Ohne Badelatschen zum Selbsttest Freibadtest im Winter: Schwimmen in Bohmte bei minus 4 Grad

Das Freibad in Bohmte hat trotz Minustemperaturen noch bis Heiligabend geöffnet.Das Freibad in Bohmte hat trotz Minustemperaturen noch bis Heiligabend geöffnet.
Oliver Krato

Bohmte. Das Bohmter Freibad öffnet auch bei eisigen Temperaturen bis Weihnachten. Wie gut schwimmt es sich bei Minusgraden? Ich habe es ausprobiert.

Erst ist der Auftrag nur ein Missverständnis, dann steht er schon im Redaktionsplan: Es gilt, das Bohmter Freibad zu testen. Am 22. Dezember, bei minus 4 Grad. Fluchend erzähle ich Freundinnen davon. Von einer Kollegin bekomme ich just den Tipp: "Vermeide, dass die Haare nass werden. Wenn du ansonsten fit bist, keine Erkältungsgefahr." Jetzt ist Vorbereitung alles, denke ich.

Sonst immer nur planschend im Wasser unterwegs, radle ich am Vorabend nach Arbeitsschluss in die Stadt – bei solchen Temperaturen und diesem Auftrag braucht es einen Badeanzug. Auf dem Rückweg frieren die Bremsen meines Fahrrades fest und ich muss schieben; es sind minus 6 Grad.

Noch in der Nacht befreie ich die gefrorenen Autoscheiben vom Eis und befestige die silbrige Abdeckung über der Frontscheibe, um am Morgen nicht ran zu müssen. Was für ein Selbstmordkommando, denke ich beim Kratzen. Am Morgen in der Redaktionskonferenz wird herzlich über meine Idee gelacht, mit Mütze schwimmen zu gehen. "Solche Leute spritze ich beim Schwimmen immer extra nass", wirft die nächste Kollegin ein. 

Oliver Krato
In der Nacht auf den 22. Dezember friert es stark.

Das Eis glitzert in den gefrorenen Feldern und Wäldern des Wittlager Landes, das ich auf dem Weg zum Bohmter Freibad durchquere. Die Sonne steht gegen kurz vor 10 am Morgen noch tief, strahlt die winterliche Landschaft an und erzeugt eine Instagram-würdige Kulisse. Ich lege die Weihnachts-CD ein. Allmählich steigt die Motivation, verrückte Redaktionsideen umzusetzen.

Noch wird das Bohmter Hallenbad saniert

Am Freibad angekommen, dampft das Wasser im großen Becken. Es wird auf 26 Grad erwärmt, wie der Leiter des Bohmter Hallen- und Freibades, Dirk Wiechmann, berichtet. Eine Ausnahmesituation in Bohmte, normalerweise schließt das Freibad spätestens Ende September. In diesem Jahr allerdings wird das Hallenbad saniert. Noch ist der Prozess nicht abgeschlossen, also bleibt das Freibad bis Weihnachten offen – und wird damit zu einer Attraktion für Schwimmbegeisterte.

Beim kurzen Abstecher in die Umkleide fällt mir auf: Badelatschen im Auto vergessen. Das gibt kalte Füße – aber nützt ja nichts. Okay, ich muss es ja auch nur bis zum erwärmten Becken schaffen. Dort angekommen wird das Gefühl in den Füßen schnell wieder hergestellt, im Wasser ist es tatsächlich sehr angenehm. Die ersten vier Bahnen schwimme ich noch mit Mütze; niemand spritzt mich nass. Zum Glück dampft das Wasser so stark, da fällt mein vor Anstrengung pustender Atem nicht auf. Was unsportlich klingt, ist es auch: Silvia Gerd-Witte schwimmt neben mir und überholt mich spielend, während sie in Ruhe ihre Bahnen zieht. Drei bis vier Mal pro Woche kommt sie her, erzählt sie. "Gestern bin ich mit dem Rad zum Einkaufen gefahren, da hab ich gefroren. Hier friere ich nicht."

Oliver Krato
Silvia Gerd-Witte friert im Bohmter Freibad nicht.

Zu den Abgehärteten gehört auch eine Gruppe von Wassergymnastik-Begeisterten. Unter der schonungslosen Führung von Trainerin Hilde Sundmäker turnen die Rentnerinnen durch den linken Teil des Beckens. Ich werfe die Mütze an den Beckenrand und will mich der Sportgruppe anschließen – in der Hoffnung, in diesem Teil des Beckens der ganz großen sportlichen Herausforderung zu entgehen und mich auf dem Boden aufstellen zu können. Weit gefehlt, das Training findet im tiefen Becken des Sprungturms statt. Verflixt, wieder keine Erholung in Sicht. 

