Der Stieglitz ist in Bedrängnis Ein farbenfoher Vogel ist im Wittlager Land heimisch

Die Samen der Disteln sind seine Leibspeise, ihnen verdankt der Distelfink seinen Namen. Foto: Erhard FrostDie Samen der Disteln sind seine Leibspeise, ihnen verdankt der Distelfink seinen Namen. Foto: Erhard Frost

Altkreis Wittlage. Als einer der farbenfrohsten Vögel in unseren Gefilden ist der Stieglitz leicht auszumachen. Was er so alles drauf hat, verrät uns in diesem Monat das Wittlager Gezwitscher.

Carduelis carduelis lautet der wissenschaftliche Name des Stieglitz, der sich vom lateinischen carduus, zu deutsch: Distel, ableitet und damit auf einen anderen Namen hinweist, unter der Stieglitz bekannt ist, den Distelfink. Gleich mehrere Namen, das hat fast schon Starqualitäten, und tatsächlich ist der Stieglitz, den Naturschutzbund Deutschland (NABU) und sein bayerischer Partner, der Landesbund für Vogelschutz (LBV) 2016 zum Vogel des Jahres kürten, wahrlich ein bunter Vogel. 

Auffällig sind seine kräftig rote Gesichtsmaske, seine weißen Halsseiten und, davon kontrastierend abgesetzt, sein schwarzer Nacken und Oberkopf. Als sei das noch nicht farbenfroh genug, sind die Flügel des Stieglitz durch breite leuchtend gelbe Binde gekennzeichnet. Ein schwarz-rot-goldener Vogel, wenn man so will. Dabei ist sein Lebensraum aber nicht auf Deutschland begrenzt, vielmehr fühlt sich der Stieglitz fast in ganz Europa heimisch und darüber hinaus: Von den Kanarischen Inseln und Nordafrika bis Schottland, Südskandinavien und Südfinnland, und von den Azoren bis Westsibirien ist er verbreitet, besonders häufig anzutreffen ist er jedoch im Mittelmeergebiet. 

Er schätzt nämlich die Samen von Korbblütlern, wie sie im mediterranen Raum bestens gedeihen, darunter auch die Distel, der der Finkenvogel seinen Zweitnamen verdankt. Um an diese Samen zu gelangen, besitzt der Stieglitz einen für Finken außergewöhnlich langen und spitzen Schnabel, mit dem er nur selten tierische Nahrung aufnimmt und wenn, dann hauptsächlich in Form von Blattläusen.

Disteln gibt es in trockenen Sommer reichlich. Was den Gärtner ärgert, freut den Distelfink. Foto: Erhard Frost

Ein echtes Blumenkind

Der Stieglitz ist ein Teilzieher, der in Westeuropa überwintert. In westlicheren, milderen Regionen seines Verbreitungsgebietes ist er ein Standvogel, während er in Regionen mit strengeren Wintern auch in wärmere Gegenden migriert. Der Name Stieglitz umschreibt den charakteristischen Ruf, der als "stiglit“ verstanden werden kann. Zur Brutzeit, die Ende März beginnt, besiedelt der Stieglitz gerne Gärten und blumenreiche Wiesen. Dabei lebt der Vogel, der ursprünglich in lichten Wäldern zuhause war, heute sowohl in ländlichen als auch städtischen Gebieten. Gerade in Siedlungsgebieten findet er heute häufig mehr Nahrung als in ländlichen Regionen, wo ihm die intensive landwirtschaftliche Nutzung und das damit verbundenen Fehlen von Blühpflanzen das Leben schwer macht.

Der auch Distelfink genannte Stieglitz steht für vielfältige und farbenfrohe Landschaften, denn er ernährt sich vornehmlich von den Samen zahlreicher verschiedener Blütenpflanzen, Gräser und Bäume. Bunte Landschaften mit ausreichend Nahrung gibt es jedoch immer weniger, daher ist der Bestand des Stieglitzes in Deutschland in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen. Laut den Daten des Dachverbandes Deutscher Avifaunisten, also der Vogelkundler, hat er von 1990 bis 2013 um 48 Prozent abgenommen.

Wittlager Gezwitscher

In einer Serie stellen wir monatlich Vögel vor, die im Wittlager Land heimisch sind. Die Fotos hat jeweils Erhard Frost erstellt. Heute geht es um den Stieglitz, auch Distelfiink genannt.

„Allein in der Agrarlandschaft sind seit 1994 fast 90 Prozent aller Brachflächen mit ihrer heimischen Artenvielfalt verloren gegangen. Auch Randstreifen mit Blumen und Wildkräutern an Feldern und Wegen werden immer weniger und artenärmer. Für unseren Jahresvogel wird es in Deutschland inzwischen eng“, sagte NABU-Vizepräsident Helmut Opitz bei der Entscheidung für den Stieglitz als Vogel des Jahres. Es gebe viele Möglichkeiten, den Lebensraum des farbenfrohen Finken zu erhalten. „Überregional kann nur eine Reform der bestehenden EU-Agrarverordnungen und -Förderinstrumente den Verlust landwirtschaftlicher Brachflächen stoppen. Aber auch in Städten und Gemeinden werden Konzepte benötigt, damit es mehr Wildnis am Straßenrand und auf grünen Flächen gibt“, sagte der LBV-Vorsitzende Norbert Schäffer. "Auch private Gärtner können sich für den Erhalt von Lebensräumen des Stieglitzes einsetzen. Das Anlegen von Blühflächen mit heimischen Wildkräutern sowie Obstbäumen und der Verzicht auf Pestizide helfen dem zierlichen Finken", mit diesem Rat erteilen die Naturschützer Schottergärten ein Absage.

Fleißige Weibchen

In Familienangelegenheiten ist bei Stieglitzen das Weibchen gefordert: Ihm bleibt es meist überlassen, das gut gepolsterte Nest in die äußeren Zweige der Bäume zu bauen, was es mit großer Sorgfalt tut. Die Nester, in die es normalerweise fünf bis sechs Eier legt, sind aufwändig aus zarten Halmen, Moos und kleinsten wurzeln geflochten und mit Flechten und Gespinst so ummantelt, dass sie für das menschliche Auge eins mit der Umgebung und kaum zu erkennen sind. Auch das Brüten übernimmt Frau Stieglitz, während der Göttergatte sich aber immerhin an der Fütterung beteiligt, bis die Jungvögel nach etwa zwei Wochen flügge sind. Die Eltern brüten, wenn die erste Brut selbständig ist, noch ein zweites, manchmal sogar ein drittes Mal und schließen sich im Spätsommer zu Schwärmen zusammen, in denen sie Schutthalden, Kraut- und Brachflächen durchstreifen auf der Such nach Nahrung aus Kletten, Disteln und anderen Wildkräutern. 


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