Rockbands unterm Wappen der Kuh Beim Stemweder Open Air wird Musik unabhängig vom Geldbeutel angeboten

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Stemwede. Eigentlich ist Wilhelm Lindemann Chemie-Ingenieur. Nach Feierabend ist er aber Mitglied des geschäftsführenden Vorstands des Stemweder Open Airs. Im Interview erklärt Lindemann die „Umsonst und draußen“-Mentalität des Festivals und wie eine unbekannte Band namens Sportfreunde Stiller einst das Open Air eröffnete.

Sie feiern dieses Jahr am 17. und 18. August die 42. Auflage des Stemweder Open Airs. Wie hat sich das Festival über die Jahre verändert?

Wir sind 1976 ganz klein im damaligen Jugendzentrum angefangen. 1977 haben wir einmal ausgesetzt und seit 1978 machen wir durchgehend das Festival. Bis 1981 haben wir das im Jugendzentrum in Oppendorf gemacht, dann zwei Jahre in Westrup am Freudeneck und dann zwei Jahre in Wehdem, da wo der Waldfrieden heute ist. Und seit 1986 machen wir das in Haldem.

Was waren besondere Highlights in den letzten Jahren?

Davon hatten wir viele. Aber eigentlich sind die Besucher und die ganze Atmosphäre von diesem Festival das Highlight. Es gibt immer Bands, die ganz toll sind, aber da wir verschiedene Musikrichtungen haben, gibt es nicht den besonderen Höhepunkt. Insofern mischt sich auch das Publikum. Das musikalische Konzept des Festivals sagt, dass wir keine bestimmte Richtung machen wollen, wie etwa Wacken mit Metal, sondern dass wir alle möglichen Richtungen und Spielarten der Rockmusik unterm Zeichen der Kuh – dem Wappen des Festivals – vereinen. Mit den verschiedenen Bühnen, die wir haben, hat man eben auch die Möglichkeit, sich eine andere Band ansehen zu gehen, wenn einem die auf der einen Bühne gerade nicht gefällt. Beim Stemweder Open Air ist permanent Musik zu hören.

Hatten Sie, als Sie das Festival begonnen haben, bestimmte Vorbilder?

Also wenn, dann gab es eigentlich zwei: Den Anstoß gegeben hat das Umsonst & Draußen-Festival, das damals in Vlotho stattgefunden hat und jetzt in Porta Westfalica stattfindet. Das ist zwei, drei Jahre vor uns entstanden und hatte eben diesen Gedanken, dass man Musik nicht abhängig macht von Geldbeuteln, sondern sie für alle anbietet. Und das fanden wir natürlich toll. Das andere Vorbild ist mit Woodstock ein wesentlich größeres Festival gewesen – das klingt natürlich etwas großspurig, aber das Festival fanden wir alle super.

Das Stemweder Open Air ist gut besucht und inzwischen auch überregional bekannt. Woran, glauben Sie, liegt das?

Ich glaube, das sind einerseits die verschiedenen Musikstile und zum anderen eine relativ lockere Atmosphäre, das ganze Campingplatztreiben zum Beispiel. Und, weil das Ganze nicht unter einem kommerziellen Gedanken steht. Also natürlich wollen wir sehen, dass wir unsere Kosten decken, aber es ist nicht so, dass wir möglichst viel Geld verdienen wollen, sondern uns die Atmosphäre wichtig ist und das Festival von 350 bis fast 400 ehrenamtlichen Helfern getragen wird. Die machen das auf jeden Fall aus und sind mit Herzblut dabei.

Machen Sie mit den Helfern alles selbst? Vom Booking bis zum Bühnenaufbau?

Alles wird komplett selbst gemacht. Also klar, beim Bühnenaufbau kommt der Technikverleiher oder Bühnenveranstalter und der baut sie auf – aber wir helfen dabei. Alles andere drumherum machen wir selber: Strom, Wasser, Infrastruktur, Campingplätze herrichten, Verkehrsschilder aufstellen, Straßen abflattern. Es gibt so viele Arbeiten. Letztlich wird auch die Versorgung der Helfer von uns selbst organisiert. 350 Leute haben schließlich Hunger und Durst.

Ist es denn schwer, so viele Leute zu mobilisieren?

Es ist mit der Zeit leichter geworden. Wir haben einen Stamm von 40 bis 50 Leuten, die verantwortlich für verschiedene Bereiche sind und im Laufe des Jahres die Sachen organisieren. Ich bin jetzt zum Beispiel im Bereich Campingplatz tätig und überlege, wie man die Sachen da organisiert. Dann kommen die 350 Helfer zu den 50 dazu, die das hauptverantwortlich machen. Da sind viele dabei, die seit Jahrzehnten mithelfen. Das ist ein eingeschworener Haufen im Alter von etwa 18 bis 70 Jahren. Es sind auch ein paar jüngere dabei, die aber dann zum Beispiel Brötchen schmieren.