Während Hilde – im Wasser duzt man sich – immer wieder neue Übungen ansagt, keuche ich und gehe diverse Male unter. So viel zum Thema vermeide, dass die Haare nass werden. Die Hände hinter den Rücken zu ziehen oder sich mit den Schultern über die Wasseroberfläche zu paddeln, ist gar nicht so einfach ohne Training. Ich erfahre von Helga ihren Trick: Als Anfängerin solle ich einen Schaumstoffgürtel umbinden. Für das Programm von Hilde brauche man Muskeln. Allerdings! Mit Helgas Schaumstoff-Leihgabe komme ich mir so leicht vor wie ein Wasserläufer. Warum denn nicht gleich so? 

Oliver Krato
Mit dem Schaumstoffgürtel fällt das Training umgehend viel leichter.

Weihnachtliche Stimmung mit Adventsschwimmen

Während ich auf Hilde Sundmäkers unerbittliches Geheiß noch weitere 40 Hüftschwünge nachhole, ertönt aus dem Lautsprecher der Soundtrack des Weihnachtsmärchens "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel". Es weihnachtet sehr im Freibad Bohmte – so paradox diese Kombination auch klingen mag. Aber immerhin bot sich so die Chance, ein Adventsschwimmen anzubieten, dass am Freitag zuvor stattfand. 

Für die Veranstaltung gab es bewusst keine Ankündigung: Die Organisatoren hatten Sorge, dass ansonsten zu viele Schwimmbegeisterte hätten dabei sein wollen. 30 Schwimmer fanden sich ein, der gewählte Tag passte auch wettermäßig. Adventliches Lob gab es einmal mehr für das Freibadteam: "Die haben wirklich für eine super weihnachtliche Dekoration gesorgt."

Gertrud Premke
Geschwommen wird mit Mütze – die kann beim Adventsschwimmen auch mal weihnachtlich ausfallen.

An Heiligabend endet die ungewöhnliche Freibadsaison 2021 mit der Einlösung des Wetteinsatzes. Die Ansage von Bürgermeisterin Tanja Strotmann hatte gelautet: "Wenn es das Freibadteam schafft, das Bad bis Weihnachten offen zu halten, springe ich Heiligabend ins Becken." Das soll um 9 Uhr geschehen. Geöffnet ist von 9 bis 13 Uhr. Allerdings verrät Emma Hartmann vom Freibadteam: "Die Badegäste möchten gern eine Verlängerung." Sie verweist darauf, dass die Resonanz auf das Angebot enorm ist: "Am Sonntag war es der Wahnsinn. Rund 160 Badegäste, die zum Teil bis zu 50 Kilometer fahren."

Der Andrang ist riesig

Diesen Andrang bestätigt auch Dirk Wiechmann, der in einem kleinen Häuschen neben dem Becken auf die Schwimmer achtet. Täglich zählt er 80 bis 160 Besucher: "Diese Zahlen wünscht sich jedes Hallenbad." Viele kämen wegen der günstigen Preise und des gemütlichen Flairs, außerdem sei der Kiosk gut. Extrem wichtig, eine Freibad-Pommes gehöre schließlich zum Besuch dazu. Vor allem ist laut Wiechmann die Atmosphäre im Bohmter Freibad gelöst: "Ich sehe bei allen Besuchern nur strahlende Gesichter, es gibt kein Corona-Gespräch. Die Gäste kommen hier runter."

Zu den Fans der verlängerten Öffnungszeiten gehört auch die Hildes Wassergymnastik-Gruppe. Etwa eine Stunde trainiert die Gruppe wöchentlich, oftmals sind bis zu 15 Sportbegeisterte spontan und ohne Anmeldung dabei. "Die merken selber, wie gut ihnen das tut, darum kommen sie immer wieder", erklärt Hilde. Sie gibt den Kurs ehrenamtlich schon seit etwa zehn Jahren, hat sich vorher beim TV01 Bohmte als Trainerin engagiert. "Ich mache das einfach aus Spaß an der Freude und inzwischen kennt man sich", betont sie. Nach dem anstrengenden Training unterhalten sich die Kursteilnehmerinnen noch kurz und steigen dann aus dem Becken. Ende für heute. Inzwischen spüre ich ein ordentliches Ziehen in beiden Oberarmen.

Beim Weg aus dem Becken schilt mich Rita, weil ich keine Badelatschen trage: "Das gibt eine Blasenentzündung!" Mit Helga spreche ich darum nur noch kurz zitternd und mit den Füßen im warmen Wasser – sie erzählt mir, dass sie in der vergangenen Woche an jedem Tag im Freibad war: "Das ist einfach toll hier."

Oliver Krato
Nach dem Bad ist es eisig kalt: Helga erklärt mir ihre Sportbegeisterung.

Jetzt aber schnell zurück in die Umkleide; auf den Steinplatten weicht schon nach einigen Schritten wieder jegliches Gefühl aus den Füßen. Drinnen angekommen tauen alle eisigen Körperextremitäten schnell wieder auf. Zurück bleibt ein Hauch Euphorie ob der netten Mitschwimmerinnen und außergewöhnlichen Erfahrung. Hat sich gelohnt, das Winterbaden – wiederholen werde ich diesen sportlichen Meilenstein meiner Schwimmkarriere aber wohl vorerst nicht.


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