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Fenster zur Steinzeit Ein Besuch der archäologischen Ausgrabung in Bissendorf

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Bissendorf. Das Mittelalter beginnt in Bissendorf 30 Zentimeter unter der Grasnarbe. Ein Metallzaun sperrt allerdings Neugierige von der Grabungsfläche der Osnabrücker Kreis- und Stadtarchäologie vor dem Rathaus aus. Das ist gut so: Jeder falsche Schritt könnte Spuren der Vergangenheit verwischen. Ein Baustellenbesuch.

Sandhügel, Mauerreste, ein paar Löcher in der Erde – mehr ist nicht zu sehen. Grabungstechniker Ingo Jüdes greift sich zwei Spachtel und zeigt auf eine Vertiefung: „Hier arbeiten wir heute.“ Er kennt die Mühen, die der Tag bringen wird. Die Vergangenheit erschließt sich bröckchenweise, ihre Fährte aufzuspüren ist ein anstrengender Job.

Mit Soden bedeckte Erdhügel grenzen die Ausgrabungsfläche ein. Jüdes sticht etwa eine Handbreit unterhalb des Grabungsschnitts die Erde ab. Er steht dort, wo bis vor 40 Jahren noch das Werpup’sche Herrenhaus stand. Im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts hatte die Familie von Werpup das Gebäude errichten lassen. Die Schichten darunter sind also versiegelt worden, ab da ist quasi alles Mittelalter oder älter. „Funde aus der Neuzeit haben wir hier kaum“, sagt Jüdes.

Artefakte früherer Bissendorfer

Die Masse ist zäh. Jüdes zerhackt die Klumpen, durchstöbert die Brocken nach Artefakten, die frühe Bissendorfer hinterließen: Knochen, Scherben, Zähne, Metalle, Werkzeuge, Steine. Der Ausgrabungstechniker trägt zwar einen Hut, der auch Indiana Jones gut zu Gesicht stehen würde, doch ist diese Feldarbeit weder abenteuerlich noch stellt sich eine Goldgräber-Romantik wie in der ZDF-Serie Terra X ein. Nach etwa einer Stunde der erste Fund – ein weißer Feuerstein, groß wie ein Fingernagel. Der Splitter ist offenbar ein Abfallprodukt der Steinzeit-Menschen, die hier zwischen Teutoburger Wald und Wiehengebirge ihre Werkzeuge herstellten. Seine weiße Farbe hat der Flintstein in einem Feuer erhalten. Jüdes legt den Fund in einen Plastikkorb, weitere werden folgen.

„Ich habe irgendwo einen Aufkleber gesehen, auf dem 850 Jahre Bissendorf stand“, sagt Jüdes und winkt ab. Die Funde, die die Mitarbeiter der Osnabrücker Kreis- und Stadtarchäologie bisher zutage förderten, lassen sich bis in die Jungsteinzeit zurückdatieren. „Eine dauerhafte Besiedlung kann ab etwa 800 nachgewiesen werden“, sagt der Techniker.

Mehr Funde als erhofft

Das Grabungsteam um den Archäologen Dr. Daniel Lau durchpflügt seit einigen Wochen das Grundstück vor dem Rathaus. Sie haben bereits mehr gefunden, als sie zuvor erhofft hatten: einen Kratzer, ein Werkzeug aus Feuerstein, das vor gut 4000 Jahren in Form gebracht wurde, einen Kugeltopf aus der Karolinger-Zeit, die Anfang des 10. Jahrhunderts endete, und ein mittelalterlicher Wirtel einer Handspindel. Neuestes Schmuckstück ist ein aus Knochen geschnitzter Spielwürfel. „Wie alt der Spielwürfel ist, lässt sich noch nicht genau eingrenzen“, erklärt Grabungsleiter Lau in seinem Online-Tagebuch (http://ausgrabungbissendorf.wordpress.com/) „Die Schichten, aus denen er stammt, datieren ihn spätestens in das 14./15. Jahrhundert. Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass der Würfel wesentlich älter ist.“

Lau und Jüdes haben schon bei der archäologischen Feldforschung an der Kirchburg zu Ankum zusammengearbeitet. In der Bissendorfer Stätte ernten sie reichlich. „Wir haben hier auf fünf Meter unterschiedliche Fundlagen“, sagt Lau. Artefakte aus dem Früh- und Spätmittelalter liegen dicht beieinander, und plötzlich tut sich daneben ein Fenster zur Steinzeit auf. Und auch einen römischen Sesterz haben die Ausgräber schon entdeckt. „Die Funde sind unschlüssig“, sagt der Archäologe.

