Der Wolf zermürbt die Schäfer Josef Uhlen mehr als 40 Jahren der gute Hirte seiner Herde

Schäfer Josef Uhlen mit seinen Mutterschafen und Lämmern auf der Sommerweide in Nemden. Foto: Stefanie PreuinSchäfer Josef Uhlen mit seinen Mutterschafen und Lämmern auf der Sommerweide in Nemden. Foto: Stefanie Preuin

Bissendorf. Josef Uhlen (60) hat in seinem langen Berufsleben viel erlebt. Es gab Höhen und Tiefen, doch nun prägt eine große Sorge seine Tage und Nächte. Es ist der umherziehende Wolf, der ihm bedrohlich näher kommt. Uhlen ist Schäfer; seine Herde steht seit ein paar Tagen auf der Sommerweide in Bissendorf.

„Ich bin in großer Sorge vor der Ausbreitung des Wolfes in unserer Region“, kommentiert er Berichte und Fotos von umherziehenden Einzelgängern im Osnabrücker Land. Ostercappeln, wo der Wolf fotografiert wurde, und Nemden sind keine 20 Kilometer Luftlinie entfernt. Ein Wolf legt zwischen 30 und 60 Kilometer in einer Nacht zurück, weiß Uhlen, da ist es vom Nordrand des Wiehengebirges bis ins Hasetal nur ein Katzensprung „Für die artgerechte, gesunde und die landschaftliche Vielfalt erhaltene Weidetierhaltung ist der Wolf eine existentielle Bedrohung“, unterstreicht Uhlen.

Verheerende Wolfattacken

Der Berufsschäfer kennt Kollegen im nördlichen Niedersachsen, die verheerende Wolfsattacken in ihren Herden nicht verhindern konnten. „Weil sie trotz aufwändiger Präventionsmaßnahmen nicht zu verhindern sind“, ergänzt Josef Uhlen, der tagsüber bei seinen Mutterschafen und den Junglämmern auf der Sommerweide im Nemdener Bruch ist.

Elektrozaun kein absoluter Schutz

Zwei Altdeutsche Hütehunde sorgen dafür, dass die Tiere zusammenbleiben. Wenn aber andere Hundebesitzer ihre Vierbeiner von der Leine lassen, geraten die Schafe in Aufruhr. Abends werden sie in einen Pferch getrieben, doch auch dort bietet der hohe Elektrozaun keinen absoluten Schutz vor Wildtieren. „Der Wolf überspringt auch einen 1,20 Meter hohen Zaun“, sagt Uhlen. Seine Hütehunde hätten keine Chance gegen den Beutegreifer.

Schaf ist ein Rohstoffproduzent

Josef Uhlen und sein Bruder Willi führen die Schäferei gemeinsam, wobei die Aufgaben klar verteilt sind. Über 40 Jahre ist der Jüngere mit seiner wolligen Gefolgschaft unterwegs, ist er der gute Hirte seiner Herde. Seit 1760 ist in der Familiengeschichte die Schäferei verbrieft.“

„Ein Schaf ist ein Rohstoffproduzent, der aus pflanzlichem Material, Wasser und Luft, – ohne Energievorräte zu beanspruchen – Fleisch, Wolle, Milch und Felle herstellt“, erklärt der Schafzüchter.

Zwischen Hasetal und Ostwestfalen

Wenn eine ausreichende Futtergrundlage da ist, etwa Mitte April, kommen die Tiere auf die Weide, wo sie je nach Witterung bis Januar/Februar bleiben. Werden die Flächen im Nemdener Bruch im Herbst zu nass, zieht Uhlen über den Teuto nach Versmold und Harsewinkel. Zwischen dem Hasetal und Ostwestfalen liegen vier bis fünf Tagesetappen von jeweils fünf bis acht Kilometern. Uhlen, dann als Wanderschäfer unterwegs, überquert dabei Bahnlinien, nutzt auch Landstraßen. Bruder Willi sichert die Straßen nach hinten ab, bei der Bahn werden die Lücken im Fahrplan ausgenutzt .

Mit Hütehunden spricht er plattdeutsch

Die arbeitsintensivste Zeit sind die Monate, in denen die Lämmer geboren werden. Aber auch die Schur im Frühsommer beschert stressige Tage. Uhlens Schafscherer reisen aus Thüringen an, erzählt Josef Uhlen und freut sich, dass er mit perfektem Ostdialekt den Reporter überraschen kann. Die Kommunikation mit seinen Schafen erfolgt über originelle Schnalzlaute, mit seinen Hütehunden spricht der Hirte plattdeutsch.

Nur selten eine richtige Erkältung

Wenn der Wind geht im Nemdener Bruch, gibt Josef Uhlen eine fast romantische Figur ab. Gestützt auf seinen Hirtenstab – die Schäferschippe – beobachtet er seine Herde, gut behütet von seinem grünen Filz, auf den Schultern der Lodenmantel, der ihm Schutz gegen Regenschauer gewährt. Manchmal verrechnet er sich auch mit dem Regenwetter, dann kommt er mit nassen und eiskalten Füssen nach Hause. Nach über 40 Jahren Berufserfahrung ist das aber nur eine Nebenbemerkung wert. Nur selten fängt er sich eine richtige Erkältung ein.

Eine „nicht zu unterschätzende Gefahr“

Immer wieder kehrt der Wolf im Gespräch zurück. „Weidetierhalter haben in einer Wolfsgegend keine Ruhe mehr, das zermürbt sie auch psychisch“, weiß der 60-Jährige von betroffenen Kollegen: „Der Wolf ist kein scheues und liebes Tier, er ist und bleibt eine nicht zu unterschätzende Gefahr“, hält er den Argumenten der Wolfsbefürworter entgegen . „Aber es muss wohl etwas passieren, bevor ein Umdenken einsetzt, vielleicht wenn Leute nicht mehr mit ihren Kindern und Hunden in den Wald gehen mögen, weil sie Angst vor einer Wolfsattacke haben“.


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