Holocaust-Überlebende Zeitzeugin Erna de Vries spricht in Bissendorfer Schule

Erna de Vries (Mitte) berichtete in der Oberschule am Sonnensee über ihr Leben im KZ Auschwitz-Birkenau. Anke Schröder und Michael Gander moderierten. Foto: Bärbel Recker-PreuinErna de Vries (Mitte) berichtete in der Oberschule am Sonnensee über ihr Leben im KZ Auschwitz-Birkenau. Anke Schröder und Michael Gander moderierten. Foto: Bärbel Recker-Preuin

Bissendorf. „Du wirst überleben und möglichst vielen Menschen erzählen, was man mit uns gemacht hat.“ Das waren die letzten Worte, die Erna de Vries 1943 von ihrer Mutter hörte. An dieses Versprechen, das sie damals gab, hält sie sich noch heute. Erna de Vries ist 92 Jahre alt und eine der wenigen noch lebenden Zeitzeugen des Holocaust. Die Schüler der 9. und 10. Klassen der Oberschule am Sonnensee erlebten mit ihr einen außergewöhnlichen und eindringlichen Schulvormittag.

Fast zwei Stunden lang erzählte und antworte Erna de Vries in der Aula der Oberschule. Von der zunächst unbeschwerten Kindheit in Kaiserslautern, von den Wirrungen, die 1933 in ihr Leben einbrachen, von Angst, Schrecken und Tod im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, auch von ihrem Leben, das 1945 neu begann. Die 92-Jährige brauchte dafür kein Konzept, sie sprach mit fester Stimme und antwortete deutlich auf die Fragen der Jugendlichen. Und sie nahm sich Zeit und zeigte jedem Schüler die tätowierte Häftlingsnummer auf dem linken Unterarm. Die Schüler waren still und erschüttert. „Wie es damals in uns aussah, kann ich euch gar nicht beschreiben,“ so Erna de Vries.

Freiwillig zur Deportation

Im Oktober 1923 wird Erna de Vries in Kaiserslautern geboren. Sie verliert früh den Vater, die Mutter führt das Geschäft allein weiter, bis sie 1935 nicht mehr darf. Wegen „der äußeren Umstände“ muss Erna Korn – so der Geburtsname – die Franziskanerschule verlassen. Gemeint war: de Vries ist „Halbjüdin“. Als 15-Jährige muss sie miterleben, wie am frühen Morgen des 10. November 1938 ihr Elternhaus zerstört wird. 1943 folgt sie freiwillig ihrer Mutter nach Auschwitz-Birkenau. „Kaiserslautern sollte schnell judenfrei werden. Ich bat darum, mit meiner Mutter deportiert zu werden. Dann gab es ja noch eine Jüdin weniger in der Stadt“, schilderte die Zeitzeugin. (Weiterlesen: Mehr zum Thema lesen Sie im NOZ-Themenportal zum Zweiten Weltkrieg)

Selektiert in den Todesblock

Was Auschwitz bedeutete , war ihr durchaus bewusst. Diese dramatischen Informationen hatte sie über BBC London über ein verstecktes Radio erhalten. Im September 1943 folgte dann ihre Selektion zu Block 25, dem Todesblock. „Ich war nicht panisch. Ich habe nur gebetet und mir gewünscht, noch einmal die Sonne zu sehen“, erzählte Erna de Vries. Das Wunder geschah, kurz vor der Gaskammer durfte sie den Block 25 verlassen. Sie überlebte das letzte Kriegsjahr im Lager Ravensbrück. (Weiterlesen: Erna de Vries erhält Verdienstkreuz)

Alltägliches erinnert an KZ

Nach dem erschütternden Lebensbericht der Seniorin fiel es den Schüler zunächst schwer, nachzufragen. Dann kamen die Generationen doch ins Gespräch.

Wie sie sich über 70 Jahre nach den schrecklichen Ereignissen an so viele Details erinnern könne, fragten die Schüler. An jedem Tag, in vielen alltäglichen Dingen werde sie an das Konzentrationslager erinnert. Jedes Ereignis sei einschneident gewesen. „So etwas vergisst man nicht,“ sagte de Vries.

Fester Wille als Überlebenshilfe

Wie erklärt sie ihr Überleben, wollten die Schüler wissen. Mit festem Willen, von einem Tag zum anderen leben und möglichst wenig auffallen, so die Antwort. Auf die Frage, was sie von Menschen halte, die den Holocaust leugnen, antwortet de Vries knapp: „Es gibt immer Unbelehrbare. Das spricht nicht von besonderer Intelligenz.“ Kann man nach Tod und Vernichtung überhaupt annähernd normal weiterleben? Jawohl, man kann, versicherte Erna de Vries. Sie heiratete 1947 in Köln Josef de Vries, das Paar bekam drei Kinder. (Weiterlesen: Zeitzeugin hält fast 400 Vorträge über den Holocaust)

Immer in die Zukunft geschaut

Josef de Vries hatte seine gesamte Familie im Konzentrationslager verloren. „Wir hatten getrennte Familiengeschichten, aber das Gleiche erlebt. Wir haben immer wieder darüber gesprochen, das hat geholfen. Vor allem haben wir nie rückwärts gelebt, sondern immer in die Zukunft geschaut“, sagte de Vries.

Moderiert wurde die Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der VHS von Anke Schröder, stellvertretende Schulleiterin, und Michael Gander, Geschäftsführer der Initiative Augustaschacht Hasbergen.


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