913 Euro-Rechnung Dubioser Schlüsseldienst aus Essen zockt Bissendorfer ab

2016 gingen bei der Polizei Osnabrück bisher vier Anzeigen gegen dubiose Schlüsseldienste ein. In allen Fällen kamen die Tatverdächtigen aus Nordrhein-Westfalen. Foto: Michael Gründel2016 gingen bei der Polizei Osnabrück bisher vier Anzeigen gegen dubiose Schlüsseldienste ein. In allen Fällen kamen die Tatverdächtigen aus Nordrhein-Westfalen. Foto: Michael Gründel

Bissendorf. Teurer Patzer: Ein Bissendorfer hatte sich aus seinem Haus ausgeschlossen und bestellte einen Schlüsseldienst. Nach zweieinhalb Stunden war die Tür auf. Der Preis verschlug dem 31-Jährigen dann aber die Sprache: 913 Euro brutto.

Anfang November stand der Bissendorfer plötzlich um zwei Uhr morgens im T-Shirt auf der Straße. Bei bei gerade mal vier Grad Celsius hatte er sich ausgesperrt, nur das Smartphone hatte er dabei.

„Wir machen die Tür für 25 Euro auf“

In der Not suchte der Bissendorfer mit seinem Smartphone einen Schlüsseldienst. Er wurde fündig: „Wir machen die Tür für 25 Euro auf. Wir sind in 20 bis 40 Minuten vor Ort.“ Am Telefon meldete sich eine freundliche Frauenstimme. In 20 Minuten könne der Schlüsseldienst da sein, sagte sie. Dass der Schlüsseldienst nicht wie eigentlich erhofft aus Osnabrück kommt, war aufgrund der 0800er-Nummer nicht festzustellen.

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Golf mit Essener Kennzeichen

40 Minuten lange kam keiner, dann meldete sich eine Männerstimme am Handy. Sie hätten einen Notfall, Mann mit Kind ausgesperrt, hieß es am anderen Ende der Leitung, es würde noch etwas dauern. Nach einer weiteren Stunde hielt ein schwarzer Golf mit Essener Kennzeichen vor dem Haus - der Name einer Schlüsseldienstfirma war darauf nicht zu sehen. Zwei Männer stiegen aus und gaben sich als der angeforderte Schlüsseldienst zu erkennen. Sie sahen bedrohlich aus, schilderte der Betroffene die Männer. Und: „Sie kamen mir schmierig vor.“

Dreiviertelstunde am Schloss „herumgefuchtelt“

Er fragte, was denn die Türöffnung koste. Das hänge vom Aufwand ab, aber die Pauschale koste 169 Euro, so die Essener.

Er musste ein Formular unterschreiben, dass er mit der Öffnung einverstanden sei. Die Männer hätten zunächst am Schloss „herumgefuchtelt.“ Fast eine Stunde versuchten die Essener vergeblich, die Tür zu öffnen, nach etlichen Fehlversuchen gelang es ihnen dann doch.

Schloss bei Hornbach: ab 20 Euro

Dem Vorschlag, Ersatz für das zerstörte Schloss einzubauen, stimmte der Bissendorfer zu. Einer der Männer schrieb handschriftlich mehrere Zahlen auf die vorgedruckte Rechnung: Einsatz: 169 Euro, Anfahrtspauschale: 30 Euro, Sonntagszuschlag: 169 Euro (obwohl es eine Nacht von Sonntag auf Montag war), Mehrarbeit 4 mal 39 Euro, neues Schloss 160 Euro (bei Hornbach: ab 20 Euro). Der Endbetrag: 913 Euro. „Sie sind verpflichtet, das zu zahlen,“ ließen die Männer erst gar keinen Zweifel an den Zahlungsmodalitäten aufkommen. „Was sollte ich denn machen, sie waren zu zweit und sahen sehr bedrohlich aus“, sagte der Bissendorfer. Er zahlte 500 Euro mit der EC-Karte, denn die Männer hatten auch an ein Kartenlesegerät gedacht. Danach drängten sie ihn, sein Portemonnaie zu öffnen und den Rest bar zu bezahlen.

Tatverdächtige kommen aus Ruhrgebiet

913 Euro für eine geöffnete Tür? Der Bissendorfer hat zwischenzeitlich Anzeige gegen den Schlüsseldienst aus Essen bei der Polizei erstattet. Bei der Polizei Osnabrück seien 2016 bisher vier Anzeigen gegen Schlüsseldienste eingegangen. 2015 waren es drei, so die Polizei. In allen Fällen kamen die Tatverdächtigen aus Nordrhein-Westfalen, genauer: aus dem Ruhrgebiet. Die höchste Summe, die ein Schlüsseldienst einforderte und erhielt, waren 1200 Euro.

Verurteilung wegen Wucher

Auch Verurteilungen gab es schon: In Schüttorf hatte ein Dortmunder Schlüsseldienst nach einer Türöffnung am Sonntag 884,28 Euro kassiert, laut IHK das Vierfache des üblichen Betrages für eine Notöffnung am Sonntag. Inzwischen wurde der Dortmunder zu einer Geldstrafe wegen Wucher verurteilt, da er eine Notlage ausgenutzt habe, erläutert Oberstaatsanwalt Alexander Retemeyer. ( Weiterlesen: Die undurchsichtige Geschäftspraktiken der Schlüsseldienste )

Die Maschen unseriöser Schlüsseldienste

Die Maschen dubioser Schlüsseldienste ähneln sich: Sucht man im Internet nach Schlüsseldiensten aus der Umgebung, so erscheinen viele Anzeigen mit einer 0800er-Nummer oder nur mit einer Handynummer und ohne Adresse. Aus diesen Nummern wird nicht ersichtlich, wo der Sitz des Schlüsseldienstes ist. De facto stammen sie oft aus Bielefeld, Gütersloh oder dem Ruhrgebiet. ( Weiterlesen: Neues Türschloss für 500 Euro )

Viele Extrakosten

Entsprechend berechnen die Dienste eine lange Anfahrt. Außerdem kommen die Schlüsseldienste oft ungefragt zu zweit, weil sie so noch zusätzliche Personalkosten aufschlagen können. Die meisten Kunden zahlen in ihrer Not die hohen Rechnungen. Wer nicht in diese Falle tappen möchte, sucht sich vorsorglich einen heimischen Schlüsseldienst vor Ort heraus, guckt sich den Laden an und speichert sich die Nummer auf dem Handy ab.


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