Ein Gespräch Nicole Otte Hunteburgerin engagiert sich für die Hospizarbeit

Von Christa Bechtel

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Nicole Otte unterstützt seit dem 1. März das hauptamtliche Koordinatorinnenteam des Ambulanten Hospiz- und Palliativ-Beratungsdienstes Lemförde. Foto: Christa BechtelNicole Otte unterstützt seit dem 1. März das hauptamtliche Koordinatorinnenteam des Ambulanten Hospiz- und Palliativ-Beratungsdienstes Lemförde. Foto: Christa Bechtel

Hunteburg. Die Hunteburgerin Nicole Otte engagiert sich in der Sterbebegleitung in Lemförde. Seit dem 1. März gehört sie zum hauptamtlichen Koordinatorinnenteam des Ambulanten Hospiz- und Palliativ-Beratungsdienstes Lemförde.

Dazu zählen seit Jahren auch Silke Hülsmann und Schwester Maria Thiede, beide Koordinatorinnen, Palliative-Care-Fachkräfte. Anlass für unsere Zeitung, Nicole Otte einige Fragen zu stellen.

Frau Otte, von 2006 bis Februar 2018 waren Sie in der Paracelsus-Klinik Bad Essen als Krankenschwester, zuletzt als leitende, tätig. Was war Ihre Motivation, sich nach Lemförde zu bewerben?

Nach meiner Ausbildung zur Krankenschwester und einer Zeit der Berufstätigkeit begann ich mich für die Hospizbewegung zu interessieren. Ich beschloss, dass ich gern in diesem Bereich tätig sein würde, und um bessere Möglichkeiten zu haben, begann ich Soziale Arbeit zu studieren. Bereits zu Beginn des Studiums war mir klar, dass ich gern im Hospizbereich arbeiten wollte. Meine Diplomarbeit schrieb ich zu dem Thema „Die Bedeutung der Sozialen Arbeit in der Hospizarbeit“. Nach dem Studium versuchte ich zunächst im Bereich der Hospizarbeit eine Anstellung zu finden. Dies gelang mir leider nicht, sodass ich zur Paracelsus-Klinik Bad Essen kam. In den letzten Jahren verspürte ich wieder stärker den Wunsch, beruflich was anderes tun zu wollen. Und wären da nicht drei Freundinnen bzw. Bekannte gewesen, die mich unabhängig voneinander auf die Stellenanzeige des Ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienstes Lemförde mit dem Hinweis, ob das nicht was für mich wäre, aufmerksam gemacht haben – wer weiß (lächelt). Ich hatte die Stellenanzeige bis dahin noch gar nicht gesehen. So habe ich mich jedenfalls beworben und wurde glücklicherweise auch eingestellt.

Warum engagieren Sie sich jetzt in der Trauerbegleitung? Gab es für Sie da ein persönliches Erlebnis?

Ich engagiere mich momentan ja nicht in der Trauerbegleitung, sondern eher in der Sterbebegleitung. Schon früh hatte ich erste Kontakte mit verstorbenen Menschen. Mein Opa mütterlicherseits verstarb nach Krankheit, als ich 6 Jahre alt war. Es war der erste Leichnam, den ich sah. Aber auch der Umgang mit Sterbenden im beruflichen Kontext war nicht immer so einfach. Viele Kollegen wollten nichts mit den sterbenden Patienten zu tun haben. Ich war der Meinung, die Patienten sollten in ihrer letzten Lebensphase nicht allein sein, wenn sie nicht wollen. Es war mir immer ein besonderes Anliegen für sie da zu sein, ihnen beizustehen. Für mich ist es mittlerweile einfach auch so, dass ich denke, die Sterbephase eines Menschen ist eine wichtige, wenn nicht sogar die wichtigste Phase seines Lebens.

Bedeutsam waren für mich allerdings eher zwei andere Sterbefälle. Meine Oma väterlicherseits hatte eine Krebserkrankung. Als klar wurde, dass für sie eine Heilung nicht mehr möglich war und sie immer mehr abbaute, kam sie ins Krankenhaus nach Ostercappeln. Dort war es abzusehen, dass sie bald sterben würde. Wir haben dann innerhalb der Familie dafür gesorgt, dass immer jemand bei ihr war. Ich hatte die „Nachtschicht“. Sie starb nach einer Woche Krankenhausaufenthalt im August 1997 in der Mittagszeit. Ich durfte dabei sein, da wir uns an diesem Tag anders aufgeteilt hatten. Das war für mich eine sehr intensive und schöne Erfahrung, so komisch das vielleicht auch klingen mag.

Ein weiteres für mich einschneidendes Erlebnis war im Jahr 2000. Ich habe im engeren Familienkreis erlebt, dass ein Kind tot zur Welt kam. Die „stille Geburt“ war in der 40. Schwangerschaftswoche und es gab während der Schwangerschaft keine Komplikationen, nichts was darauf hindeutete, dass etwas schief gehen könnte. Ich war bei der Geburt dabei, habe das Kind auch sehen dürfen und mich verabschieden können. Dieses Erlebnis und alles was daraus entstanden ist, die Verarbeitung dieses Verlustes haben mich doch sehr verändert. Ich habe damals schnell die Frage nach dem „Warum“ aus meinem Kopf verbannt. Eine fundierte Antwort konnte mir ja niemand geben. Stattdessen habe ich Kraft in meinem Glauben gefunden. Ich bin mir einfach sicher, dass es einen Sinn hatte, warum das passiert ist. Das hat mir auch bewusst gemacht, dass ein Leben manchmal auch schon vor der Geburt zu Ende sein kann und dass jeder Tag im Leben wichtig ist.