Es gibt drei Bühnen beim Stemweder Open Air. Wonach gestalten sich da die Kriterien, wer spielt wo?

Auf der Waldbühne spielen die bekannteren Bands, die meistens über Agenturen gebucht werden. Die Wiesenbühne ist eher als eine Newcomer- und regionale Bühne gedacht, auf der ambitionierte junge Bands spielen. Die sind ja genauso gut, wie die anderen auch – nur eben nicht so bekannt. Und im Sonnensystem treten von Samstagnachmittag bis zum frühen Abend Singer/Songwriter auf und abends gibt es dort dann Elektro. Im Rockzelt wird außerdem noch Musik aufgelegt.

Das Festival findet umsonst und draußen statt. Wie finanzieren Sie sich?

Hauptsächlich durch den Verkauf von Getränken und Speisen. Dann kommen noch Campingplatz- und Parkgebühren hinzu. Und viel nehmen eben die ehrenamtlichen Helfer ab, die ja ihre Zeit ins Festival investieren.

Stand es denn je zur Debatte, das Festival kostenpflichtig zu gestalten?

Nein, nie. Allerdings ist der Kostenrahmen eines solchen Festivals enorm hoch. Eigentlich müsste man es machen. Aber daran denken wir nicht.

Was geschieht mit den Erlösen des Festivals?

Der Erlös des Festivals kommt dem Verein für Jugend, Freizeit und Kultur in Stemwede zugute und der betreibt das Jugend- und Kulturzentrum Life House in Stemwede. Wenn es Erlöse gibt, wird die offene Jugendarbeit dort damit unterstützt.

Mit der Organisation sind Sie sicherlich das ganze Jahr beschäftigt, oder? Nach dem Festival ist vor dem Festival?

Genau. Sobald es durch ist, ist man gedanklich schon beim nächsten Festival. Da wird dann überlegt, was dieses Jahr gut oder nicht so gut gelaufen ist. Wobei inzwischen eigentlich fast alles klappt, das sind nur noch Kleinigkeiten, bei denen man eventuell etwas anders machen könnte. Es gibt also eine Manöverkritik hinterher. Dann treffen sich die Verantwortlichen alle vier bis sechs Wochen und dann wird im Laufe des Jahres daran gearbeitet. Speziell die Leute von den Bühnen gucken wahrscheinlich jetzt schon, wen sie für 2019 buchen können.

Stichwort Booking: Sie hatten ja auch schon Bands da, die heute in Deutschland groß sind. Die Donots, Jupiter Jones, Beatsteaks…

Genau. Die Leute von den Bühnen haben da schon ein gewisses Händchen, sich Bands herauszusuchen, die letztlich noch keine großen Namen sind aber schon Potenzial haben. Sportfreunde Stiller haben irgendwann mal als Opener bei uns gespielt. Oder AnnenMayKantereit, die haben vor drei oder vier Jahren bei uns im Sonnensystem vor 50 oder 100 Leuten gespielt und ein Jahr später sind sie auf dem Hurricane aufgetreten. Solang sie unbekannt sind, sind die Bands ja auch froh über jeden Auftritt.

Viele kleine Festivals haben durch die Konkurrenz der großen Festivals oft zu kämpfen, viele hören mit der Zeit auch auf: Die Gagen der Künstler steigen durchs Wettbieten der Großen, Gebietsschutz wird verhängt. Hat das Stemweder Open Air so etwas auch schon zu spüren bekommen?

Man merkt schon, dass gute Bands auch gutes Geld haben wollen. Und wenn sie es dann eben von großen Festivals bekommen, dann hat man schon das Nachsehen, weil man es nicht machen kann oder im Verhältnis zu viel für eine Band ausgeben muss. Aber grundsätzlich gibt es super viele gute Bands, man kennt sie nur vielleicht noch nicht.

Gibt es denn eine Band bei der diesjährigen Ausgabe, auf die Sie sich besonders freuen?

Ja, Russkaja sind denke ich schon etwas Besonderes. Wenn eine Band vier Mal hintereinander auf Wacken spielen darf, dann ist das ja auch schon mal was. Bei uns ist es aber so: ein Mal Stemwede, kein zweites Mal Stemwede. Wir sind schon so, dass wir eine gewisse Breite erhalten wollen und keine Band zwei Mal auftreten lassen möchten. Sonst kommt man letztlich an einen Punkt, an dem man sich wiederholt. Und das ist nicht notwendig.

Okay. Und das ist die feste Regel? Niemand spielt zwei Mal?

Also, mag ja sein, dass die Sportfreunde Stiller oder Donots noch mal bei uns spielen wollen, dann kann es natürlich sein, dass man schwach wird. Aber grundsätzlich ist es schon so.


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