sagte, er habe immer wieder versucht, die Heizung reparieren zu lassen. Doch jedes Mal hätten der beauftragte Handwerker und er tatenlos wieder abziehen müssen, weil sein Mieter ihm den Zutritt zu dem Haus verwehrt habe. Die Reparaturtermine habe er übrigens stets an die Schule des Vermieters geschickt. „Den Briefkasten am Haus hat der zugeschraubt!“

Das Amtsgericht Osnabrück hatte den 73-Jährigen wegen des Versuchs der schweren Körperverletzung zu einer Geldstrafe in Höhe von 3600 Euro verurteilt. Hätte die Heizung – wie der Vermieter vermutete – tatsächlich funktioniert, wären durch das Verstopfen des Kamins potenziell tödliche Gase entstanden. „Ist Ihnen bewusst, dass das Abdecken des Schornsteins außerordentlich gefährlich war?“, fragte der Vorsitzende Richter. Der Angeklagte antwortete, er habe seinen Mieter schriftlich darauf hingewiesen, dass er die – offiziell defekte – Heizung nicht selbstständig anstellen dürfe.

So absurd die von dem 73-Jährigen eingestandene Tat war, so absurd geriet durch sein Auftreten auch die Verhandlung. Der frühere Maurer und Besitzer mehrerer Mietshäuser kam mit vollkommen abgewetzter Kleidung in den Gerichtssaal; auf einen Anwalt hatte er verzichtet, er verteidigte sich selbst. An die geladenen Zeugen richtete er immer wieder ausufernde Fragen, er unterbrach den Vorsitzenden bei dessen Zeugenbefragungen und beantragte schließlich sogar einen Ortstermin an seinem Bohmter Mietshaus.

Nicht weniger skurril geriet der Auftritt des 35-jährigen Mieters. Da die Zentralheizung weiterhin defekt ist, leben seine Familie und er seit mittlerweile eineinhalb Jahren ohne heißes Wasser. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters, wie das denn gehe, antwortete der Lehrer völlig aufgebracht: „Ich bin ehemaliger Offizier der Luftwaffe, ich habe meinen Lebensmittelpunkt in Bohmte gefunden, ich habe hier sogar Freunde. Meine Frau und ich sind doch offen für Vermittlungen.“ Offenbar wollte der 35 Jährige damit sagen, dass er unter keinen Umständen aus Bohmte wegziehen wolle – auch dann nicht, wenn er weiterhin kalt duschen müsse.

Leben ohne Heizung

Wie das Leben ohne funktionierende Heizung mit einem einjährigen Kind ist und warum er seinem Vermieter und dessen Heizungsmonteur immer wieder den Zutritt zu seinem Haus verwehrt hat – diese Fragen blieben offen.

Mit dem 35-jährigen Mieter und seinem 73-jährigen Vermieter sind offenbar zwei echte Querulanten aufeinandergetroffen. Der Vorsitzende Richter erwähnte mehrfach, dass die beiden auch zivilrechtlich im Clinch lägen und die Auseinandersetzungen zahlreiche Ordner füllen würden.

Unter der Voraussetzung, dass der Angeklagte seinem Mieter noch einmal zwei Termine zur Heizungsreparatur vorschlage, stellte das Gericht das Verfahren gegen den 73-Jährigen schließlich ein. Der Vorsitzende sagte am Ende der Verhandlung: „Ich will Sie beide nicht mehr wiedersehen und überlasse Sie Ihrem gemeinsamen Schicksal!“