Eine Zwischenbilanz Zehn Jahre Shared Space: Herrscht Chaos oder rollt der Verkehr in Bohmte?

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Der Shared Space in Bohmte von oben. Auf diesem Luftbild aus dem Jahr 2015 gut zu sehen: der Kreisverkehr, der eine Art Platzcharakter bekommen hat. Archivfoto: Friedrich LükeDer Shared Space in Bohmte von oben. Auf diesem Luftbild aus dem Jahr 2015 gut zu sehen: der Kreisverkehr, der eine Art Platzcharakter bekommen hat. Archivfoto: Friedrich Lüke 

Bohmte. Seit zehn Jahren gibt es auf der Bremer Straße in Bohmte einen Shared-Space-Bereich, in dem keine Straßenschilder mehr stehen und alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt sein sollen. Ist das prophezeite Chaos eingetreten, und ist das Verkehrsaufkommen gesunken? Zeit für eine Zwischenbilanz.

Donnerstagmorgen, 8 Uhr, in Bohmte. Es ist Berufsverkehrszeit. Von allen Seiten wollen Autofahrer in den Kreisverkehr an der Bremer Straße fahren, doch nicht immer scheinen sie zu wissen, wer denn jetzt zuerst fahren soll. Der Verkehr staut sich und es dauert eine Zeit, bis er wieder flüssig rollt. Das Besondere an dem Kreisel: Er liegt in dem Bereich, der vor zehn Jahren zum Shared Space wurde – und damit zu einem Streckenabschnitt, in dem nicht länger der motorisierte Verkehr bevorzugt wird, sondern den sich Autofahrer, Fußgänger sowie Radler harmonisch und gleichberechtigt teilen sollen. Durch einen selbsterklärenden Straßenraum sollen sie zu einem sozialen Miteinander erzogen werden – soweit die Theorie.

Anke Kleinfeld (links) und Jennifer Unruh bekommen in der Bäckerei viel mit. Sie liegt direkt am Kreisverkehr. Foto: Nadine Grunewald

Rund 30 Verkehrsschilder standen früher auf dem etwa 400 Meter langen Abschnitt der Bremer Straße. Heute ist dieser schilderlos. Zwei kleine, weiß-gelbe Verkehrsschilder mit grauen Linien kündigen auf beiden Seiten das Ende der Vorfahrtsstraße und den Beginn des Shared-Space-Bereichs an. „Die grundlegenden Dinge der Verkehrsregeln gelten hier weiterhin“, sagt Bohmtes Bürgermeister Klaus Goedejohann. „Es gelten die Straßenverkehrsordnung und rechts vor links.“ Und weil am Kreisverkehr keine Schilder stehen, gilt auch dort rechts vor links.

Für Auswärtige schwierig

Doch nicht für alle scheint das so klar zu sein. Erst recht nicht für die Auswärtigen, die durch die 13.000-Einwohner-Stadt fahren. „Wenn man es nicht kennt, ist das irritierend“, sagt Uwe Maier, der aus Duisburg kommt und mit seiner Frau Ulrike einen Ausflug in die Region gemacht hat. Sie sind mit dem Fahrrad unterwegs, machen gerade eine kurze Pause am Kreisel in Bohmte und beobachten den Verkehr. „Hier würde ich mir einen Fahrradhelm holen“, sagt Ulrike Maier, für die Radfahren hier eine Herausforderung sei. Ihr Mann ergänzt mit Blick auf die rot asphaltierte Fahrbahn: „Bei uns bedeutet eine rote Fahrbahn Spielstraße. Das heißt, Autos müssen Schritttempo fahren und Fußgänger haben Vorrang. Das finde ich sinnvoller.“

Marco Lorenz kommt aus Hilter, fährt aber häufig durch Bohmte. Beim Bäcker hat er sich mit einer Tasse Kaffee und einer Nussecke gestärkt.

Dass viele Auswärtige nicht wissen, wie sie sich im Shared-Space-Bereich verhalten sollen, bekommen die Verkäuferinnen der Bäckerei Titgemeyer täglich mit. Das Geschäft ist direkt am Kreisverkehr. „Es staut sich dann, und es gibt viel Gehupe“, sagt Jennifer Unruh, die die Idee an sich gut findet. „Es gibt keinen Schilderwald. Aber als Auswärtige fände ich es auch verwirrend.“ Zudem seien ihr und ihrer Kollegin Anke Kleinfeld aufgefallen, dass Kinder häufig Schwierigkeiten hätten, über die Straße zu kommen. „Die warten ewig. Eine Kundin hat uns gesagt, sie käme nicht mehr, weil sie nicht über die Straße kommt“, sagt Unruh und Marco Lorenz, der in der Bäckerei grade einen Kaffee trinkt, nickt. Der Hilteraner fährt häufig durch Bohmte, doch auch für ihn sei der Shared-Space-Bereich und gerade der Kreisverkehr noch „ungewohnt“. 

