Jackpot Stammzellenspende Ein Treffen in Osnabrück: Wie es ist, seinem Lebensretter zu begegnen

"Er ist mein Lebensretter und ich bin ihm unendlich dankbar", sagt Hannelore Kirchberg und hält den ersten Brief von David Hamm in den Händen. Der Wissinger spendete ihr vor zwei Jahren seine Stammzellen. Foto: Monika Vollmer"Er ist mein Lebensretter und ich bin ihm unendlich dankbar", sagt Hannelore Kirchberg und hält den ersten Brief von David Hamm in den Händen. Der Wissinger spendete ihr vor zwei Jahren seine Stammzellen. Foto: Monika Vollmer

Bissendorf. Im Februar 2017 spendete der damals 25-jährige David Hamm in Bissendorf Stammzellen. Zwei Jahre vergehen. Dann bekommt er einen Brief mit Worten voller Dankbarkeit von einer Dame, die weiß, wie wertvoll das Leben ist, weil sie es fast verloren hat.

Hannelore Kirchberg (72) aus Hamm schreibt, dass sie ihren Lebensretter gerne persönlich kennenlernen wolle. Die Zwei trafen sich zum ersten Mal in einem Osnabrücker Restaurant.

Kalter Regen prasselt um 12.23 Uhr auf den Asphalt, als der IC Zug  im Osnabrücker Bahnhof einfährt. Zwei Menschen, die bis vor zehn Tagen noch nicht einmal den Namen des Anderen kannten, interessiert das Wetter wenig, sie erleben einen ganz besonderen Moment: Hannelore Kirchberg trifft zum ersten Mal auf David Hamm (27) aus Wissingen und drückt ihn an sich. „David ist für mich wie ein Jackpot“ sagt sie, als sie dem Mann gegenübersteht, der ihr mit seinen Stammzellen das Leben gerettet hat. Dabei führte das Schicksal die Beiden erstmalig am 16. Januar 2017 zusammen, damals allerdings noch anonym.

Brief von der DKMS

Es ist der Augenblick, in dem David von der DKMS einen Brief erhält, dass er als Spender in Frage käme. „Auf Wunsch meiner Eltern, die ganz euphorisch waren und selbst bereits in der Datei der DKMS waren, ließ ich mich vor mehr als zehn Jahren an meiner damaligen Schule typisieren“, erklärt er rückblickend und gesteht, dass er eigentlich nicht damit rechnete, je angeschrieben zu werden. Als der Brief dann doch nach acht Jahren kam, war er sofort bereit. Ohne lange zu zögern, füllte der Industriekaufmann den sechsseitigen Befragungsbogen aus, ließ eine Gesundheitsprüfung über sich ergehen, bei der ihm 20 Röhrchen Blut abgenommen wurden und verzichtete von da ab wegen der Verletzungsgefahr auf sein Hobby, das Fußballspielen. Kurze Zeit später kam die Info, dass er gesund sei und zur Apherese kommen solle.

Es ist soweit: David Hamm kommt als Stammzellenspender in Frage. Den Schriftverkehr mit der DKMS und die ersten Briefe der an Leukämie erkrankten Hannelore Kirchberg sammelt er in einer Art Tagebuch. Foto: Monika Vollmer


Seine Mutter begleitete ihn nach Köln in die Entnahmeklinik. Mit einem Venenkatheder entnahmen sie ihm Blut aus seinem rechten Arm und zentrifugierten es. 347 Milliliter Stammzellen wurden zielgerichtet abgesaugt, die anderen Blutbestandteile wieder miteinander vermischt und über eine zweite Kanüle in den linken Arm zurückgeführt. Während der dreistündigen Filterung schaute er sich „Fack yu Göhte 2“ an und sagt heute, dass die Spende und auch die Hormonbehandlung davor harmlos gewesen seien und er die Risiken gar nicht mehr weiß. „Die hatten mich auch nicht wirklich interessiert“, gesteht er und ergänzt: „ich sagte mir damals: Egal, ich mach das jetzt.“

Diagnose Leukämie

Gut 400 Kilometer entfernt lag im gleichen Moment Hannelore Kirchberg im Universitätsklinikum in Erlangen und hoffte auf einen Spender, damit sie weiterleben konnte. Während eines Aufenthaltes in Spanien brachte ihr Mann sie wegen ihrer ungewöhnlichen Müdigkeit zu einer Untersuchung in ein dortiges Krankenhaus. Wenig später die niederschmetternde Diagnose: Leukämie- weit fortgeschritten und nur noch geringe Lebenserwartung. Es sei denn, ein passender Spender würde schnellstmöglich gefunden. 

