Hungrige Kojoten, laute Trucks Bissendorfer radelt 5712 Kilometer durch Nordamerika

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Bissendorf. Es ist die längste Reise auf dem Sattel, die er je gemacht hat: Der Bissendorfer Radabenteurer Wolfgang Felgendreher fuhr 5712 Kilometer durch die Wildnis Nordamerikas. Dabei begegneten ihm Ureinwohner in Kanada, Wetterextreme in den nördlichen USA, gierige Tiere und der eigene Schweinehund.

Vollbepackt mit 50 Kilogramm radelte der zu diesem Zeitpunkt noch 67 Kilogramm schwere Wolfgang Felgendreher am neunten Juni vom kanadischen Kamloops im Bundesstaat British Columbia los. Vier Packtaschen hatte er an seinem Rad befestigt, vorne zwei, hinten zwei, darin ein Zelt, drei Liter Wasser, Nahrung für drei Tage, Flickzeug, ein Schweizer Messer, einen Zeltkocher, eine Landkarte und Pfefferspray – gegen die Bären.

5712 Kilometern

Seine Reise führte den ehemaligen Leistungssportler und Designer, der in einem abgelegenen Tal bei Bissendorf im Osnabrücker Land wohnt, durch Kanada und die nördlichen USA. Mit 5712 Kilometern war es Felgendrehers bislang längste Tour. Schon in den vergangenen 15 Jahren hatte er Kurdistan , Schottland und die Wüste Namib auf zwei Rädern durchfahren.

Kunst der Haidas

Das erste große Ziel auf seiner diesjährigen Reise waren die Haida Gwaiis, ein dünn besiedeltes Archipel sieben Fährstunden von der kanadischen Westküste entfernt. Dort lebt der Stamm der Haida, der bekannt ist für seine meterhohen, geschnitzten Totempfähle, deren Zeichen nur Eingeweihte entziffern können. An der Universität von British Columbia in Vancouver kann man sogar die Kunst der Haidas studieren. „Mich interessierte, wie sie auf der Insel leben und arbeiten“, sagt der 67-jährige Felgendreher, der Textilkunst studierte.

Nahaufnahmen der Ureinwohner

Mit seiner Spiegelreflexkamera porträtierte er die Ureinwohner in intimen Nahaufnahmen. „Auf meinen Reisen suche ich immer den Kontakt zu Menschen.“ Einsam hätte er sich während der gesamten zweieinhalb Monate als solitärer Radwanderer nicht gefühlt. Obwohl er in der weiten Wildnis entlang der Rocky Mountains manchmal 160 Kilometer lang auf keinen Ort, kein Haus und keine Tankstelle traf. In drei Wochen begegnete er gerade mal drei anderen Radfahrern – und einem Kojoten, der ihm sein Essen stehlen wollte. Er überließ dem Präriewolf dann seine Muffins, um ihn so fotografieren zu können. Einmal sah er einen Schwarzbär, der über die Straße rannte.

Gruselige Highways

Die langen Strecken – teilweise 120 Kilometer am Tag, 19 Kilometer in der Stunde – fuhr er aus Ermangelung an Radwegen auf den Pannenstreifen der Highways, neben ihm laute Pickup-Trucks. Zwischen Prince George und Hazelton warnten Schilder mit den Fotos von Indianerinnen davor, auf dem Highway 16 zu trampen. Die Schnellstraße gilt als „Highway of the Tears“, hier verschwanden seit den 70er Jahren mehr als 43 Frauen, viele von ihnen wurden nackt und stranguliert im Gebüsch neben den Highways gefunden, viele werden bis heute vermisst.

Natur-Dusche

Unterwegs duschte Felgendreher in Bächen und Seen, nach dreieinhalb Wochen benutzte er die erste richtige Dusche und sah sich im Spiegel. Mittlerweile wog er nur noch 62 Kilogramm. Wetterextreme erlebte er auf seiner 76-tägigen Reise viele: vom Schneesturm in den Rocky Mountains über siebenstündige Regenfälle im feuchten Washington bis zu 40 Grad im Schatten in der Wüste Oregons.

Gegen den inneren Schweinehund

„Ich hatte auch Tiefpunkte und fragte mich: Was machst Du hier eigentlich?“, sagt er. Auf mancher endlos scheinenden Geraden hatte er den kleinsten Gang drin und es ging immer noch weiter hoch. „Man quält sich.“ Doch ein E-Bike sei für ihn keine Option, schon allein, weil es ein Riesenproblem sei, die Batterien in der Wildnis aufzuladen. Aber warum kasteit er sich so? „Ich will das erleben und erfahren. Das hat nichts mit Urlaub zu tun.“

Jeder Leistungssportler kasteie sich irgendwie. Er wolle an körperliche Grenzen gehen. Nur dadurch kriege er den Kopf wirklich frei, sagt Wolfgang Felgendreher. „Das ist wie Meditation.“


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