„Die Verkehrssicherheit hat gewonnen.“Klaus Goedejohann

Geht es nach dem Erfinder des Modells, dem niederländischen Verkehrsplaner Hans Mondermann, ist diese Unsicherheit sogar gut. Ihm zufolge schafft Unsicherheit Sicherheit, weil automatisch vorsichtiger gefahren wird. Und auch Bohmtes Bürgermeister findet: „Die Verkehrssicherheit hat gewonnen.“ Die Unfallzahlen in dem Bereich sind seit Einführung des Shared Space allerdings leicht angestiegen. 2004 verzeichnete die Polizei in diesem Bereich fünf Unfälle, im Jahr darauf sieben, 2006 elf und 2007 acht. Eine Person wurde schwer, alle anderen nur leicht verletzt. 2008 passierten nach Eröffnung des Shared Space im Juni elf Unfälle, 2009 waren es 15 und im Jahr darauf 16. Von 2011 bis Ende August 2018 waren es insgesamt 95 Unfälle. Waren es zwischen 2011 und 2016 jährlich zwischen acht und 13 Unfällen, verzeichnete die Polizei 2017 schon 15 und in diesem Jahr bislang bereits 18. 

Bei zwölf Unfällen seit 2011 wurden Personen leicht verletzt. Insgesamt zwölf Fahrradfahrer und ein Fußgänger waren beteiligt. Querungsunfälle gab es laut Goedejohann jedoch nicht im Shared Space, sondern nur auf dem Zebrastreifen auf Höhe des Edeka-Marktes an der Bremer Straße. „Ich finde, man kann mit dem Verkehr jetzt besser umgehen. Und ich habe noch niemanden gehört, der die Ampelkreuzung zurückhaben wollte“, sagt Goedejohann.

Verkehr fließt besser

Auch Hubertus Brörmann, Inhaber des gleichnamigen Modegeschäfts, das kurz vor dem Kreisverkehr an der Bremer Straße liegt, ist froh darüber, dass die Kreuzung der Vergangenheit angehört. „Ich musste drei Frauen unter Lkw wegziehen, die überfahren wurden. Solche schweren Unfälle hatten wir hier seit zehn Jahren nicht mehr“, sagt Brörmann, der damals auch in der Steuerungsgruppe war. Außerdem habe sich der Verkehr zu den Stoßzeiten häufig weit zurückgestaut, und man hätte zum Teil zwei oder drei Ampelphasen lang warten müssen. „Jetzt steht man manchmal im Kreisel, aber der ist breit genug, sodass auch zwei Autos nebeneinander fahren können.“

Zur Philosophie des Shared Space gehört es, dass sich die Verkehrsteilnehmer untereinander verständigen. Das funktioniere Brörmanns Ansicht zufolge in Bohmte noch nicht so gut. Zwar werde häufig gehupt und manchmal schrien sich die Menschen auch durch das offene Fenster an. „In anderen Ländern wird viel mehr weitergewunken oder gehupt. Aber der Deutsche sieht sein Auto als sein Königreich an. Da wird eher Gas gegeben als abgebremst.“ Seiner Meinung nach sei deshalb auch nicht der Shared Space das Problem, wenn mal ein Unfall passiere, sondern bestimmte Autofahrer. 

Wenn Hubertus Brörmann über die Straße gehen möchte, müsse er manchmal lange warten, bis Autofahrer anhalten. Foto: Nadine Grunewald

Brörmann würde sich wünschen, dass mehr Rücksicht auf Fußgänger genommen wird. Er selbst müsse häufiger auf die andere Straßenseite, wo sein Herrenladen ist. „Da steht man schon mal eine Weile.“ Und wenn er als Autofahrer halte, um einen Fußgänger die Straße queren zu lassen, würde es häufig dauern, bis auch der Gegenverkehr stehen bleibe. Dafür ginge es umso schneller, dass sein Hintermann ihn am liebsten überholen würde.

Eine Mutter, die mit ihren zwei Kindern auf der Bank in der Sonne sitzt, hat andere Erfahrungen gemacht: Wenn sie mit ihnen an der Straße stehe, habe sie keine Probleme, herüber zu kommen. „Die meisten wissen nicht richtig, wie sie sich verhalten sollen. Aber mir gefällt, dass Stadtatmosphäre geschaffen wurde, auch durch die abgesenkten Bordsteine“, sagt die Bohmterin.

