„Immer etwas Süßes“ Zwei Studentinnen aus China zu Gast in Haldem

Von Christa Bechtel

Der Haldemer Wilhelm Reessing nahm jetzt für zwei Wochen die Studentinnen Anqi Tian und Tingpiao Wang aus China bei sich auf. Foto: Christa BechtelDer Haldemer Wilhelm Reessing nahm jetzt für zwei Wochen die Studentinnen Anqi Tian und Tingpiao Wang aus China bei sich auf. Foto: Christa Bechtel

Haldem. Seit über 85 Jahren bietet der Verein „Experiment“ mit Sitz in Bonn Auslandsaufenthalte für Schüler, Studierende und junge Erwachsene sowie Menschen in und nach dem Berufsleben an. Außerdem gibt es die Möglichkeit, Austauschschüler sowie Erwachsene als Gastfamilie aufzunehmen. Diese Chance nimmt auch Wilhelm Reessing aus Haldem seit dem Frühjahr 2018 wahr.

War es im April 2018 ein 23-jähriger Inder, der bei ihm zu Gast war, so waren es jetzt Anqi Tian und Tingpiao Wang aus China, die sich ab dem 22. Dezember für 14 Tage bei Reessing, der sich unter anderem für die Tschernobyl-Kinder innerhalb der Landeskirche Hannover und dem Kirchenkreis Grafschaft Diepholz ehrenamtlich engagiert, sichtlich wohlfühlten.

Heiligabend Geburtstag

Ziel dieser Gastaufenthalte sei es auch, „dass junge, ausländische Studenten das deutsche Familienleben kennenlernen“, erklärt Reessing, der weiter ergänzt: „Anqi hat am 24. Dezember ihren 20. Geburtstag bei mir gefeiert. Sie hat gesagt, dass sie dadurch etwas Besonderes mit Weihnachten verbindet. Und sie wollte gerne unsere Weihnachtskultur kennenlernen.“ Die Arbeit von ‚Experiment‘ gefalle ihm sehr gut. „Denn mein Interesse ist sehr groß, jungen Menschen unsere Welt zu zeigen, ein bisschen Lebenserfahrung zu vermitteln und meine Familie vorzustellen“, so der Haldemer, der bis heute mit seinem ersten Gast aus Indien in Verbindung steht.

Lücke entdeckt

Warum nimmt Wilhelm Reessing Studenten bei sich auf? „Das Hauptinteresse entspricht meiner Motivation, die seit meiner Kindheit in mir steckt, anderen etwas zu vermitteln. Ich habe sehr viel Erfahrung im Kinder- und Jugendbereich, bin selbst Kinderrechtler“, erläutert Reessing, der sich immer auch für den Kinderschutzbund engagierte. Es sei gut, dass gerade jungen Leuten vermittelt werde, „wie unsere Gesellschaft ist. Da habe ich für mich eine Lücke bei ‚Experiment‘ entdeckt und bin jetzt sozusagen für zwei Wochen Gastvater für diese beiden Studentinnen. Wir haben uns vorher nicht gekannt – und wohnen jetzt, wie in einer Wohngemeinschaft, unter einem Dach.“

Im Wohnzimmer gesprochen

Ihm persönlich bringe dieser Aufenthalt: „Ich möchte etwas geben, aber ich erfahre auch sehr viel über junge Leute im Ausland, über das Leben der Familien. Ich habe mit der Mutter von Anqi in meinem Wohnzimmer gesprochen, was mit der heutigen Technik kein Problem ist. Das alles wäre nicht möglich, wenn dieser Austausch nicht da wäre. Er bringt für mich im Alter noch etwas Besonderes: Nämlich beweglich und etwas fitter zu bleiben“, schwärmt Reessing, der mit den beiden 20-Jährigen sehr viel „auf Achse“ war.

Studium der Germanistik

So haben Anqi, die in Augsburg Deutsch als Fremdsprache studiert, und Tingpiao, kurz Tilla genannt – sie studiert in Osnabrück Germanistik – nicht nur Reessings komplette Familie kennengelernt, sondern statteten beispielsweise dem Weihnachtsmarkt Bremen, der Schachtschleuse und dem Kaiser Wilhelm-Denkmal in Minden einen Besuch ab, fuhren mit dem historischen Zug von Pr. Oldendorf nach Bad Essen, besuchten den Zirkus Roncalli oder es ging zum Schwimmen nach Espelkamp und Herford oder zum Einkaufen nach Lemförde und Osnabrück.

Eine tolle Chance

Anqi möchte nach ihrem Studium Lehrerin an der Uni in China werden. Tilla dagegen an der Mittelschule unterrichten. Was war ihre Intention, in Deutschland zu studieren? „Das ist ein Programm zwischen meiner Uni und der Uni Osnabrück. Wir haben drei in München, Stuttgart und Osnabrück“, verdeutlicht Tilla, dass fast alle Studenten ihrer Uni ins Ausland gehen. Sie weiß: „Das ist eine tolle Chance für mich.“ Anqi bleibt für ein Semester in Deutschland, absolviert dann ihren Bachelor-Abschluss in China und möchte anschließend ihren Master wieder in Deutschland machen.

Landschaft und Kultur

„Diese Tage bei Wilhelm waren sehr sinnvoll und interessant. Endlich kenne ich eine echte deutsche Familie“, zeigt sich Anqi begeistert, die mit Studenten aus Frankreich, Spanien oder Italien studiert; sogar ihr Lehrer kommt aus Schweden. Zuvor hatten sich beide über die Landschaft und Kultur in Norddeutschland informiert. Was Anqi überrascht hat: „Einige Wörter in Süd- und Norddeutschland sind unterschiedlich. In Augsburg sagt man immer ‚Grüß Gott‘ hier einfach ‚Moin‘ oder ‚Tach‘. Und was für mich unglaublich ist: Hier gibt es keine Brezel“, sagt sie lachend.

WG in Osnabrück

Auch Tilla haben die Tage sehr beeindruckt, die in Osnabrück in einer WG lebt. „Wir treffen uns nur in der Küche und jeder geht nach dem Essen in sein Zimmer. Vorher dachte ich immer, deutsches Brot ist hart. Jetzt esse ich gerne deutsche Brötchen - und Süßigkeiten. Wir haben uns den Gruppennamen ‚Süßigkeitfamilie‘ gegeben, weil es bei Wilhelm immer Süßes gibt“, erzählt Tilla.

Beide wissen: „Wir haben in diesen zwei Wochen einiges zugenommen.“ Sonst würden sie sehr auf gesunde Ernährung achten, denn: „Wir müssen fit bleiben.“ Worüber sie sich einig sind: „Wir möchten in Zukunft gerne den Kontakt zu Wilhelm weiter halten.“


Gastfamilien gesucht

Der Verein „Experiment“ sucht immer Gastfamilien, die Studierende aufnehmen. Interessierte können sich an die Geschäftsstelle unter Telefon 0228/957220 oder sich im Internet unter www.experiment-ev.de informieren.

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