Serie „Die Kunden und Ich“ Warum ein Bohmter Fotograf weder Hochzeiten noch Babys ablichtet

Von Andre Partmann

Jens Wendroth hat in Bohmte ein Fotostudio. Foto: André PartmannJens Wendroth hat in Bohmte ein Fotostudio. Foto: André Partmann

Bohmte. Bedienungen, Ärzte, Müllmänner, Kassierer – in unserem Alltag haben wir immer mal wieder mit ihnen zu tun, doch selten machen wir uns darüber Gedanken, wie wir auf sie wirken. Wir haben daher einmal nachgefragt. Teil 8: ein Fotograf.

Jens Wendroth weiß, welche Motive gefragt sind. Seit mehr als 30 Jahren steht der ausgebildete Fotograf hinter der Kamera. In Bohmte betreibt er sein eigenes Studio mit dem Namen „das fotogen“.

Herr Wendroth, mal Hand aufs Herz: Wer stellt sich vor der Kamera eigentlich besser an – Mann oder Frau?

Da gibt es keine pauschale Antwort – das kommt immer ganz auf den jeweiligen Typ und den Charakter an. Es gibt Kunden, die strotzen vor Selbstbewusstsein, da ist das Foto innerhalb weniger Minuten gemacht. Bei den Schüchternen dauert es etwas länger: Dann muss der Fotograf sie an die Hand nehmen. Wenn die Leute sich darauf einlassen, kommt am Ende aber immer ein gutes Ergebnis raus.

Wie zaubert ein Fotograf den Menschen ein Lächeln ins Gesicht?

Eine nette und humorvolle Ansprache hilft in den meisten Fällen schon. Ich nehme am Anfang gerne auch eine Serie von fünf Bildern auf und zeige sie am Computer. Die Leute sehen dann recht schnell selbst, an welchen Stellen sie ihre Haltung und Mimik noch verbessern können, um offener und nahbarer zu wirken.

Gibt es etwas, das Sie an Kunden stört?

Es kommt manchmal auch vor, dass Kunden ins Studio kommen, ohne sich vorher irgendwelche Gedanken gemacht zu haben. Bei Bewerbungsfotos etwa weiß ich doch eigentlich, dass das T-Shirt vielleicht besser Zuhause im Schrank bleiben sollte. Und furchtbar finde ich auch, wenn der Kunde dem Fotografen Anweisungen gibt. Das kommt zum Glück aber kaum vor.

Stichwort Bewerbungsfotos: Wie sollte ich zum Fototermin erscheinen?

Die wichtigste Frage ist immer: Für welchen Job bewerbe ich mich? Das Outfit muss zur Branche passen. Es ist nicht authentisch, wenn ich mich mit Hemd, Krawatte und Jackett um eine handwerkliche Stelle bewerbe. Da passt dann eher ein kariertes Hemd. Frauen sollten grundsätzlich auf knallige Kleidung verzichten, das Make Up muss dezent und das Dekolleté geschlossen sein. Männer sollten es mit dem Styling-Gel nicht übertreiben. Und ein ungepflegter Bart wirkt oft auch nicht so schön (lacht).

Finden sich in Zeiten der Digitalfotografie eigentlich noch Fotos, an denen nicht mit Photoshop getrickst wurde?

Ja, schon. Man muss aber bedenken, dass Photoshop heute die Arbeit erledigt, die wir früher im Labor gemacht haben – zumindest vergleichbar. Es war auch damals in der Dunkelkammer möglich, das Foto anders zu belichten. In der Fotografenausbildung mussten wir beispielsweise auch verschiedene Composing-Arbeiten (Anm. d. Red.: Zusammensetzung aus verschiedenen Fotos) durchführen. Der Unterschied ist, dass wir das heute in zehn Minuten statt an einem ganzen Tag erledigen.

Gibt es Bearbeitungswünsche, die Sie strikt ablehnen?

Ich lege Wert darauf, dass die Arbeit transparent ist. Die Kunden sind beim Bearbeitungsprozess dabei. Die einen wollen Augenränder wegretuschiert haben, die anderen nicht. Wenn abstehende Haare bearbeitet werden sollen, ist das auch kein Thema. Was für mich allerdings gar nicht geht, ist das Retuschieren von Falten und Körperzügen. Ich möchte nicht, dass aus einem 50-jährigen Kunden ein Mittzwanziger wird. Gerade bei Bewerbungsfotos ist das nicht zielführend.

Muss man sich als Fotograf spezialisieren?

Es gibt sicher Arbeitsfelder, die einem mehr liegen als andere. Grundsätzlich muss ein Fotograf sich aber nicht spezialisieren. Viele, wie ich auch, sind Allrounder. Die Erfahrung ist das A und O. Ich muss wissen, in welchem Moment ich die Einstellungen an der Kamera anpassen muss. Das ist nicht einfach vom einen auf den anderen Tag gelernt – ein Fotograf ist deshalb auch nicht jeder, der eine Digitalkamera besitzt (lacht).

Welche Aufträge kommen für Sie nicht infrage?

Ich habe für mich beschlossen, keine Hochzeiten oder Babies zu fotografieren. Die Arbeit wird oft unterschätzt: Man muss über Stunden total konzentriert und fokussiert sein, die besonderen Momente dürfen nicht verpasst werden.

Welches war für Sie das außergewöhnlichste Shooting?

Das ist schon länger her. Ich habe meinen guten Freund Gustl Mollath (Anm. d. Red.: Opfer eines Irrtums deutscher Justiz) nach seiner Freilassung am Dümmer fotografiert, das war schon ein sehr emotionales und persönliches Shooting. Ansonsten gab es gerade auf Motorsportveranstaltungen viele Höhepunkte: Michael Schumacher und die ganzen Ferrari-Größen habe ich zum Beispiel auf dem Nürburgring vor der Kamera gehabt.

Was gefällt Ihnen an ihrem Beruf?

Mein Job ist sehr vielschichtig: Man hat mit vielen verschiedenen Leuten zu tun, jeder Charakter ist anders, ebenso jede Aufgabenstellung.

Greift man als Fotograf eigentlich auch privat noch zur Kamera?

Tatsächlich war das bei mir über drei Jahrzehnte der Fall. Ich habe im Urlaub teils mehr gearbeitet als Zuhause, weil es überall spannende Motive zu sehen gab. Als ich vor einem Jahr gereist bin, habe ich die Kamera Zuhause gelassen – und festgestellt, dass die Eindrücke anschließend viel präsenter waren.