Freileitung durch Bissendorf? 380-kV-Leitung: Amprion will alternative Trassen prüfen

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Kommen Erdkabel auf der geplanten 380-kV-Leitung zum Einsatz? Die Amprion sagt ja, doch der Landkreis, die Gemeinde Bissendorf und die Bürgerinitiative haben Zweifel. Symbolfoto: Roland Weihrauch/dpaKommen Erdkabel auf der geplanten 380-kV-Leitung zum Einsatz? Die Amprion sagt ja, doch der Landkreis, die Gemeinde Bissendorf und die Bürgerinitiative haben Zweifel. Symbolfoto: Roland Weihrauch/dpa

Bissendorf/Osnabrück. Führt der Netzbetreiber Amprion seine geplante 380-kV-Leitung doch nicht als Erdkabel an Voxtrup vorbei? Das Unternehmen will jedenfalls zwei alternative Trassen durch Bissendorfer Gebiet prüfen; denkbar wäre dort auch eine Freileitung. Gemeinde, Landkreis und Bürgerinitiative sind entsetzt.

Die zwischen Osnabrück und Gütersloh geplante 380-Kilovolt-Höchstspannungsleitung hält die Region auf Trab. Im jüngsten Erörterungstermin des Raumordnungsverfahrens kündigte der Netzbetreiber Amprion jetzt an, zwei alternative Trassen durch Bissendorf zu prüfen, die in der öffentlichen Wahrnehmung bislang keine Rolle spielten. Bedeutet das die Abkehr von der bereits als sicher geglaubten Erdverkabelung im Osnabrücker Stadtgebiet? Ein Einordnung:

Wie war der Stand der Planungen?

Fest steht, dass die 220-kV-Leitung zwischen Bad Essen-Wehrendorf und Gütersloh als eine von deutschlandweit 24 Stromleitungen zu einer 380-kV-Höchstspannungsleitung aufgerüstet werden soll. So sieht es das Gesetz zum Ausbau von Energieleitungen (EnLAG) vor, ein Bundesgesetz. Die etwa 70 Kilometer lange Strecke zwischen Wehrendorf und Gütersloh firmiert dabei als „Vorhaben 16“. Sie soll über das Umspannwerk Osnabrück-Lüstringen führen und 2025 den Betrieb aufnehmen. 2016 wurde das EnLAG dahingehend erweitert, dass das Vorhaben 16 als eines von sechs Pilotprojekten für den Einsatz von Erdkabeln auf Teilabschnitten ausgewiesen wurde. 

Vorhabenträger ist der Dortmunder Übertragungsnetzbetreiber Amprion. Das Unternehmen plant die Trasse in zwei Teilabschnitten: Aktuell laufen die Planungen für den südlichen Abschnitt zwischen Gütersloh und dem Umspannwerk Lüstringen, der nördliche Abschnitt dürfte im kommenden Jahr behandelt werden. Für den südlichen Abschnitt laufen dabei zwei Raumordnungsverfahren; bis zur Landesgrenze nach Nordrhein-Westfalen ist das Amt für regionale Landesentwicklung (ArL) Weser-Ems in Oldenburg zuständig.

Nach einer Prüfung der Besiedlungsgebiete und der für die Erdverkabelung geeigneten Bodenbeschaffenheiten hatte die Amprion im Frühjahr bekannt gegeben, im südlichen Abschnitt nur im Osnabrücker Stadtgebiet zwischen Lüstringen und Voxtrup ein Erdkabel zu verlegen. Die etwa vier Kilometer lange Trasse führt durch den Sandforter Berg und firmiert in den Planungsunterlagen der Amprion als "Korridor 1". Hier dürften die meisten Haushalte von der Erdverkabelung profitieren; die Mindestabstände zur Wohnbebauung hätten bei einer Freileitung nicht eingehalten werden können. 

Was ist jetzt neu?

Im jüngsten, nicht-öffentlichen Erörterungstermin mit Vertretern des Landkreises, der beteiligten Kommunen und der Bürgerinitiative "Keine 380kV Freileitung am Teuto" kündigte die Amprion nun an, zwei Alternativen östlich von Korridor 1 prüfen zu wollen: Den etwa sechs Kilometer langen "Korridor 2" zwischen Sandforter Berg und Eistruper Berg und den etwa acht Kilometer langen "Korridor 3" östlich des Eistuper Berges. Beide Korridore tauchen bereits in früheren Unterlagen auf, liegen aber teilweise außerhalb des Untersuchungsgebiets, das das Amt für regionale Landesentwicklung bei der ersten Antragskonferenz festgelegt hat. Sie waren also bislang nicht Bestandteil des Raumordnungsverfahrens; sollen sie offiziell in Betracht gezogen werden, müsste das Raumordnungsverfahren also entweder ergänzt oder neu gestartet werden. 


