78 Jahre Erfahrung Vier Bissendorfer SPD-Urgesteine gehen politisch in Rente

Von Sandra Dorn


Bissendorf. „Es reicht“, sagt Wilfried Langhans und lächelt. Nicht nur er wirkt zufrieden, wenn er auf seine Zeit im Bissendorfer Rat blickt: Mit ihm ziehen sich auch seine SPD-Fraktionskollegen Helmut Ellermann, Doris Beinker und Ulrike Unland aus der Politik zurück. Zusammen kommen sie auf 78 Jahre Ratserfahrung.

„Bitte kein Foto an der Kaffeetafel“, rufen sie und lachen, „das sieht zu sehr nach Rentner aus!“ Dabei ist es so herrlich authentisch.

Das Treffen findet statt bei Doris Beinker in Holte. Wer nicht wüsste, dass es die Politik ist, die die vier Urgesteine miteinander verbindet, wähnte sich zu Besuch bei Freunden – was sie ja auch irgendwie sind. All die gemeinsamen Jahre im Rat, außerdem der Austausch über ihre Erfahrungen als Ortsvorsteher: Das schweißt zusammen.

Gehen, wenn es am schönsten ist

Doch im Rat ist für alle vier SPD-Fraktionsmitglieder Schluss, sie hatten sich für den 11. September nicht erneut zur Wahl gestellt. Warum? „25 Jahre sind genug“, sagt der scheidende Fraktionsvorsitzende Helmut Ellermann, der von allen am längsten im Rat saß – seit vielen Jahren als Fraktionschef. „Lieber jetzt, als wenn alle in drei Jahren sagen: Wann hört der alte Sack endlich auf?“ Die anderen lachen. „In zwei Jahren werden wir beide 70“, sagt Wilfried Langhans zu Ellermann und grinst, „dann werden wir zum Adventskaffee eingeladen!“

Zusatzbelastung

Beinker und Unland sind noch berufstätig und lassen durchblicken, dass all die Jahre zwar viel Spaß gemacht haben, aber auch anstrengend waren. „Ich musste immer vor- und nacharbeiten“, sagt Doris Beinker. 20 Jahre lang war sie Ortsvorsteherin in Holte, 20 Jahre lang im Rat und noch dazu mehrmals stellvertretende Bürgermeisterin – so wie auch aktuell noch bis November. Erst dann beginnt die neue Ratsperiode. (Weiterlesen: Bleibt der Bissendorfer Rat ohne feste Mehrheiten?)

„Die Menschen kennenzulernen und Brüderschaft mit 80-Jährigen zu trinken“: Das sei das Besondere an der Aufgabe der Ortsvorsteher, schwärmt Beinker. „Die Viehzählung mussten wir früher ja auch noch machen“, erinnert sich Ulrike Unland, die – als Kind Nachbarin von Doris Beinker – in Wersche groß geworden ist und dort 15 Jahre das Amt ausgeübt hat. „‘Nicht nur motzen, sondern auch mal klotzen‘, hat mein Vater immer gesagt“, erzählt Ulrike Unland. Jetzt aber, mit 57, wolle sie im Beruf noch ihren Mann stehen – und dafür auf die Ratsarbeit verzichten.

Neue Ortsvorsteher

Holte, Wersche und Schledehausen (Helmut Ellermann) bekommen neue Ortsvorsteher. Einzig Wilfried Langhans könnte sein Amt im Ortsteil Bissendorf behalten –und würde auch gern. „Ich denke, da stehe ich in der Pflicht“, sagt er. Die Ortsvorsteher, die als Bindeglied zwischen Gemeindeverwaltung und Bürgern vor Ort fungieren, darf immer diejenige Partei benennen, die bei der Kommunalwahl im jeweiligen Ortsteil die meisten Stimmen bekommen hat. Die SPD musste dieses Mal ein paar an die CDU abgeben.

Früher mehr Ideologie

Die nun zu Ende gehende Ratsperiode verlief recht harmonisch, von Gräben zwischen den Fraktionen wie in manch anderer Landkreis-Kommune konnte keine Rede sein. Für ihn seien die 25 Jahre im Rat eine schöne Zeit gewesen, sagt Ellermann. Aber: „Die ersten zehn bis 15 Jahre ging es anders her.“ Die Ratsarbeit sei damals mehr von Ideologie geprägt gewesen. „Das hängt aber von den Personen ab“, so Ellermann. Ulrike Unland: „Es gab Zeiten, da hatte ich richtig Bauchweh, in die Sitzungen zu gehen.“

Viel erreicht

„Wir haben ja schon viel hingekriegt“, sagt Beinker: Schnelles Internet in Holte, das neue Rathaus – „alleine schafft man so was nicht.“ Für Ulrike Unland zählt zu den Highlights ihrer 15 Jahre der Bau des Radwegs an der L85. Für Ellermann, jahrelang Schulleiter in Schledehausen, waren es der Bau der Sporthalle an seiner Schule am Berg 2001 und der Bau der Waldsporthalle Schledehausen. „Das haben alle für unmöglich gehalten“, sagt Ellermann. 1978 zog er von Ostercappeln nach Schledehausen. Wirklich von außerhalb hinzugezogen ist lediglich Wilfried Langhans. Er kommt ursprünglich aus dem Ruhrgebiet und lebt seit 1991 in Bissendorf. Sein erklärtes Highlight ist der Neubau des Rathauses. Und das Amt als Ratsvorsitzender in den vergangenen fünf Jahren ausüben zu dürfen – das sei „schon schön“ gewesen. Das Schulpaket, das er und Doris Beinker 2014 von der Ratsfrau Karin Höfer übernommen hatten, wollen die beiden übrigens weiterführen. Ach, und dann wäre da noch die Entwicklung in Wissingen, die sie in all den Jahren angeschoben hätten, sagt Ellermann. „Da war absolut tote Hose, jetzt sind da die zentralen Einkaufsläden der Gemeinde.“ „Was ich vermissen werde, ist die Verwaltung“, sagt Ulrike Unland. „Der Bürgermeister hat immer hinter uns gestanden.“

Tagesordnungspunkt „Gerüchte“

So gut, wie sich die vier scheidenden SPD-Mitglieder verstehen, ist es kein Wunder, dass ihre Fraktionssitzungen keine bierernste Angelegenheit waren. „Zum Schluss hatten wir immer den Punkt ‚Gerüchte‘“, verrät Langhans, der demnach angeblich schon mal sein Haus verkauft haben soll. Er grinst, die anderen lachen. Wird ihnen das nicht fehlen? „Wir treffen uns sicher noch das eine oder andere Mal“, sagt Doris Beinker. Auch manch eine Ratssitzung werden sie sich ansehen – dann allerdings im Zuschauerraum.


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