Ausgrabungen beendet Archäologische Zeitreise ins frühe Bissendorf


Bissendorf. Wie die Menschen hießen, die um 1100 in Bissendorf gelebt haben, wird vermutlich ein Geheimnis der Geschichte bleiben. Sicher sind sich die Archäologen nach Abschluss der Ausgrabungen vor dem Bissendorfer Rathaus aber in einem Punkt: Die Ritter zu Bissendorf war reich und mächtig. Darauf deuten nicht nur die Funde eines Reitersporns mit goldenen Spitzen und einer feinen goldenen Nadel hin.

Schicht für Schicht hat sich das Team von Grabungsleiter Dr. Daniel Lau seit Anfang 2012 auf der Bissendorfer Ratshauswiese in die Geschichte des Ortes gegraben. Die vierte und letzte Phase war „in allen Belangen extrem“, resümiert Grabungsleiter Lau. Extrem war nicht nur die Bedeutung der Funde. Er und sein Team hatten zwischen Juli und Oktober sowohl mit Hitze zu kämpfen als auch mit Regen und einer vollgelaufenen Grabungsfläche. „Der Boden war außerdem steinhart.“ Extrem ist auch die Zeitspanne, die die Funde aus den verschiedenen Schichten abdecken: Von der Steinzeit über die römische Kaiserzeit und das achte Jahrhundert bis in die frühe Neuzeit reicht das Spektrum der Gegenstände.

Im Fokus der Untersuchungen stand aber eine Residenz aus der Zeit des Hochmittelalters – die Keimzelle des Ortes. Ein Brand, dem die Residenz derer zu Bissendorf um 1100 zum Opfer fiel – womöglich durch einen Blitzeinschlag –, war ein Glücksfall für die Archäologen. Offenbar schütteten die frühen Bissendorfer den Keller der abgebrannten Residenz mit all ihren Überbleibseln einfach zu, um später ein massives Pfostengebäude auf dem planierten Schutt zu errichten. Dadurch sind sämtliche Gegenstände, die die Archäologen 900 Jahre später in dieser Schicht ausgruben, einer Phase zuzuordnen und lassen Schlüsse darauf zu, wie die Menschen dort um 1100 lebten.

Ob die Ritter die Vorfahren des 1182 urkundlich erwähnten Giselbert von Bissendorf waren, ist Spekulation. Klar ist: Sie lebten herrschaftlich – und sie lebten, bevor Bissendorf im Jahr 1160 zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde. Allein der Grundriss, den die Archäologen freilegen konnten, ist eine Sensation: „Es handelte sich um einen großen, repräsentativen Bau“, erläutert Lau, „wesentlich größer als das Haus Bissendorf.“ 6 mal 16,50 Meter misst der Grundriss, typisch für einen herrschaftlichen Saal dieser Zeit, aber ungewöhnlich für ein Bürgerhaus auf dem Land. „Damit befindet sich die Grabung in Bissendorf auf Augenhöhe mit denen am Osnabrücker Dom und denen an der Iburg“, schwärmt der Osnabrücker Stadt- und Kreisarchäologe Bodo Zehm. Hinzu kommt, dass das Souterrain von einer steinernen Mauer eingefasst war. Wer sich so etwas leisten konnte, muss viel Geld und Einfluss gehabt haben.

Anfang August fanden Lau und sein Team einen Reitersporn. Allein dies deutete schon auf den Wohlstand der frühen Bissendorfer hin, denn Reiten war ein absolutes Privileg der Oberschicht. Als Restauratorin Ulrike Haug sich an das Abtragen der Korrosionsschicht machte, dann die Überraschung: Die Spitzen des filigranen Stachelsporns sind aus Gold und reihen sich in die Funde der Grabungen im vergangenen Jahr ein, bei denen unter anderem ein Goldring gefunden wurde. „Die Goldfunde, die ich in 15 Jahren restauriert habe, kann ich an einer Hand abzählen“, sagt Haug.

Importierte Keramik

90 Prozent der Funde sind Scherben – überwiegend von sogenannten Kugeltöpfen, die damals für so ziemlich alles verwendet wurden, vom Kochen bis zum Aufbewahren. Doch schnell rotierende Töpferscheiben gab es in unserer Region um 1100 noch nicht. Daher fällt ein hochwertiger Tonkrug aus der Reihe, der deutlich feiner verarbeitet ist, vermutlich ein Importstück aus dem Rhein- oder Weserbergland. Schwungvoll bemalt ist er, aber nicht gerade sorgfältig. „Das ist Massenarbeit“, so Lau. Den frühen Bissendorfern ging es aber weniger um den importierten Krug, sondern vielmehr um den Inhalt – vermutlich Öl oder Wein. Apropos Essen: Unter den Tierknochen fand sich bei der Grabung viel Wild – ein weiteres Indiz, dass es sich hier eine Adelsschicht gut gehen ließ, denn nur diese hatte das Recht zu jagen.

Auch wenn die Grabungsstelle demnächst wieder zugeschüttet wird, damit das Stephanswerk hier einen barrierefreien Wohnkomplex bauen kann, ist die Arbeit für Lau und seine Kollegen noch lange nicht beendet. Jetzt geht es an die Auswertung der vielen Tonscherben und Eisenfunde. Diese Woche haben die Wissenschaftler Holzkohleproben vom Fußboden des Saals zur Datierung an ein Labor in London geschickt. Mitte November soll das Ergebnis vorliegen und die Frage beantworten helfen, wann die Residenz gebaut wurde.

Sein Online-Tagebuch will Daniel Lau weiter pflegen, zu finden unter ausgrabungbissendorf.wordpress.com .


Als Hochmittelalter wird die Zeitspanne zwischen circa 1050 und 1250 bezeichnet. Europa befand sich im Umbruch durch ein anhaltendes Bevölkerungswachstum.Handel und Handwerk blühten auf, Lesen und Schreiben war nicht länger nur ein Privileg der Geistlichen, sondern auch eines Teils der Adligen. Sowohl der Bau von Burgen erlebte damals einen Boom als auch die Kreuzzüge.

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