Noch nicht einmal Tränen zum Weinen

„Es fühlte sich an, als hätte man mir einen Hammer auf den Kopf geschlagen“, berichtet Kirchberg nachdenklich als sie zurückblickt. „Ich war zwar 70 Jahre. Alt - ja, aber doch nicht so alt, als dass ich sterben wollte.“ Doch da waren sie: die kaum wahrnehmbaren Beschwerden, die aus scheinbar völliger Gesundheit auftraten. „Ohne Schmerzen, aber das ist ja das Teuflische an der Krankheit. Danach ging alles ganz schnell. Mein Mann gab mir wenige Minuten zum Packen und fuhr nonstop mit dem Auto nach Erlangen, wo unsere Tochter als Ärztin arbeitet“, berichtet Kirchberg, die die Zeit damals wie in Trance erlebte. Sie fühlte sich „überfahren“, hatte noch nicht einmal Tränen zum Weinen.

Geschwächter Körper

Nach dem Warten auf einen geeigneten Spender und sechs großen Chemotherapien folgte der „Day of no return“. Am 1. März 2017 brachte der Kurier die ersehnten Stammzellen. „Nach den schlaflosen Nächten davor war es ein absolutes Hochgefühl, als die zwei kleinen unspektakulär aussehende Blutbeutelchen ankamen und venös durch einen transparenten Schlauch in den Hals injiziert wurden“. Das Ganze dauerte 45 Minuten, danach fing erneut das große Warten an. Diesmal gepaart mit der Hoffnung, dass der geschwächte Körper die fremden Zellen annehmen möge.

Kerze im Dom angezündet

David und seine Mutter saßen derweil in Zug und waren auf dem Rückweg nach Osnabrück. Direkt nach Ankunft in der Hasestadt gingen die beiden in den Osnabrücker Dom, zündeten eine kleine Kerze an und beteten, dass die Empfängerin der Spende es schaffen möge. „Den Zugang zum Kölner Dom hatte man uns zuvor wegen des Reisegepäcks verwehrt. Aber meine Mutter meinte lapidar, den lieben Gott haben wir auch bei uns zuhause“, gesteht David lachend und erzählt, dass er zu dem damaligen Zeitpunkt lediglich wusste, dass seine Spende für eine Dame aus Deutschland gebraucht wurde.

Glücklich, neugierig und unendlich dankbar: Hannelore Kirchberg (72) und ihr Stammzellenspender David Hamm (27) . Foto: Monika Vollmer

Erst nach zwei Jahren dürfen sich Spender und Patient kennenlernen, so bestimmen es die Regeln der DKMS. Erst dann sei klar, ob der Patient überlebt. Vorher darf lediglich ein Briefaustausch erfolgen – anonym und nur über die DKMS.

Tolle Blutwerte

Nach bereits neun Tagen bildeten sich bei Kirchberg die ersten zwei fremden Leukozyten, es folgten in den kommenden drei Wochen mehr als 1000 Weitere. „Nach vier Wochen durfte ich das Krankenhaus im Rollstuhl verlassen und mir war bewusst, welch ungeheures Glück ich gehabt hatte. Heute fühle ich mich so fit wie ein junges Mädchen, habe tolle Blutwerte und kann das Leben wieder genießen. Man genießt jetzt anders, viel bewusster und ich bin David unendlich dankbar“, sagt sie und blickt glücklich ihren Lebensretter an, der fast genau zwei Jahre später neben ihr sitzt. In den Händen hält Kirchberg den ersten Brief von David  – eine Replik auf ihren Dankesbrief -, kämpft mit Tränen der Rührung. Die Worte des Briefes kennt sie auswendig. „Nach diesem Schreiben wusste ich, dass David etwas Besonderes und ein wahnsinnig empathischer und toller Mensch sein muss.“

Schon kurz vor der Spende hat es anonymen Kontakt gegeben. Davids erster Brief rührte die damals 70-jährige zu Tränen. "Ich wußte da sofort, dass mein Spender ein toller, empathischer junger Mann sein musste", sagt Hannelore Kirchberger. Foto: Monika Vollmer

Die Beiden reden an dem Nachmittag über alles Mögliche und stellen immer wieder Gemeinsamkeiten fest, die sie verbinden- auch wenn sie ansonsten ganz unterschiedlich sind. „Heute habe ich eine zweite Mama kennengelernt“, schmunzelt David. Nach knapp vier Stunden, als der Regen noch immer nasskalt auf den Asphalt prasselt, verlassen die beiden glücklich die Lokalität und machen sich gemeinsam auf in Richtung Bahnhof. David fährt zurück nach Wissingen und Kirchhoff nach Hamm in Westfalen. Doch beide sind sich einig, dass sie sich mindestens noch einmal wiedersehen werden. Und dann dürfen auch die Familien mit dabei sein.


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