Um in Lemförde tätig zu sein, müssen oder mussten Sie dafür eine Zusatzausbildung bzw. Lehrgänge absolvieren?

Ja, drei (lächelt). Ich darf eine Ausbildung zur Palliative-Care-Fachkraft machen; diese dauert insgesamt vier Wochen. Zudem ist ein Koordinatorenseminar erforderlich. Dieses einwöchige Seminar konnte ich bereits im März durchführen, sozusagen in meiner zweiten Arbeitswoche. Im Juni und August werde ich noch an einem zweiteiligen Leitungsseminar teilnehmen, auch jeweils für eine Woche. Diese Qualifikationen waren Voraussetzung für eine Anstellung.

Sie treten sozusagen in die „großen“ Fußstapfen von Schwester Irmhild. Ist das für Sie eine ziemliche Herausforderung, auch was vielleicht die Erwartungshaltung anbelangt?

Ich habe bereits „große Fußstapfen“ hinterlassen bekommen, als ich in der Paracelsusklinik die Position der leitenden Krankenschwester übernommen habe. Damals habe ich immer gesagt, dass ich es erst gar nicht versuchen würde, in diese Fußstapfen zu treten, sondern dass ich meinen eigenen Weg gehen würde.

Hier in Lemförde ist es so, dass es gar nicht die Erwartung gibt, dass ich genauso wie Sr. Irmhild bin oder arbeite. Das liegt vermutlich allein schon an der Tatsache, dass ich keiner Ordensgemeinschaft angehöre. Von allem, was ich bisher über Sr. Irmhild weiß und gehört habe, ist es auch einfach gar nicht möglich, so etwas wie die Nachfolgerin zu sein. Sr. Irmhild ist einfach unersetzbar und einzigartig.

Welche Aufgaben müssen Sie als hauptamtliche Koordinatorin bewältigen?

Momentan bin ich noch dabei, alles kennenzulernen. Aber eine meiner Hauptaufgaben liegt sicherlich in der Begleitung unserer ehrenamtlichen Hospizbegleiter. Ich bin dafür zuständig, Interessierte zu Beginn ihrer Tätigkeit im ambulanten Hospizdienst zu schulen und sie auf ihre zukünftige Aufgabe vorzubereiten. Im Herbst startet eine neue Schulung. Während ihrer Tätigkeit stehe ich ihnen als Gesprächspartner bei Problemen und Sorgen zur Verfügung. Ebenso organisiere ich weitere Schulungen und Fortbildungen für sie.

Zudem ist es aber auch so, dass ich bei Anfragen zu einer Begleitung den Erstkontakt durchführe und später die Einsätze unserer Ehrenamtlichen koordiniere. Aber auch die Netzwerkarbeit in unterschiedlichen Gremien ist einer meiner Arbeitsschwerpunkte. Aktuell plane ich gerade mit meinen Kolleginnen unser 25-jähriges Jubiläum, das wir am 15. und 17 Juni feiern werden. Wir werden zwei Gottesdienste gestalten, und auch ein Rahmenprogramm will „auf die Beine“ gestellt werden.

Inwieweit hat Ihr Beruf und das, was Sie jetzt und vielleicht auch schon vorher mit sterbenden Menschen erlebt haben, Ihre Sicht auf das Leben und den Tod verändert?

Ich finde, jeder Tag im Leben ist einzigartig. Es ist immer wieder spannend zu sehen, was er bringt. Klar gibt es auch die einen oder anderen Tage, die nicht so toll sind, wo ich mal einen „Durchhänger“ habe. Aber wichtig ist für mich, sich auch an kleinen Dingen zu erfreuen – ein tolles Gespräch, eine überraschende Begegnung, vielleicht auch einfach mal die Ruhe der Natur zu genießen. Vor dem Tod habe ich keine Angst, denn ich glaube ja, dass der Tod nicht das Ende ist. Ich glaube schon, dass Gott dann auf mich wartet und ich alle wiedersehen werde, die jetzt schon gegangen sind.

Fällt es Ihnen schwer, nach Feierabend die Schicksale Ihrer Patienten hinter sich zu lassen?

Manchmal schon, schließlich wartet nach der Arbeit niemand zu Hause, der mich fordert oder ablenkt. Abschalten kann ich gut, wenn ich versuche, meine musikalischen Fähigkeiten beim Üben der Gitarre zu verbessern, als Zuschauerin bei einem Fußballspiel auf dem heimischen Sportplatz oder aber auch wenn ich mich selbst sportlich betätige beim Laufen oder im Sommer beim Radfahren.

Die Sterbebegleitung ist ja eine Tätigkeit, die einen immer sehr berührt, mitnimmt und Kraft kostet. Wie schöpfen Sie wieder Kraft für sich?

Kraft bekomme ich durch die Gespräche mit unseren ehrenamtlichen Hospizbegleitern. Ich merke immer wieder, wie wichtig ihnen ihre Tätigkeit ist und sie erfreut. Ich merke einfach jeden Tag von Neuem, dass es eine tolle und wichtige Aufgabe ist, Sterbende in ihrer letzten Lebensphase zu begleiten. Auch die Dankbarkeit von Angehörigen, nach dem Tod eines Begleitenden, ist immer wieder Bestärkung darin, dass unsere Arbeit gut und richtig ist.


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