Versammlung in Ellerbeck Bürger äußern Zweifel an Integrationsfähigkeit

Von Bärbel Recker-Preuin

Bei der Bürgerversammlung zur Clearingstelle Ellerbeck standen sie kritischen Fragen in einer emotionsgeladenen Diskussion gegenüber (von links): Ortsvorsteher Jürgen Wiesehahn, Tim Ellmer, Cleo Sosnowski und Bürgermeister Halfter. Foto: Bärbel Recker-PreuinBei der Bürgerversammlung zur Clearingstelle Ellerbeck standen sie kritischen Fragen in einer emotionsgeladenen Diskussion gegenüber (von links): Ortsvorsteher Jürgen Wiesehahn, Tim Ellmer, Cleo Sosnowski und Bürgermeister Halfter. Foto: Bärbel Recker-Preuin

Bissendorf. Kriegs- und Gewalterlebnisse sind für Kinder und Jugendliche besonders schlimm. Umso wichtiger ist ihre behutsame Aufnahme danach in einem Wohnheim für „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ Ob nun das beschaulich-kleine Ellerbeck der richtige Ort für diese jungen Menschen ist, wurde während einer Bürgerversammlung heftig diskutiert und emotional angezweifelt.

Als Clearingstelle bezeichnen pädagogische Fachkräfte die Einrichtung, die Mitte Mai in Ellerbeck eröffnet werden soll. Hinter dem Fachbegriff verbirgt sich vieles: Die Einrichtung soll für junge Menschen neues, sicheres Zuhause werden, traumatische Erlebnisse sollen hier mit therapeutischer Hilfe bewältigt werden, Alltagkompetenzen sollen erlernt und Qualifizierung erkannt werden, alles in allem soll alles für einen großen Schritt in ein selbstständiges Leben getan werden. Der Verbund sozialer Dienste gGmbH (VSD) begleitet als freier Träger diese jugendlichen Flüchtlinge, die ohne Erziehungsberechtigte in Obhut des Jugendamtes stehen. Eine solche Wohneinrichtung für neue Lebensperspektiven eröffnet der VSD in den Räumen der ehemaligen Gaststätte „Zum grünen Jäger“. Bei einer Bürgerversammlung wurde das Gesamtkonzept der Wohn- und Lerneinrichtung für minderjährige Flüchtlinge vorgestellt.

Weiterlesen: Junge Flüchtlinge suchen neue Perspektiven in Ellerbeck

Das Projekt Clearingstelle Ellerbeck

Tim Ellmer, Geschäftsführer des VSD, zu dem auch das Kinderhaus Wittlager Land gehört, nannte die Fakten. Einrichtungen des VSD für unbegleitete, minderjährige Ausländer (umA) gibt es bereits in Bad Essen und Wehrendorf mit jeweils zehn Plätzen. Da sich in Ellerbeck mit dem ehemaligen „Grünen Jäger“ nun die Anmietung einer geräumigen Immobilie ergab, werden die beiden Einrichtungen zusammengelegt und zwanzig Jugendliche ziehen Mitte Mai nach Ellerbeck. Die männlichen Jugendlichen sind zwischen 14 und 18 Jahren alt und ohne erziehungsberechtigte Begleitung aus Krisengebieten geflohen. Sie werden zwischen drei und sechs Monaten in der Clearingstelle wohnen. In dieser Zeit werden Fluchtgründe, wenn nötig ihre Identität und ihre Qualifikation „geklärt“. Um sie auf ein selbstständiges Leben vorzubereiten, geht es neben dem Erlernen der deutschen Sprache auch um das Training von Alltagsfähigkeiten. Die Jugendlichen besuchen berufsbildende oder allgemeinbildende Schulen. Im Anschluss an das Clearing ergeben sich je nach Befähigung mehrere Möglichkeiten: der Umzug zu Verwandten, in Wohngemeinschaften, in die eigene Wohnung oder auch in stationäre Einrichtungen der Jugendhilfe. „Die Jugendlichen sind äußerst wissbegierig, sie sind fleißig und wollen sich integrieren. Ihre Bereitschaft ist extrem hoch. Die Jugendlichen brauchen eine Chance,“ sagte Tim Ellmer.

Weiterlesen: Traumata bei jungen Flüchtlingen erkennen

Emotionale Diskussion

Mit ihrer detaillierten Schilderung des pädagogischen und inhaltlichen Konzeptes der Clearingstelle hatten Tim Ellmer und Einrichtungsleiterin Cleo Sosnowski allerdings keinen leichten Stand während der Bürgerversammlung. „Wir dürfen uns diese Einrichtung nicht schön reden lassen“, so ein Teilnehmer. Er und andere sähen Probleme vorprogrammiert. Gerade im jugendlichen Alter der Bewohner sei mit Schwierigkeiten zu rechnen, erst recht bei Jugendlichen ohne familiäre Bindung, aus unterschiedlichen Herkunftsländern und Kulturkreisen. In einer kleinen Bauerschaft wie Ellerbeck sei das kaum zu verkraften, so einige Meinungen.

Als dann der gemeinsame Schulweg von Ellerbecker Kindern und den jungen Flüchtlingen angesprochen wurde, stieg die emotionale Spannung bei einigen Bürgern. Tim Ellmer begegnete dem mit der Versicherung eines hohen Betreuungsschlüssels von 1:1, der Rund-um-die-Uhr Betreuung durch fachkompetente Pädagogen, auch mit seinen positiven Erfahrungen.

Weiterlesen: Doppelt so viele minderjährige Flüchtlinge in der Region

Sachlichkeit eingefordert

Gerade diese Erfahrungen wurden angezweifelt. Nach Anfragen teilte Ellmer mit, dass der VSD erst vor gut sechs Monaten mit der ersten Gruppe für umAs in Bad Essen die Arbeit begonnen hatte. Von Erfahrungswerten könne also keine Rede sein, so ein Bürger. Guido Halfter versuchte, die Wogen zu glätten: „Wir werden Ihre Bedenken ernst nehmen, aber wir müssen die Diskussion runterfahren und sachlich bleiben,“ mahnte der Bürgermeister.

Vertrauen statt Bedenken

Andere Versammlungsteilnehmer sahen das genauso. Sie warben für Vertrauen und offene Aufnahme der jungen Flüchtlinge. Das Haus werde eine offene Einrichtung und Teil des Ortslebens werden, Besuche und Kontakte seien erwünscht, versicherte Cleo Sosnowski. Außerdem sei ein Tag der offenen Tür geplant. Bei 20 Plätzen und einer Verweildauern von höchstens sechs Monaten werden jährlich zwischen 40 und 60 Jugendliche zeitweise in Ellerbeck einziehen. Das stehe einer Integration ins Dorfleben auch bei gutem Willen der Ellerbecker entgegen, bemerkte ein Versammlungsteilnehmer.

Übrigens: Sollten keine minderjährigen Flüchtlinge mehr aufgenommen werden müssen, will der VSD die Einrichtung als Kinderhaus der Jugendhilfe weiterführen.


0 Kommentare