Kleiderkauf als Gewissensfrage Schledehauser KFD-Frauen und die Bekleidungsindustrie

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"Prima-Klima-Kleidung" hieß der Vortrag, in dem Maria Anneken bei der Katholischen Frauengemeinschaft (KFD) in Schledehausen über die Modeindustrie, die Arbeitsbedingungen der Näherinnen und die Frage des eigenen Konsums sprach. Foto: Claudia Sarrazin"Prima-Klima-Kleidung" hieß der Vortrag, in dem Maria Anneken bei der Katholischen Frauengemeinschaft (KFD) in Schledehausen über die Modeindustrie, die Arbeitsbedingungen der Näherinnen und die Frage des eigenen Konsums sprach. Foto: Claudia Sarrazin

Bissendorf. Über die Kleiderindustrie und die Macht der Konsumenten berichtete Maria Anneken bei der KFD.

Das Thema "Prima-Klima-Kleidung" war nun Thema bei den Frauen der Katholischen Frauengemeinschaft (KFD) St. Laurentius Schledehausen. Maria Anneken, ehemalige Sprecherin des Ständigen Ausschusses "Hauswirtschaft und Verbraucherthemen" der KFD kannte sich im Thema aus. Und ihre Zuhörerinnen hatten es sich mit Tee und Walnüssen gemütlich gemacht, um sich ungemütliche Wahrheiten anzuhören. 

Armut und Korruption

Ein Aufhänger für das Gespräch war der Einsturz der Kleiderfabrik Rana Plaza in Bangladesch mit 1134 Toten im Jahr 2013, an den sich die meisten noch erinnerten. Als Gründe für den Einsturz nannte Anneken nicht nur die Tatsache, dass das für zwei Geschosse konstruierte Gebäude um weitere sieben illegale Etagen aufgestockt worden war. Grund seien auch die Lebenssituation der Menschen in Armut ohne Schulausbildung einerseits, sowie "korrupte Politiker und geldgierige Fabrikbesitzer" andererseits. 

Keine Besserung seit 20 Jahren

"Kannste nicht glauben, dass es das noch gibt", murmelte eine Zuhörerin, als Anneken berichtete: Zehn Stunden Arbeit pro Tag an sieben Tage der Woche seien für die Arbeiterinnen ebenso Alltag wie schlechte Bezahlung und sexuelle Belästigung bis hin zur Vergewaltigung. Zwar hätte der damalige Bundesentwicklungsminister Gerd Müller 2014 die Gründung des Bündnisses für nachhaltige Textilien initiiert, zu dessen 130 Mitgliedern unter anderem auch die KFD gehört. Doch Anneken erklärte auch: "Ich habe selbst erfahren, wie schwer es ist, unsere Vorstellungen hinsichtlich gerechtem Lohn, sozialverträglicher Arbeit und sicherer Arbeitsplätze durchzusetzen." Und sie fügte hinzu: "Wir haben uns schon 1997 mit den gleichen Themen befasst. Seit dem ist nichts passiert." 

Der Mensch als Ressource

"Das ist alles Betrug", schimpfte eine der Frauen, als Anneken bestätigte, was viele wussten: "Das Kleid von der Konkurrenz wird in der gleichen Fabrik genäht." Der Kauf teurer Markenprodukte bedeute nicht automatisch bessere Arbeitsbedingungen. "Der Mensch als Ressource ist vorhanden, das wird skrupellos ausgenutzt. Alle wollen verdienen", so Anneken. Und wenn die Herstellung teurer werden würde, zögen die Firmen in andere Länder. So sei China heute beispielsweise nicht mehr attraktiv, Standorte in Afrika hingegen neu im Fokus.

Kleidung im Müll

"Wir kaufen immer mehr und immer billiger", kam Anneken auf die Rolle jedes einzelnen als Konsument zu sprechen. Ihre Zuhörerinnen staunten, als sie hörten, dass 60 Prozent gekaufter Mode ungetragen in der Mülltonne landete. Gleichzeitig vernichteten auch die Kleiderproduzenten  selbst große Mengen neuer Ware. Das war ein weiteres Aufreger-Thema für die Schledehauserinnen, die ihrerseits getragene Kleidung als Putzlappen weiter nutzen. Und sie listeten ausgewählte Kleidercontainer und Sozialkaufhäuser als Adressen für noch tragbare Kleidung auf. 

Die Macht der Konsumenten

Die Frauen waren bei der Frage angekommen: Was können wir tun? Anneken zählte auf: Bewusster, weniger und auch im Secondhand-Laden einkaufen, Dumpingpreise boykottieren und auf Siegel achten. Auch Konsumenten hätten Macht, gleichzeitig informierte sie: "Kein Siegel kann alle Kriterien erfüllen: öko, fair und sozialverträglich." 

Lichtblicke 

Ist alles also nur frustrierend? Positiv wertete Anneken Versuche der Wiederverwertung von Kleidern und das Thema Kreislaufwirtschaft. Sie berichtete von kompostierbaren T-Shirts und dem Trend der "Slow Fashion", die mit Upcycling-Kollektionen die Schnelllebigkeit der Mode verringern möchte. Zudem sprach sie die Möglichkeit an, Kleidung zu mieten und wies auf Kleidertauschpartys hin. "Kauft weniger, wählt sorgfältiger aus, sorgt dafür, dass es lange hält", zitierte Anneken die Designerin Vivienne Westwood. Prompt fragten ihre Zuhörerinnen: "Wer flickt denn noch?" Sie selbst täten es schon, aber sonst?


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