Die Steinzeit lernt sprechen Nacht der Mythen und Legenden in Jeggen

Von Bärbel Recker-Preuin


Bissendorf. Am Großsteingrab in Jeggen fand die erste internationale Nacht der Mythen und Legenden statt – ein grandioser Erfolg mit vielen Hundert Besuchern.

Vor rund 5000 Jahren lebten ganz besondere Menschen auf der Anhöhe des Hasetals. Sie zeichneten sich durch Ehrgeiz, Freundlichkeit und Gemeinsinn aus, und sie waren einfach sympathisch. Verständlich also, dass die heutigen Jeggener – die natürlich eben solche Charaktereigenschaften besitzen – ihre Vorfahren spontan ins Herz schlossen. Diese Freundschaft über fünf Jahrtausende wurde jetzt an einem sehr authentischen Ort besiegelt, am Großsteingrab in Jeggen.

Dass der Anführer der heutigen Jeggener, Goan, sprich Guido Halfter, das kluge Wahlverhalten der (Steinzeit-)Menschen an diesem Ort ansprach, brachte ihm ein vernichtendes „Bullshit“ von einem ein, der es wissen muss. Es war Zodo Behm, im wahren Leben Bodo Zehm und Stadt- und Kreisarchäologe. Sein Anliegen: die ersten sesshaften Bewohner dieses Ortes und ihre Zeit wieder lebendig werden zu lassen. Das Ganze wurde ein aufwendiges Experiment, verbunden mit Premieren und Uraufführung, in jedem Fall eine Gemeinschaftsleistung von vielen, die nicht einzigartig bleiben sollte. Erstmals wurden die alten, wohl 30 Tonnen schweren Steine in ein ungewöhnliches und zauberhaftes Licht gerückt. Die Horde, die „Jeggen“ bevölkerte den Ort und ganz nebenbei wurde Ortsjubiläum gefeiert, denn die Zeugnisse der Jungsteinzeit belegten eindeutig das Alter der Besiedlung.

Archäologische Fakten reichen nicht für eine stimmungsvolle Mythen-Nacht. Zur ersten Aufführung „Die Horde“ hatte Bodo Zehm den Musiker und Autor Heaven an seiner Seite. Er war kreativ und verspielt genug, um das Leben von Steinzeitmenschen heute in Szene setzen zu können. Er schrieb das Buch für ein Schauspiel zwischen Melancholie und Überlebenskampf, zwischen Wissenschaft und Mystik. Zur richtigen Würze kam ein bisschen wohltuender Klamauk hinzu.

In Szene gesetzt wurde das Spiel von Regisseurin Sigrid Graf. Sie führte die Schauspieler, die Feuerkünstler von Chapeau Claque Rouge und Lämmi, der Ziege, über die Zeiten. Die Profi- und Hobbyschauspieler wurden mit der ungewöhnlichen Handlung eins, ebenso mit ihrer Bühne, dem Großsteingrab.

Die Grabanlage der Megalithkultur war Mittelpunkt des Geschehens, sie war Bühne und Requisite und bot mit Lichtinszenierungen, Theaternebel und einem „Teufelsfeuerwerk“ eine eindrucksvolle Kulisse.

Der Musiker Klaus Latza bediente dazu die Percussions.

Weil niemand so richtig weiß, wie die Horde Jeggen kommunizierte, beschränkte man sich auf Urlaute, wurde dennoch bestens verstanden. Übersetzerin und Erzählerin war Märchenfrau Sabine Meyer.

Wichtiges Glied im Mythen-Nacht-Team waren die Mitglieder von „Jeggen lebt 07“, der lokalen Interessengemeinschaft, die das Großsteingrab pflegt und somit das Ganze erst ins Rollen brachte.

Die Geschichte der Horde Jeggen: Zehn Menschen leben im Jahr 3000 vor Christus in Jeggen. Sie sind Unwettern und Wildnis ausgesetzt und führten einen harten Kampf ums Überleben. Man liest aus Knochenteilen und wirft Federn um die Götter und die „Ewigen“ gnädig zu stimmen. Die Jeggen-Männer begeben sich auf die Suche nach einer wirtlicheren Gegend. Bei ihrer Reise treffen sie auf Zeitzeugen künftiger Jahrhunderte: Auf eine Händlerin aus dem Morgenland, auf Professor Johan Picardt, der sich im Jahr 1660 die Jeggen als Tyrannen, Hünen und Barbaren vorstellte, auf einen Geistlichen, der vergeblich versucht, das biblische Weltbild in die Jungsteinzeit zu bringen und auf Zodo Behm, der als Wissenschaftler die „experimentelle Modellrechnung“ zum Steintransport erläutert. Die Jeggener kehren nach dem Tod eines Angehörigen zurück, bestatten ihn würdevoll in der Grabanlage und werden hier sesshaft – bis zum heutigen Tage.

Fast nebenbei wurden 5000 Jahre Jeggen gefeiert. Das geschah neuzeitlich mit über 1000 Besuchern bereits am ersten Abend, dem Helene-Fischer-Double Anni Perka und Back to the Roots. Am Sonntag ging es weiter mit einem ökumenischen Open Air Gottesdienst mit Pastorin Angelika Breymann und dem MGV Schledehausen, sowie einem musikalischen Frühschoppen mit den Pottbäckers.