Gigantisch auch nach 50 Jahren Alfred Willers hält in Bissendorf seinen Mähdrescher-Oldie fit

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Bissendorf. Gerste, Weizen, Triticale und Hafer wachsen auf den Feldern von Alfred Willers (54). Mit seiner Frau Sabine (43) beackert er 30 Hektar Getreidefelder. Jetzt ist Erntezeit. Dazu hat der Landwirt aus Bissendorf-Wersche seinen 50 Jahre alten Mähdrescher fitgemacht.

Seit 30 Jahren ist der Bullenmäster unabhängig von Lohnunternehmen, wenn es um die Getreideernte geht. 1986 kaufte er die mobile Mäh- und Dreschanlage, die zuvor 20 Jahre bei einem Lohnunternehmen gelaufen war. Willers, gelernter Landmaschinenschlosser, wusste, auf was er sich da einließ.

Als Willers den Matador Gigant von Claas erwarb, hatte er scharf kalkuliert. 5000 D-Mark blätterte er auf den Tisch. Angesichts der Kosten für den Dreschereinsatz von Lohnunternehmen sagt der 54-Jährige heute: „Mein Drescher hat sich bezahlt gemacht“. Für Treibstoff, Öl und Verschleißteile sind im Jahr zwischen 500 und 1000 Euro fällig“. Reparaturen kann er selbst durchführen. „Das ist eine solide Bauweise ohne Elektronik und Firlefanz. Wenn was klappert, weiß ich Bescheid“.

Wer einen modernen Mähdrescher und Willers Gigant nebeneinander stellt, erkennt schon an der Breite des Mähwerkes den Unterschied. Mit drei Meter Breite zieht Willers Gigant durch die Kornfelder, sein moderner Kollege frißt sich gleich mit acht Meter und mehr Breite durchs Getreide. Dass Willers dadurch auf der Dreschtour länger unterwegs ist, stört ihn nicht. Sein Vorteil ist die Spontanität, ein Vorteil, der sich besonders bei dem raschen Wechsel von Regen und Sonnenschein ausbezahlt. „Lohnunternehmer haben viele Kunden, aber ich entscheide selbst, wann ich mit der Ernte beginne“.

Im Jahr zieht Willers mit dem Gigant etwa 14 Tage seine Kornkreise, vorausgesetzt, es scheint die Sonne. Einen Hektar schafft die Maschine in einer Stunde. Das gedroschene Korn wird im Tank gesammelt, der 30 Zentner fasst. Alle 15 Minuten wird abgetankt auf Anhänger. Die Ladekapazität reicht aus, bis Sabine Willers mit dem Traktor eine Anhängerfuhre beim Landhandel abgeschüttet hat und zurück ist.

Der Matador Gigant hat sich dank guter Pflege gut gehalten. 50 Jahre auf dem Buckel, das kann der Teint nicht leugnen – er ist ein wenig im Dunkelgrün verblasst, doch Roststellen findet man keine, dank der Unterstellung in der trockenen alten Strohscheune des Hofes.

Die Reifen musste er nach 29 Jahren wechseln. Giganten dieser Altersstufe sind nur noch selten auf den Feldern zu sehen, obwohl Hersteller Claas zwischen 1961 und 1969 rund 35000 Matador-Mähdrescher gebaut hat. Willers vermutet, dass viele Maschinen heute in Osteuropa eingesetzt werden.

Dass in der 50-jährigen technischen Entwicklung des Mähdrescherbaus einige Modernisierungen erfolgt sind, kann Willers nicht leugnen, obwohl sich das Arbeitsprinzip nicht geändert habe. Wenn der Oldiefahrer bei brütender Hitze seinen Giganten mit sechs bis sieben Kilometer in der Stunde über die Felder lenkt, schielt er doch mal neidisch auf seine Kollegen in der vollklimatisierten Fahrerkanzel. Bei ihm tut‘s auf dem Freisitz eine Kühltasche mit Limonadenschorle.

Dennoch ist Willers froh, wenn die Getreideernte vorbei ist. Denn zur Sonnenhitze gesellt sich auf dem Führerstand in über drei Meter Höhe die Motorwärme des 87 PS starken Sechs-Zylinder-Perkins-Diesels in seinem Rücken hinzu. „Bei Rückenwind wird man ganz schön gegrillt, dann fahr ich manchmal auch im Stehen“. Sabine Willers, die auf dem Hof überall mit anpackt und leidenschaftlich gerne den modernen Trecker fährt, lässt dagegen die Finger vom Steuer des Giganten: „Ich habe es einmal versucht, aber keinen geraden Kurs halten können.“ Vielleicht liegt es daran, dass sie Linkshänderin ist, aber auf dem Steuerstand des Oldies alles auf Rechtshänder ausgelegt ist.

Bei nüchterner Bilanz sagt Willers: „Wenn ich die Arbeitsstunden für Wartung und Pflege einbeziehe, dann lohnt sich das nicht.“ Um den Drescher flott zu halten, sind 120 Schmiernippel zu ölen, heute haben die modernen Geräte eine automatische Zentralschmierung. „Der Gigant ist mein Hobby“, sagt er: „Der ist unverkäuflich“.


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