Erinnerungen eines Frontsoldaten 1. Weltkrieg: Bissendorfer kehrte nach 58 Jahren zurück nach Verdun

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Bissendorf. Es gibt Tage im Leben, die man nie vergisst. Für den Bissendorfer Karl Schröder war ein solcher Tag der 21. Februar. Im Jahr 1916 begann an diesem Datum um 8 Uhr morgens die Schlacht bei Verdun. Karl Schröder war dabei, und dieser Tag brannte sich in sein Gedächtnis. 58 Jahre später machte er sich mit seiner Familie erneut auf den Weg nach Verdun. Danach konnte er mit dem Ersten Weltkrieg abschließen.

Drei große Schlachten des Ersten Weltkrieges überstand Karl Schröder körperlich unversehrt, aber das Erlebte traumatisierte ihn. Ausführlich erzählte er seinem Sohn, dem heute 84 Jahre alten Karl Heinz Schröder, von den Geschehnissen. Karl Schröder war am 8. Januar 1915 zum Militär einberufen worden, zunächst wurde er an der Ostfront in Litauen, dann an der Westfront eingesetzt. Erst am 13. Dezember 1918 kehrte er in seinen Heimatort Bissendorf zurück.

Karl Heinz Schröder weiß von vielen Einsätzen seines Vaters zu berichten. Er habe über die Bewältigung des Alltags an der Front, sein Verhältnis zu den Kameraden, von denen viele nicht überlebten, und über seine Ängste gesprochen. Im Mittelpunkt seiner Erzählungen stand immer die Schlacht bei Verdun. „Verdun ließ ihn einfach nicht mehr los“, berichtet Sohn Karl Heinz.

Wenn auch lange Zeit unausgesprochen, so beherrschte Schröder der Wunsch, nach Verdun zurückzukehren.

Mit 81 Jahren ging dieser Wunsch in Erfüllung. Karl Schröder begann mit Sohn Karl-Heinz, Schwiegertochter Irmgard und den Enkelkindern Sabine und Ralf im August 1974 die Reise in die Vergangenheit. Eine Woche war eingeplant und anschließend ein Urlaub an Mosel und Rhein.

Die Familie besuchte die früheren Einsatzorte des Vaters, an denen heute Gedenktafeln an die dramatischen Ereignisse erinnerten. Bei der Besichtigung des Fort Douaumont, des mächtigsten Verteidigungswalls der Festung Verdun, habe der Vater die offiziellen Erläuterungen angezweifelt und Recht behalten. Es ging um den Eingang zur Festung. Dieser war ununterbrochen beschossen und zerstört worden. Jetzt führte man die Besucher zu einem neuen Eingang, wie der ehemalige Soldat bemerkt hatte.

Überhaupt war Karl Schröder die Orientierung wichtig gewesen. „Ich wollte immer genau wissen, wo ich mich befand. Darum habe ich oft die Karten studiert und mich für Spähtrupps gemeldet. Bei diesen Aufenthalten im Freien habe ich einige Male Hauptmann Freiherr von und zu Putlitz getroffen…“ so zitiert Karl Heinz Schröder im Heimatjahrbuch Osnabrücker Land die Erzählung seines Vaters.

Zur bewegenden Station der Frankreich-Reise wurde der Besuch des Gräberfeldes und der Gedenkstätte. Im Gebeinhaus habe sein Vater fassungslos auf die Wände gestarrt, auf denen die unzähligen Namen von gefallenen französischen Soldaten standen. Karl Schröder schüttelte den Kopf und fragte: „Ob wohl einer dabei ist, der von mir erschossen wurde?“

„Am Tag nach diesem Besuch wollte Vater nach Hause fahren. Wir merkten, dass es ihm zu viel wurde und die Erinnerung alles wieder aufwühlte“, erzählt sein Sohn. Die Familie respektierte den Wunsch, sagte den Rhein-, Moselurlaub ab und war abends wieder zu Hause in Bissendorf.

In den Wochen danach habe seine Mutter von Albträumen des Vaters berichtet: „Jetzt ist es wieder so wie in den ersten Jahren unserer Ehe, Vater träumt jede Nacht von Verdun.“

Erst nach Monaten habe sein Vater die Ruhe wieder gefunden. „Das Thema ‚Erster Weltkrieg‘ war für ihn jetzt erledigt. Er hatte sich ja selbst davon überzeugt, dass in Verdun kein Krieg mehr war,“ so Karl Heinz Schröder.


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