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Erste Etappe in ein neues Leben Tag der offenen Tür in der Clearingstelle Ellerbeck

Von Bärbel Recker-Preuin, Bärbel Recker-Preuin | 23.08.2016, 12:49 Uhr

Vor drei Monaten bezogen 20 Jugendliche ihr neues, vorübergehendes Zuhause in Ellerbeck, die Clearingstelle des Verbunds Sozialer Dienste. Inzwischen haben sie sich in den komplett sanierten Räumen der ehemaligen Gaststätte „Grüner Jäger“ eingelebt. Bewohner und Hausleitung laden für Freitag, 26. August, zu einem Tag der offenen Tür ein.

Wenn sich Hausleiterin Cleo Kretschmer und Heidi Reichinnek, Sprach- und Kulturfachkraft, zur Besprechung zusammensetzen, bleiben sie nicht lange ungestört. Alle paar Minuten kommt ein Bewohner mit einem ganz bestimmten Anliegen. Mal ist es eine Frage, die schnell beantwortet ist, mal wird ein Gespräch und damit Aufmerksamkeit gewünscht, meistens ist es der Wunsch nach einer Extra-Unterrichtseinheit in deutscher Sprache. „Schule ist gut, aber hier ist das Lernen besser“, sagt der 16-jährige Farid, der erst seit drei Monaten in Deutschland ist. „Nur Schule ist zu wenig“, ergänzt Ehsan, erst 15 Jahre alt. (Die Namen wurden geändert)

Es ist offensichtlich: die Jungen brennen vor Ehrgeiz. Natürlich wollen sie immer in Deutschland bleiben und sich schnell integrieren. So sei das bei allen Bewohnern, versichert Cleo Kretschmer. Es versteht sich, dass es ziemlich quirlig in der ehemaligen Kultgaststätte zugeht - ein Kommen und Gehen – es wird viel und laut geredet, häufig gelacht.

Zwanzig Jugendliche aus sechs Nationen

Die zwanzig Jungen im Alter zwischen 15 und 17 Jahren kommen aus sechs Nationen, zumeist aus Afghanistan, nach Deutschland. Sie flohen allein, ohne ihre Eltern oder Erziehungsberechtigte oder mit Freunden, die heute irgendwo in Europa leben. Viele der unbegleiteten, minderjährigen Ausländer (umA) wurden aufgegriffen und in die Obhut der Jugendämter gestellt. Von dort ging es weiter in so genannte Clearingstellen wie die in Ellerbeck. Die jungen Flüchtlinge haben Krieg und Gewalt erlebt und leiden häufig unter den traumatischen Erlebnissen.

Voraussetzungen ermitteln

In der Ellerbecker Einrichtung kümmern sich Pädagogen, Psychologen und Case Manager um die jungen Männer. In jedem Fall fangen sie bei null mit ihrer Arbeit an. Es wird „geklärt“, woher die Jugendlichen kommen, welche persönlichen, sozialen und intellektuellen Voraussetzungen sie mitbringen, wo Stärken und Schwächen liegen und schließlich auch, wie es um ihre Fähigkeit bestellt ist, den Alltag zu meistern. Die Flüchtlinge leben zwischen drei und sechs Monaten in der Clearingstelle. Je nach persönlicher Voraussetzung geht es dann weiter in eine eigene Wohnung, in eine betreute Wohngruppe oder in eine stationäre Jugendhilfeeinrichtung. In Ellerbeck sind bereits vier Jugendliche in eine Wohngruppe und einer in eine Gastfamilie vermittelt worden. Sofort wurde die freien Plätze neu besetzt. „Schritt für Schritt werden sie hier auf ihr Leben vorbereitet, mit allen Freuden und Problemen, eben so, wie in jeder Familie“, sagt Heidi Reichinnek.

Seit kurzem gehen fast alle Jugendlichen zur Schule, entweder in Berufsbildende Schulen oder in allgemeinbildende in Bissendorf oder Melle.

Am liebsten Bauingenieur werden

Nasir (17 Jahre) kam mit einigen Freunden aus Afghanistan zu Fuß über die Türkei nach Deutschland. Er telefoniere häufiger mit seiner Mutter, berichtet er. Anders als Farid. Er spricht nicht gern über seine Familie. Seine Angehörigen möchten nicht nach Deutschland. Farid hat bereits konkrete Vorstellung von seinem Leben in der neuen Heimat. Er möchte viel lernen, dann Bauingenieur werden und in Dortmund leben. Nasir weiß noch nicht, in welchem Beruf er später arbeiten will, wohl aber, dass er in München leben möchte. Schon allein wegen dem FC Bayern.

Und warum nicht in Bissendorf oder Ellerbeck? „Deutschland ist schön, aber Ellerbeck ist klein“, diese Meinung teilen die drei Jungen. Ellerbeck ist für sie nur die erste Etappe in ein neues Leben.

Tag der offenen Tür

Am Freitag, 26. August lädt der VSD ab 15 Uhr zu einem Tag der offenen Tür ein. Die jungen Bewohner werden ihre Gäste mit Snacks aus ihrer Heimat bewirten. An dem Nachmittag werden das Haus und das pädagogische Konzept vorgestellt. Es gibt Infos zu den Herkunftsländern der jungen Menschen.  Um besser planen zu können, bittet die Clearingstelle um Anmeldung unter Tel. 05472/40444 oder per Mail: heidireichinnek@verbund-sozialer-dienste.de