Schadenersatzverfahren läuft noch immer

Den Fokus auf die Menschen zu richten und vom Verkehr wegzulenken, sei ein weiteres Ziel gewesen, das die Verantwortlichen erreichen wollten. „Es ist eher ein städtebaulicher Ansatz und städtebaulich hat der Ort gewonnen, ohne dass der Verkehr gelitten hat“, sagt Goedejohann. So habe man den Straßencharakter herausgenommen und den Kreisverkehr als eine Art Platz gestaltet. Rund 2,2 Millionen Euro sind zwischen 2003 und 2008 in das Projekt geflossen, davon 1,02 Millionen als Fördergelder von EU, Bund und Landkreis. Allein die Umgestaltung der Ortsmitte kostete rund 1,1 Millionen Euro. Ursprünglich war der Shared-Space-Bereich rot gepflastert. Aufgrund von gravierenden Schäden wurde zunächst das Pflaster ausgetauscht, bevor die Fahrbahndecke bei einer zweiten Sanierung rot asphaltiert wurde. „Diese Schäden begleiten das Projekt negativ“, sagt Goedejohann. Das Verfahren um Schadenersatz läuft seit der letzten Sanierung im Jahr 2014. „Wir hoffen, dass es in Bälde beendet wird.“ Übrigens: Weil die Fahrbahn so stark beschädigt war, mussten 2013 im Shared-Space-Bereich doch Schilder aufgestellt werden.

Bohmtes Bürgermeister Klaus Goedejohann zieht nach zehn Jahren Shared Space ein positives Zwischenfazit. Foto: Nadine Grunewald

In Niedersachsen gibt es laut dem Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung neben Bohmte auch in Kirchhatten ein Shared-Space-Projekt. Laut Goedejohann sieht das Land Shared Space allerdings äußerst kritisch. Die Gemeinde Bohmte habe sich dazu verpflichten müssen, den Shared Space zurückzubauen, falls es nicht funktionieren sollte. 

Aus dem Ministerium heißt es auf Nachfrage, bisherige Studien zu dem Thema würden belegen, „dass bei bestehenden Modellen häufig die schwächeren Verkehrsteilnehmer das Nachsehen haben und zum Teil auch gefährdet werden, weil die gegenseitige Rücksichtnahme mangels klarer Verhaltensregeln nicht immer für alle Beteiligten eindeutig ist“. Weiter heißt es: „Dort wo in der Bevölkerung die Notwendigkeit für ein gegenseitiges Miteinander erkannt wird, funktioniert dieses System ohne besondere Vorgabe. Ein Verzicht auf jegliche Verkehrsregeln in Bereichen, die dafür ungeeignet sind, führt nach Auffassung unseres Hauses jedoch weder zu erhöhter Sicherheit noch zu einem erhöhten Komfort.“  

Verkehrsbelastung weiter hoch

Professor Jürgen Gerlach, der an der Bergischen Universität Wuppertal den Lehrstuhl Straßenverkehrsplanung und -technik leitet, findet die Einrichtung von Shared-Space-Bereichen an passenden Stellen – also da, wo nicht zu viele motorisierte Fahrzeuge unterwegs sind – gut. „Fußgängern und Radfahrern kann mehr Aufmerksamkeit zuteil werden“, sagt er. Allerdings sei es kein Prinzip, das immer und überall verwendet werden könne. Für Bohmte aber sei Shared Space eine sehr gelungen Lösung.

Auch Bohmtes Bürgermeister zieht nach zehn Jahren Shared Space alles in allem eine positive Zwischenbilanz. Doch ein Problem gebe es nach wie vor: Die Verkehrsbelastung habe sich durch den Umbau der Bremer Straße nicht verringert, weder was Autos angeht noch Lkw. Laut dem Bürgermeister fahren täglich zwischen 12.000 und 12.500 Fahrzeuge durch Bohmte, davon 800 bis 1000 Lkw (Stand 2016). „60 Prozent davon sind hausgemachter Verkehr, das heißt, Anfang und Ziel der Fahrt sind hier“, sagt Goedejohann. 

Besuch aus Dubai und Fernost

Während der Bauzeit und nach der Eröffnung kam in Bohmte übrigens noch mal mehr Verkehr hinzu. Denn das Projekt zog zahlreiche Interessierte und Journalisten aus Deutschland und dem Ausland an. „In Dubai wurde in den Medien darüber berichtet, das Fernsehen aus Fernost und Russland war hier und auch in der Washington Post haben wir gestanden“, sagt Goedejohann. Und vielleicht wiederholt sich das in ein paar Jahren nochmal. Denn wenn es nach Bohmtes Bürgermeister geht, würde auch der südliche Bereich der Bremer Straße umgestaltet werden. „Den Bahnhof und das Rathaus als Begrenzung für den Shared Space, das umzusetzen wäre ein Traum.“ 


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