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„Die Bauern fressen die Heuerleute auf“ Buch erzählt Geschichte des Heuerlingswesens in der Region

Von Joachim Dierks | 31.05.2015, 14:45 Uhr

Die klassenlose Gesellschaft war auf dem Lande keinesfalls verwirklicht. Über viele Jahrhunderte wurde säuberlich zwischen Vollerben, Halberben, Erbköttern und Markköttern unterschieden. Sie verfügten, in absteigendem Maße, über eigenes Land und Weiderechte an dem genossenschaftlich genutzten Land, der gemeinen Mark. Noch darunter waren die Heuerlinge angesiedelt. Das Buch „Wenn der Bauer pfeift, dann müssen die Heuerleute kommen!“ von Bernd Robben aus Emsbüren und Historiker Helmut Lensing erzählt ihre Geschichte auf 288 Seiten.

Heuerlinge waren besitzlos. Sie heuerten bei einem Bauern an und bekamen Unterkunft, entweder auf dem Hof des Bauern oder in einem einfachen Heuerhaus, das der Bauer zu diesem Zweck unweit des Hofes auf seinem Land errichtet hatte. Im Gegenzug musste der Heuerling einen Großteil seiner Arbeitszeit dem Bauern unentgeltlich zur Verfügung stellen. Anders als Knechte, die vollständig von ihrem Bauern abhängig waren und nichts auf eigene Rechnung unternahmen, pachtete der Heuermann einen kleinen Streifen Land von seinem Bauern und bearbeitete ihn in der ihm verbleibenden „privaten“ Zeit.

Die 1840er-Jahre waren für die Landbevölkerung eine schlimme Zeit. Hungerjahre trafen besonders die Heuerlinge. 1845 brach die Krautfäule der Kartoffeln aus, verursacht durch einen Pilz. Es folgten Missernten ebenfalls beim Roggen und beim Flachs, der für den Nebenerwerb eine wichtige Rolle spielte. Heuermann Johann Hennerich Buhr aus Gretesch im Kirchspiel Belm begründete in einem Brief an Amtmann Stüve in Osnabrück, weshalb er für sich und seine Familie keinen anderen Ausweg sah, als nach den USA auszuwandern: „Man muss ihn(en) von dem schlechten Lande die schweren Heuergelder geben.“ Er prangerte also an, dass die Bauern die besten Ackerstücke für sich behielten und die Heuerleute trotz hoher Pachtzahlungen mit Grenzertragsböden abgespeist wurden.

„Zum andern, man muß ihn so viel arbeiten helfen, daß man es nicht mehr aushalten kann, so daß man seine Arbeit bei Nachte verrichten muß. Denn bei Tage muß man den Bauern helfen, so viel als sie es haben wollen. (…) Die Bauern fressen die Heuerleute auf.“

Zwischen 1832 und 1871 verließen 52000 Menschen das Fürstentum Osnabrück größtenteils in Richtung USA. Im Kirchspiel Schledehausen, in seiner sozialen Zusammensetzung ein typisches Dorf des Osnabrücker Landes, waren zwei Drittel der Auswanderer Heuerleute, Knechte und Mägde. Auswanderungswellen lösten die „Hollandgängerei“ ab, die zuvor für wirtschaftliche Entlastung durch Saisonarbeit gesorgt hatte, durch zunehmende Einfuhr billigerer Textilien aus England aber den Boden entzogen bekam.

In einen größeren Rahmen eingebettet ist die Geschichte des Heuerlingswesens in dem Buch „Wenn der Bauer pfeift, dann müssen die Heuerleute kommen!“ Dorfschullehrer Bernd Robben aus Emsbüren-Gleesen und der aus Wietmarschen stammende Historiker Helmut Lensing haben sich zusammengetan und auf 288 Seiten eine umfassende Abhandlung des Heuerlingswesens in Nordwestdeutschland verfasst. 21 Kapitel stellen nicht nur die Geschichte dieser unterbäuerlichen Schicht von den Ursprüngen im ausgehenden 16. Jahrhundert bis zu ihrem Verschwinden in den 1950er-Jahren dar, sie gehen auch auf so unterschiedliche Aspekte ein wie Wohn- und Arbeitsbedingungen, Leistungen in Landesausbau und –kultivierung, Nebenerwerb Flachsanbau und Leinenherstellung, Hollandgängerei und Auswanderungswellen, Volksmedizin, Schulbildung und das oftmals spannungsreiche Verhältnis zu den Bauern. Über fast 400 Jahre prägte das Heuerlingswesens die ländliche Gesellschaft und war ein elementarer Bestandteil der norddeutschen Agrarverfassung. Die landlosen Heuerleute und ihre Familien bildeten in vielen Regionen die Mehrheit der ländlichen Bevölkerung.

Ein großer Vorzug des reich bebilderten Werkes ist, dass es nicht nur Fakten aufzählt, sondern auch viele Zeitzeugen zu Wort kommen lässt. Es eignet sich gut zum Schmökern und ist dabei äußerst lehrreich. Detaillierte Personen- und Ortsregister helfen, schnell Angaben zum eigenen Wohnort zu finden. So stößt man auch auf Berichte aus Belm, Wissingen und Schledehausen.

Nach Einschätzung des früheren Emsländer Landrats Hermann Bröring rüttelt das „historische Lesebuch“ an Tabus, denn zuvor zeigten weder die Bauern noch die Nachkommen der Heuerlinge großes Interesse an einer historischen Aufarbeitung der Verhältnisse, die auch mit Zwang und Erniedrigung zu tun hatten. Autor Robben schildert im Nachwort denn auch die Probleme, die er vielfach erst überwinden musste: „Die Leute wollten einfach keinen Streit im Dorf.“

Das Buch „Wenn der Bauer pfeift, dann müssen die Heuerleute kommen! Betrachtungen und Forschungen zum Heuerlingswesen in Nordwestdeutschland“, Haselünne 2014, ISBN 978-3-9814041-9-7, Preis 24,90 Euro, ist in der 2. Auflage bereits vergriffen. Eine 3. Auflage wird in Kürze erscheinen. Infos auch unter www.heuerleute.de.