zuletzt aktualisiert vor

Mondlandschaften Warum sich Jäger und Landwirte über Wildschweine ärgern


hpr Osnabrück. Es ist Zeit für den Umzug. Wenn der letzte Raps gemäht ist, ziehen die Wildschweine um – in die Maisfelder. Nicht nur, weil sie dort Nahrung finden, sondern auch Unterschlupf. Auf menschlicher Augenhöhe kaum sichtbar, richten sie in den Fruchtbeständen bis zur Ernte Schäden an, die mehrere Tausende Euro betragen können.

„Wildschweine brauchen Deckung“, erklärt Mathias Brand. Als Hegeringleiter (Stockumer Berg-Bissendorf) kennt er sich aus. Landwirt ist er außerdem. Kaum jemand ist dem Schwarzkittel so nah wie er. Aufgewühlter Boden direkt neben dem hohen Maisbestand ist für ihn wie eine aufgeschlagene Seite im Spurenbuch. „Da haben sie sich bis in die Mäusenester in 50 Zentimeter Tiefe gebuddelt, da sind sie auf Regenwurmjagd gegangen, da haben sie Schnecken gefunden“, sagt Spurenleser Brand. Wildschweine brauchen tierisches Eiweiß. Da wirkt der in diesem Jahr starke Mäusebefall auf den Feldern wie eine reich gedeckte Tafel.

Aus den Dickungen im Wald

Doch Nahrung suchen sie auch in den Fruchtbeständen. In den Rapsfeldern sind die Rotten wegen der dichtgewachsenen Kronen kaum auszumachen. So verlassen die Wildschweine ihre angestammten Dickungen im nahegelegenen Wald gerne Mitte April, um auf den Feldern ab der Rapsblüte zu schmausen. Jetzt gerade sind sie in die Maisfelder umgezogen, wo sie sich bis zur Ernte etwa Anfang Oktober breit machen. Finden sie eine feuchte Stelle, ist das eine perfekte Suhle, in der sich die Schwarzkittel wälzen, um Parasiten im Fell loszuwerden. Im Wald schubbern sie sich dazu gerne an den knorrigen Bäumen, die Maispflanze knickt dabei zu schnell ein. Eine Rotte mit 30 Schweinen zerstöre in einer Nacht locker 30 bis 40 Quadratmeter Maisfeld.

Wie eine Mondlandschaft

Wenn Wildschweine im Frühjahr unterwegs sind, pflügen die durch das Grünland, um an Larven und Regenwürmer zu kommen. Sie verschmähen aber auch Junghasen und Bodengelege der Wiesenvögel nicht, was den Naturschützer und NABU-Mitglied Mathias Brand besonders ärgert. „Wenn die da reingehen, sieht das hinterher aus wie eine Mondlandschaft“.

16 Schwarzkittel zur Strecke

Nicht überall tauchen Wildschweine auf. Meist sind es Bereiche mit Waldbeständen. Eine Hochburg ist der nordöstliche Bereich von Bissendorf. In den zehn Jahren vor der Jahrtausendwende wurden gerade mal 20 Wildschweine erlegt – bei einer revierübergreifenden Drückjagd im letzten Jahr kamen allein 16 Schwarzkittel zur Strecke, hat der Hegeringleiter festgehalten. Die Population lässt sich nur schätzen, aber mit 20 bis 40 ausgewachsenen Schweinen scheint der Bestand stabil zu bleiben. Da die Rotten auch nahe an die Schweineställe auf den Höfen heranrücken, ist die Gefahr einer unkontrollierten Verbreitung von Erkrankungen wie Schweinepest gegeben, die ganze Hausschweinbestände vernichten können.

Mit Elektrozäunen eingegattert

Seit Jahren machen sich Jäger und Landwirte Gedanken, wie die Schäden durch Wildschweine in Grenzen gehalten werden können. In einigen Revieren wurden Feldfruchtbestände schon mit Elektrozäunen eingegattert – mit hohem Aufwand. Eine Vergrämung mit einer Schießanlage hilft kurzzeitig, denn, so sagt Brand, Wildschweine sind sehr schlau. „Die merken sofort, ob auch ein echter Jäger unterwegs ist“. Am Rand des Maisfeldes verdeutlicht er: „Die hören uns und ahnen, ob von uns Gefahr ausgeht“.

Vom Fraß abhalten

Saatgutanbieter haben speziell gebeizte Samen auf den Markt gebracht, die die Wildschweine vom Fraß abhalten sollen. Vergrämungsmittel, die nach Raubtier riechen, sollen die Schweine ebenso abschrecken wie - es klingt wie Jägerlatein - ausgestreute Menschenhaare.

In erster Linie sorgen sich die Jäger über die Schäden der Schwarzkittel, denn sie sind gegenüber den Landwirten wildschadenpflichtig. Bei überhand nehmenden Wildschweinbeständen könnte es eine Jagdgenossenschaft heftig treffen, besonders wenn der Landwirt Geld verlangt. Ziel ist es dann, eine einvernehmliche Schadenregulierung zu finden. Eine Lösung könnte beispielsweise ein Futterausgleich für den Geschädigten sein, an dem sich die Jäger, die in der Regel auch Landwirte sind, aus eigenen Erträgen beteiligen.

Aus der Deckung getrieben

Ob die Jäger demnächst mit Videodrohnen ihre Felder nach Wildschweinvorkommen erkunden lassen, wird in Ansätzen diskutiert, sagt Mathias Brand. Dass die Aufnahmen allerdings Basis für eine Drückjagd werden, kann sich der Tierschützer im Jagdgewand nicht gut vorstellen. Als Jäger und Hegeringleiter schätzt er die traditionelle Form der Wildbestandsreduzierung. An ein oder zwei Tagen im Spätherbst werden die Wildschweine mit viel Lärm aufgescheucht und aus der Deckung getrieben. Bei einer Drückjagd sitzen die Jäger auf mehreren Hochsitzen und versuchen Treffer zu landen. Das klappt nicht immer, denn – wie Mathias Brand sagt – Wildscheine sind sehr schlau, warten manchmal lange ab und tauchen dann dort auf, wo es kaum einer geahnt hat.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN