Wenn Worte Flügel bekommen Jugendhilfe in Belm hilft gehörlosen Familien

Von Bärbel Recker-Preuin

Bei der Familienunterstützung der Ökumenischen Jugendhilfe Belm wird über alles gesprochen – in Laut- und Gebärdensprache. Mit Raquel unterhalten sich die Heilerziehungspflegerinnen Lea Wittenhorst und Ceylan Sert (von links). Foto: Recker-PreuinBei der Familienunterstützung der Ökumenischen Jugendhilfe Belm wird über alles gesprochen – in Laut- und Gebärdensprache. Mit Raquel unterhalten sich die Heilerziehungspflegerinnen Lea Wittenhorst und Ceylan Sert (von links). Foto: Recker-Preuin

Belm. „Raquel ist ein Engel“, meint Holger. Dieses Lob für seine elfjährige Tochter kommt ihm nicht von den Lippen. Er zeigt es in Gebärdensprache. Holger ist gehörlos und kann sich nicht mit Worten verständlich machen. Trotzdem: Raquel weiß, was ihr Vater meint, ebenso Lea Wittenhorst und Ceylan Sert. Die vier Menschen, die in den Räumen der Ökumenischen Jugendhilfe im Haus der sozialen Dienste Belm zusammensitzen, kommunizieren auf unterschiedliche Weise, und sie verstehen sich auch ohne Worte.

Holger ist wie seine Frau gehörlos. Der Wallenhorster bringt seine Tochter Raquel zum Treffen in das Haus der sozialen Dienste. Hier weiß er sie gut aufgehoben, und mehr noch: Die Unterstützung der Ökumenischen Jugendhilfe brachte wieder Ruhe und mehr Zufriedenheit in sein Familienleben. Denn Kinder, die bei ihren gehörlosen Eltern aufwachsen, haben besondere Schwierigkeiten, das weiß Holger. Umso mehr freut sich der Elektriker über die positive Entwicklung. „Wir haben weniger Stress und finden Lösungen für unsere Probleme“, verdeutlicht Holger in der Gebärdensprache. Weil jeder alles verstehen soll und keine Barrieren in der Kommunikation entstehen dürfen, antworten Raquel, Lea Wittenhorst und ihre Kollegin Ceylan Sert ebenfalls in Gebärdensprache.

Mit diesen Fähigkeiten der Heilerziehungspflegerin und Familienberaterin Lea Wittenhorst und weiteren Sozialarbeiterinnen konnte die Jugendhilfe ihr Aufgabenfeld auf Familien mit Höreinschränkungen erweitern. „Gerade diese Familien haben das Recht auf Hilfen. Für Nichthörende gibt es viele Stolpersteine“, so Christoph Matschinsky, Leiter der Ökumenischen Jugendhilfe, die Familien in den Gemeinden Belm, Bissendorf und Wallenhorst betreut. „Kinder gehörloser Eltern leben in Zwischenwelten, sie springen von Situation zu Situation, auf die sie unterschiedlich reagieren müssen“, ergänzt Wittenhorst. Dass dieses Spannungsfeld für Kinder eine Hürde darstellt, ist offensichtlich.

Raquel lernte im Kindergarten und durch ihre Oma sprechen, parallel dazu die Gebärdensprache ihrer Eltern. In der Grundschule stellten sich Probleme ein, die Familie war mit der Situation überfordert. „Die Kinder müssen viel zu früh Verantwortung für ihre Familien übernehmen“, so Matschinsky. Raquel wurde als Sonderling gemobbt, stand in der Klassengemeinschaft außen vor, und auf die „peinlichen Gesten“ während einer Unterhaltung mit den Eltern verzichtete sie lieber. Dann kam ihre Schwester zur Welt, ein Kind mit körperlichen Einschränkungen, das die besondere Aufmerksamkeit ihrer Eltern brauchte.

„Wir wollen die beste Förderung unserer Kinder“, zeigt Holger. Die erste Hürde dazu wurde bei der Jugendhilfe genommen. Wittenhorst schaffte es, Raquel und ihre Eltern aus diesem Tal herauszuholen. „Es ist wichtig, die Betroffenen mit anderen zusammenzubringen, die in der gleichen Lage sind“, so die Heilerziehungspflegerin. Sie erwarb während ihrer Ausbildung die zusätzliche Qualifikation für die Gebärdensprache. Deshalb war es möglich, die gesamte Familie in das Unterstützungsprogramm einzubeziehen. Also traf man sich bei der Familie in Lechtingen oder im Haus der sozialen Dienste, kommunizierte per Sprache oder Gebärden. Raquel lernte bei Spiel- und Bewegungsnachmittagen andere Kinder in der gleichen familiären Situation kennen.

Nach gut zwei Jahren Betreuung ist Raquel zu einem selbstbewussten Teenager herangewachsen, in der Familie gehen alle verständnisvoll und gelassen miteinander um. In ihrer Klasse gibt sie demnächst einen Schnupperkurs in Gebärdensprache, weil ihre Mitschüler das brennend interessiert. „Alles ist jetzt besser“, zeigt Holger und macht dann eine Gebärde des Fliegens. Sie bedeutet „Engel“, so nennt er seine Tochter Raquel.