Wolfgang Felgendreher in Schottland Bissendorfer Fotograf radelt ans Ende der Welt

Meine Nachrichten

Um das Thema Bissendorf Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Bissendorf. Wer Wolfgang Felgendrehers Radreise quer durch Schottland auf der Karte mit dem Finger nachzeichnet, kann staunen: 3500 Kilometer in sieben Wochen, über den höchsten Pass, durch den stärksten Sturm. Die Superlative aber sind es längst nicht mehr, die ihn strampeln lassen – es sind die Menschen vor Ort und ihre Geschichten in Bildern.

Diese Reise hat gezehrt. „Nie habe ich so viel Gewicht verloren“, erzählt Felgendreher von seiner Tour durch Schottland, bei der ihn der Wind einfach stehen ließ – auch bergab. Fünf Kilo hat den 65-jährigen Gramberger das gekostet, obwohl er gut und reichlich gegessen hat. Nach einem flimmernden Trip durch die Wüste Namib und einem abenteuerlichen durch Kurdistan wollte Felgendreher sein Reisen „wieder auf die Füße stellen“. Raus kam eine europäische Exkursion, bei der er „so viel nach Bauch gefahren ist wie nie zuvor“.

Mitte August fährt Felgendreher los. Erst nach Amsterdam, von dort aus nimmt er die Nachtfähre nach Newcastle, um hoch in den Norden Schottlands zu radeln. Er kämpft sich über die Cheviot Hills und Devil’s Elbow – den höchsten Pass des Landes. Mitten im August gerät er dort in einen Schneesturm, glaubt einzufrieren, hat aber gute Schuhe. „Ich hatte nie kalte Füße“, berichtet er stolz. Eine Seltenheit selbst unter erprobten Fernradlern. Mit 50 Kilo Gepäck fährt er weiter über Straßen zwischen Hochmooren, durch das „Eiszeit-Gelände, in dem der Asphalt einfach über die Landschaft gelegt ist“, wie er es beschreibt. Bergauf und bergab. Keine Serpentinen, die psychologisch Anschub geben, indem sie zeigen, wie viel geschafft ist. Die Strecke lässt ahnen: Diese Reise wird eine schnörkellos, pur.

46 Nächte verbringt er im Zelt, ohne Bücher, ohne Musik. „Ich kann einfach da sitzen und aufs Meer schauen“, sagt er.

In Tongue, ganz im Norden Schottlands angekommen, fährt er so nah es geht an der Küste entlang. Von Ullapool setzt Felgendreher mit der Fähre auf die Äußeren Hebriden über, eine Inselkette im Atlantik, die dünn besiedelt ist. Die Menschen, die auf der nördlichsten und größten Insel „Lewis and Harris“ leben, sind zunächst reserviert. „Sind wir das nicht auch, wenn wir einen Fremden auf unserem Hof sehen?“, fragt er. Als Felgendreher von sich erzählt, seinen Enkel auf dem Kameradisplay zeigt, bricht das Eis im offenbar unterkühlten Nordwesten. „Wie lebt es sich hier am Ende der Welt?“, will er wissen. „Bestens“, lautet die Antwort zwischen Grün links und Highlandern rechts. „Wir haben eine starke community“, hört er mehrmals – fast automatisiert. Erleben kann er sie bei einem herzlichen Gemeindefest, in den community stores, in die jeder das einbringt, was er gut kann oder auf dem Boot eines Hummerfischers, der ihm am Ende des Gesprächs nicht nur einen Hummer, sondern eine schwere Tüte voll Scherentiere mit auf den Weg gibt. „Dann ist Schottland gar nicht mehr so grau“; sagt der 65-Jährige. Seine Porträts erzählen davon.

Bis nach Barra, eine sehr südliche Insel der Äußeren Hebriden, fährt Felgendreher nicht, denn nur einmal die Woche setzt von dort eine Fähre über. Er entschließt sich von North Uist zurückzufahren, zunächst auf die Inneren Hebriden, nach Skye, weiter nach Mull. Strände mit feinem Sandstrand gibt es hier und türkisblauem Wasser. „Wie in der Karibik“, schwärmt er. Wo in Schottland er auch gerade ist, die Kampagne um das Unabhängigkeitsreferendum begleitet ihn. Gleich auf den ersten Metern im Land folgt nach dem Schild „Welcome to Scotland“ eines mit „Yes“ – für die Unabhängigkeit. Im Laufe der Reise werden die Schilder mehr und die Zweifler weniger. „Ich habe niemanden getroffen, der mit „no“ gestimmt hat“, erzählt er. Zumindest niemanden, der sich offen dazu bekannt hat. „Yes“ auf der Häuserwand, „Yes“ auf dem Hund am Straßenrand, „Yes“ in aller Munde. Nur am 18. September, als die Schotten abstimmen, sprengt das „No“ die Euphorie. Rund 55 Prozent sprechen sich gegen die Unabhängigkeit ihres Landes aus, mehr als erwartet. „Ein älterer Mann hängte ein „Yes“-Transparent ab und war den Tränen nahe“, erzählt Felgendreher von der Insel Islay. Der emotional geführte Wahlkampf hat Spuren hinterlassen, auch am Ende der Welt. An diesem Tag nach der Wahl ist Schottland tatsächlich grau. „Ich hatte den Eindruck, die Menschen wollen einfach ernst genommen werden.“

Felgendreher saugt während seiner Reise vieles auf, „ist von Natur aus neugierig“. Er macht Stopp auf der unfruchtbaren, kargen Insel „Jura“, auf der George Orwell schon schrieb, und auf der die Hälfte der Menschen in der Destillerie arbeitet. Reiseführer, die das erzählen, hat er dabei. Aber nur als „roten Faden“. Schließlich reist er mit dem Rad, um langsam genug zu sein, um die Natur mit allen Sinnen wahrzunehmen und mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Auf Islay landet er durch Zufall auf einem herunter gekommenen Hof, auf dem eine alte Frau ein Schaf in der Hundehütte aufpäppelt. Er sieht zunächst nur die bröckelnde Fassade und findet im Gespräch das starke Leben der Witwe dahinter. „Ich lerne viel“, sagt er. Wie wenig Mittel Zufriedenheit braucht zum Beispiel.

Alte Rhythmen

Felgendreher hat Glück. Kurz vor dem Rückflug trifft er schottische Reisende, die vier Jahre um die Welt geradelt und nun auf dem Weg in ihre eigentliche Heimat, das schottische Musselburgh bei Edinburgh sind. „Klar kommst Du bei uns unter“, sagen sie, obwohl sich das eigene Leben noch in Kisten stapelt. Sie helfen ihm, einen Fahrradkarton zu besorgen und das Gepäck auf den Weg zu bringen. Dann fliegt er ab – wohl wissend, dass ihn diese Reise trotz fünf Kilo Gewichtsverlusts in erster Linie gefüttert hat. „Ich habe Geschichten gesammelt“, sagt er, der sich selbst Pedaltritt für Pedaltritt runtergefahren hat.

Ewig kann er aber nicht Kilometer runterspulen, die Familie wartet, sein Geschäft am Pottgraben auch. „Sechs Monate nach der Rückkehr falle ich zurück in alte Rhythmen“, sagt er. Ein bisschen Zeit hat er also noch...


2013 reiste Wolfgang Felgendreher durch Kurdistan und über den Balkan. In einem Multivionsvortrag nimmt er die Zuhörer mit „Durchs wilde Kurdistan“ bei „ Wir in Atter“, Stadtteiltreff in der Atterkirche, Freitag, 30. Januar 2015, 19.30 Uhr.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN