380-kV-Bürgerbeteiligung Suche nach Stromtrasse durch Belm und Bissendorf startet

Von Sandra Dorn


Bissendorf. Die Beschwerdeseite ist scharf geschaltet: Im Internet – aber auch persönlich und per Post – dürfen sich Bürger aus Belm und Bissendorf zu den 13 Varianten für die geplante 380-Kilovolt-(kV)-Trasse zwischen Bad Essen-Wehrendorf und Osnabrück-Lüstringen äußern. Am Donnerstag, 27. November, wird zudem eine Bürgersprechstunde angeboten, und zwar von 14 bis 19 Uhr im Gasthaus Gösling-Tiemeyer.

Mittlerweile kommt den betroffenen Bürgermeistern Guido Halfter (Bissendorf) und Viktor Hermeler (Belm) der sperrige Begriff „Trassenfindungsprozess“ locker über die Lippen – aber das Projekt macht ihnen viel Arbeit. Die 13 Trassenvarianten für die neue Höchstspannungsleitung, die die Gemeinden Bissendorf und Belm, die Firma Amprion sowie Vertreter der überörtlichen Behörden ausgearbeitet haben, können auf der Internetseite trassenfindung-bissendorf.de abgerufen werden.

Belm ist erst seit dem zweiten Treffen zum Abschnitt Wehrendorf-Lüstringen beteiligt – seit den Workshopteilnehmern aufging, dass ein Teil der Trasse auch nordwestlich von Bissendorf durch Belm-Wellingen führen könnte. Die Stadt Osnabrück hatten die Bissendorfer früher auf dem Schirm, aber die wollte sich gar nicht erst beteiligen. Bissendorfs Bürgermeister Guido Halfter: „Mehr als einladen kann man die Nachbarn nicht.“

Hintergrund: Für die vom Bund geplante Energiewende sollen mehrere Stromautobahnen durch Deutschland gebaut werden, darunter Trasse Nummer 16 von Wehrendorf quer durch Bissendorf nach Lüstringen und von dort aus weiter durch Borgloh und Wellingholzhausen bis Gütersloh.

Für die Planer ist das Projekt wie der Versuch einer Quadratur des Kreises: Sowohl Häuser („Schutzgut Mensch“) als auch Natur- und Landschaftsschutzgebiete stehen der neuen Stromtrasse mit 61 Meter hohen und 32 Meter breiten Masten im Weg. Planer nennen die Hindernisse „Raumwiderstände“ – und stellen sie auf Karten als dunkle Flecken dar. Eine Trasse, die komplett konfliktlos ist, wird es nicht geben, nur eine konfliktarme, sagt Umweltgutachter Matthias Siebert von der Firma Grontmij.

Jetzt hat der Arbeitskreis eine Rangliste der Trassen mit den geringsten Widerständen erstellt – weit vorne sind darin die Varianten 8, 9 und 10. Sie alle streifen auch Wellingen, wo die Gegner bereits eine Bürgerinitiative gegründet haben.

Auch wenn Belm erst spät einbezogen wurde, sei der Prozess „fair“, sagt Belms Bürgermeister Viktor Hermeler und bittet um Berücksichtigung einer 14. Variante. Was die Suche nach Trassen angeht, habe Belm Erfahrungen, sagte Hermeler mit Blick auf den geplanten Lückenschluss A33-Nord. „Wir hätten uns sicher gewünscht, dass das dort auch in der Form stattgefunden hätte.“

„Wir haben hier alle Neuland betreten“, entschuldigt sich Halfter für die späte Hinzuziehung der Belmer. Diese legen großen Wert darauf, dass eine Trasse auf Bissendorfer Terrain gefunden wird, so Hermeler, „da die Bissendorfer Bürger durch den Wegfall einer Freileitungstrasse im großen Umfang profitieren“. Denn in Teilen könnten die 110- oder 220-kV-Leitung, die derzeit Bissendorf durchschneiden, wegfallen. Das kostet Amprion zwar Geld, der Übertragungsnetzbetreiber erhofft sich so aber mehr Akzeptanz.

Klar ist: Die Mindestabstände zwischen Leitung und Häusern von 200 Metern im Außenbereich werden bei keiner Variante eingehalten werden können – die von 400 Metern in Siedlungsbereichen teils schon. Jetzt sollen die Bürger als Experten sich zu den Varianten äußern. Halfter: „Der Bürger vor Ort ist der Experte.“


Der Landkreis Osnabrück ist von der Energiewende besonders betroffen. Gleich mehrere Hochspannungsleitungen sollen von 110 oder 220 auf 380 kV hochgerüstet werden. Hintergrund ist, dass saubere Windenergie aus Norddeutschland in den Süden transportiert werden soll – und dazu reichen die Kapazitäten der Leitungen derzeit nicht aus. Bei der Leitung in Bissendorf handelt es sich um Nummer 16 von 23 Trassenprojekten, die das Energieleitungsausbaugesetz des Bundes im Zuge der Energiewende vorsieht. Die künftige 380-kV-Leitung soll von Bad Essen-Wehrendorf quer durch Bissendorf zum Umspannwerk in Lüstringen führen – und von dort aus weiter über Osnabrück-Voxtrup, Holsten-Mündrup, Hilter-Borgloh, Melle-Wellingholzhausen und Borgholzhausen nach Gütersloh.