Mehr als ein Hauch Nostalgie Rückepferde ziehen in Bissendorf Bäume aus dem Wald


Bissendorf. Mit einer Pferdestärke werden in Bissendorf-Grambergen bis zu 900 Kilo schwere Baumstämme aus dem Wald gezogen.

Es ist ruhig im Wald. Keine Motorsäge, kein Treckergeräusch, kein Musikgedudel. Nur dann und wann ein Schnauben, Kettenklirren und leise Kommandos. Das Sonnenlicht bricht durch den Wald. „Brrr!“ Wieder alles still. Dann: „Komm mal vor Dicker“. Ein Pferd zieht an, zwei Baumstämme rucken an. Und schon ist Bewegung im Nadelwald in Grambergen.

Kaltblüter Elix

Heute wird Holz gerückt. Hermann Dörmann (54) hat seinen Trecker auf dem Hof stehen gelassen. Die Arbeit übernehmen Elix und Gerhard Aschoff (59). Unter den kritischen Augen von Bezirksförsterin Birte Peisker (26) räumt der elfjährige Kaltblüter Elix mit seinem Leinenführer im Fichtenbestand das gefällte Schwachholz auf. Wobei Schwachholz etwas missverständlich klingt. Immerhin sind Stämme dabei, die vor etwa 40 Jahren gepflanzt worden sind. Waldbesitzer Hermann Dörmann hat als Jugendlicher die jungen Triebe mit gesetzt.

Bis zu 25 Zentimeter Durchmesser haben die Fichten am unteren Ende, für den Kaltblüter Elix mit seinen 910 Kilo Gewicht kein Problem. Bis zu 900 Kilo kann sein 1,70 Meter großer Wallach ziehen. Wenn Aschoff die Zugkette am Stamm befestigt hat, genügt ein kurzes „Komm“ und schon zieht das Rückepferd den zwölf Meter langen Stamm hinter sich her. Ziel ist der Waldweg, wo das Holz bis zur endgültigen Lkw-Abfuhr abgelegt wird.

Erfahrener Pferdeführer

Gerhard Aschoff ist ein erfahrener Pferdeführer. Er bildet seit 25 Jahren seine Rückepferde selbst aus. Vor elf Jahren fiel die Wahl auf das rheinisch-deutsche Kaltblut Elix. Daneben hat er noch ein fünfjähriges niedersächsisches Kaltblut-Pferd. Die Ausbildung zum speziellen Einsatz im Forst dauert bis zu zwei Jahre. Die fünf Kommandos müssen sitzen, wenn es zum Einsatz geht: „Komm“ für vorwärts, „zurück“ für zurück, „brrr“ für halt, „hot“ für rechts, „hat“ für links.

Die Ausbildung erinnert an eine Dressur, Geduld und Liebe für das Tier sind bestimmend. Und so führt Gerhard Aschoff seinen Elix an der ganz langen Leine: „Ich stolpere da nur hinterher“, grinst Aschoff. Zu 80 bis 90 Prozent führt der 59-Jährige das Pferd mit seiner Stimme, meist in Normallautstärke. Ist mehr Einsatz und Kraft gefordert, animiert er Elix mit mehr sprachlicher Intensität, er wird schlicht lauter. Doch es ist nicht immer so ruhig im Wald wie heute. Da kreischen Motorsägen, da dröhnen Trecker. Das Rückepferd darf sich davon nicht irritieren lassen: „Das muss kettensägenfest sein“, umschreibt Aschoff: „Das muss man mit viel Geduld antrainieren“.

Fünf Festmeter pro Stunde

In Grambergen hat das Rückepferd morgens dünnere Fichtenstangen (bis zehn Zentimeter Durchmesser) gebündelt aus dem Bestand gezogen. Rund fünf Festmeter schafft er in der Stunde. Meist nach drei Stunden hat Elix eine Pause verdient. Danach sind noch die dickeren Fichten zur Rückegasse zu ziehen. Dörmann hat die Durchforstung des Schwachholzes selbst vorgenommen. Nach insgesamt sechs Stunden ist der 2500 Quadratmeter große Nadelwald aufgeräumt. Rund 150 Bäume liegen zur weiteren Verarbeitung bereit.

Dörmanns Fichten werden zu Bauholz, Dachlatten, Palettenbrettern und zu Holzhackschnitzel verarbeitet. Für den Gramberger Waldbauern mit einem Bestand auf 16 Hektar sind die Einnahmen ein wichtiger Posten seines landwirtschaftlichen Unternehmens. In der Kalkulation ist der Einsatz des Rückepferdes um etwa ein Drittel teurer als der Maschineneinsatz mit dem Harvester (Waldvollernter). Doch es gibt Vorteile, die für den Wald gut sind. Die Bodenverdichtung durch Reifen fällt aus, stattdessen reißen die Stämme während des Rückens die oberen Bodenkrusten auf. „Diese offenen Stellen fördern die Naturverjüngung“, erklärt Dörmann. 85 Prozent seines Waldbestandes lässt er mit Maschinen durchforsten.

Im Hauptberuf Schlosser

Gerhard Aschoff nimmt Aufträge in Grambergen gerne an, obwohl die Anfahrt aus Rheda-Wiedenbrück mit 60 Kilometern weit über den Durchschnitt hinausgeht. „Bei Dörmann sieht man, dass er seinen Wald pflegt, da kann man gut arbeiten.“ Als Vorsitzender des NRW-Landesverbands der Interessengemeinschaft Zugpferde (IGZ) kennt er andere Beispiele. Leben kann er von seiner Arbeit im Wald nicht. Im Hauptberuf ist Aschoff Schlosser.

Aschoff und seine IGZ sind auch Partner bei „PferdeStark“, der Europameisterschaft im Holzrücken mit Pferden, die am 26. und 27. August 2017 auf Schloss Wendlinghausen im lippischen Dörentrup stattfindet.

Viele Beiträge aus der Serie zum Nachlesen im Internetportal auf www.noz.de/stallgeruch


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