Mittelalterlicher Brunnen

Nur der Kopf von Nicole Grunert lugt aus dem Loch heraus. Sie macht sich an einem mittelalterlichen Brunnen zu schaffen. Die Studentin der Universität Münster trägt ihn Stein für Stein ab und durchwühlt die Erde, die die Hohlräume verdichtet hat, nach Funden. Grunert fördert Scherben ans Tageslicht. Immer wieder steigt sie aus dem Erdloch und greift sich das Tachymeter, ein Instrument, mit dem archäologische Messungen durchgeführt werden. Von einem fixen Standort aus wird der exakte Fundort eines relevanten Artefakts angepeilt, die Daten abgespeichert und in eine Karte übertragen.

Bisher hat Grunert nur den ersten Meter des Brunnens untersucht. Noch weitaus mehr Funde liegen wohl auf dessen Grund. War eine Quelle versiegt, haben die Menschen die Brunnen oft als Müllkippe oder Kloake verwendet. „Das stinkt auch noch nach Jahrhunderten“, wirft der erfahrene Grabungstechniker Jüdes ein.

„Zähne ja, Knochen kommen nicht in den Korb“, erklärt der Grabungstechniker. Knochen finden sich an seinem Standort viele. Schlachtabfälle vermutlich, die sich nicht eindeutig einem Tier zuordnen lassen. „Zähne lassen sich besser bestimmen“, sagt Jüdes und wirft ein Kieferstück mit einigen Hauern ins Körbchen. Rind? „Wohl eher Schaf“, meint er. Wenn es der Kiefer eines Menschen gewesen wäre, würde der Grabungstechniker seinen Pinsel auspacken und behutsam das Fragment freilegen.

Haustiere

Das Skelett eines Hundes hatte das Team der Kreisarchäologie vor Tagen freigelegt. Ein typischer Fund an Orten, wo Menschen lebten. Denn Kinder haben ihre Lieblingstiere schon vor Hunderten von Jahren in der Nähe ihrer Häuser zur letzten Ruhe gebettet. Dieser Hund fand noch vor dem 30-jährigen Krieg sein Ende.

In Deutschland führen zwei Bildungswege zum Grabungstechniker. Der akademische Weg führt über ein Studium an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Die praktische Ausbildung zum geprüften Grabungstechniker erfolgt hingegen über eine dreijährige Fortbildung an einem archäologischen Landesamt. Jüdes hat den zweiten Weg gewählt. Er war schon an Ausgrabungen eines römischen Tempels und Theaters nahe Trier beteiligt. „Irgendwie hat aber jede Ausgrabung ihren Reiz.“ In Bissendorf griffen viele Zeiten ineinander, das sei schon spannend.

Eine glatte Sandfläche ist der Arbeitsplatz von Stefanie Unland und Julia Pygoch. Dunkle Flecken zeichnen sich am Boden ab. Hinweise auf Holzpfosten, die wohl einem Wirtschaftshaus Halt gaben. Mit Spaten tragen die Studentin Unland und Pygoch, die bei der Kreisarchäologie ein freiwilliges kulturelles Jahr ableistet, eine dünne Erdschicht ab. Grabungsleiter Lau geht die Fläche zuvor mit dem Metallsuchgerät ab. Irgendwann klaubt Pygoch eine Scherbe aus dem Sand – frühes Mittelalter.

Lau marschiert mit dem Zeichenbrett über die etwa 35 Meter lange Fläche. Er fertig Skizzen an, hält jede Auffälligkeit fest. Sechs Monate haben der Archäologe und sein Team Zeit, das Gebiet abzuarbeiten, eine Verlängerung um zwei Monate ist möglich. Eine Ausstellung mit den Fundstücken im Haus Bissendorf ist geplant. Dann wird das Grundstück freigeben, und mit der geplanten Bebauung kann begonnen werden. „Vielleicht wird der Brunnen noch anderenorts aufgebaut“, sagt Lau.

Ingo Jüdes hat seinen Arbeitstag beendet. Sein Korb hat sich mit Artefakten gefüllt, keine, die ihn beeindrucken. „Es soll Grabungen geben, die Jahre nichts gefunden haben“, sagt er. Am Ende des Tages blickt er auf den Abschnitt, den er beackert hat. „Ein Tag Arbeit, und es sieht aus wie nichts. Auch das ist Archäologie.“


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