Neu in die Planung aufnehmen will die Amprion die Korridore 2 und 3. Grafik: Matthias Michael/Sascha Nabrotzky - Quelle: Amprion


Wie argumentiert Amprion?

Korridor 1 sei nach wie vor der "Vorzugskorridor" der Amprion, sagt Unternehmenssprecher Michael Weber auf Nachfrage unserer Redaktion. Die etwa vier Kilometer lange Strecke stelle den "direkten und möglichst geradlinigen" Weg ins Umspannwerk Lüstringen dar, führe allerdings durch das Wasserschutzgebiet Voxtrup. Für den Fall, dass dieses "ein nicht zu überwindendes Genehmigungshindernis darstellen sollte", wolle die Amprion allerdings frühzeitig Alternativen prüfen, um die spätere Planung nicht zu verzögern, sagt Weber. 

Dass Korridor 1 nicht unumstritten ist, zeigt auch die Stellungnahme der Stadt Osnabrück zum Raumordnungsverfahren: Darin wird vor Eingriffen in die "ökologisch hochwertigen Bereiche" Haseaue, Sandforter Bachaue und Sandforter Berg gewarnt und eine Ausweitung des Untersuchungsgebiets auf die Korridore 2 und 3 gefordert. Auch für die Kabelübergabestationen, die für den Übergang von Freileitung zu Erdverkabelung erforderlich sind, befinde sich im Stadtgebiet Osnabrück "kein Bereich, der unter ökologischen, naturräumlichen, topografischen und siedlungsstrukturellen Aspekten als nur annähernd konfliktarm zu betrachten wäre", heißt es seitens der Stadt.

Was bedeutet das für eine Erdverkabelung?

Während Amprions Voruntersuchungen zufolge in Korridor 1 nur eine Erdverkabelung infrage käme, ist für die anderen beiden Korridore völlig offen, ob die Leitung unterirdisch verlegt würde. Laut Planungsunterlagen sind beide Korridore zudem lediglich für eine "Teilerdverkabelung" vorgesehen, eine vollständige Erdverkabelung ist also nicht zu erwarten - zumal das EnLAG Erdkabel auch nur vorsieht, wenn sogenannte Auslösekriterien vorliegen. In der Regel sind dies zu geringe Abstände zwischen Leitung und Wohnbebauung, wie sie etwa auf Korridor 1 zum Tragen gekommen wären. Welche Auslösekriterien auf den Korridoren 2 und 3 eine Teilerdverkabelung erforderlich machen würden, muss im weiteren Verfahren geprüft werden.

Wie reagieren die Beteiligten?

Der Landkreis Osnabrück halte es für "planungsrechtlich bedenklich", weitere Alternativtrassen in ein laufendes Raumordnungsverfahren einzubringen, "ohne dass hinreichende Gründe vorliegen, dass die Vorzugstrasse durch den Sandforter Berg baulich nicht möglich erscheint", teilt die Pressestelle des Landkreises auf Anfrage mit. "Im Sinne von von Transparenz und Vollständigkeit" müsse das Verfahren deshalb neu beginnen, fordert der Kreis. Zudem sei die von Amprion angewandte Methodik "falsch" und führe zu unbefriedigenden Ergebnissen: "Richtig wäre es, alle sogenannten Engstellen gedanklich für eine Teilerdverkabelung vorzusehen" und nur in "strikt zu begrenzenden Ausnahmen" davon abzusehen. "Amprion hingegen verfährt andersherum und behandelt die raumordnungsrechtlichen Vorgaben so, als ob diese frei disponibel wären", kritisiert der Landkreis. Übersetzt steht dahinter der Vorwurf, Amprion suche bewusst eine Trasse, auf der möglichst wenig Erdverkabelung erforderlich sei.

Weiterlesen: Kreis Osnabrück fordert Amprion zur Nachbesserung auf

Ähnlich argumentiert Bissendorfs Bürgermeister Guido Halfter (parteilos), dessen Gemeinde maßgeblich von Korridor 2 und 3 betroffen wäre: "Was hat uns die Bundespolitik alles suggeriert, als die Trasse 16 zum Pilotprojekt für die Erdverkabelung ernannt wurde. Und jetzt? Am Ende haben wir null Zentimeter Erdkabel zwischen Osnabrück und er Landesgrenze", moniert Halfter. Er sehe die Gefahr, dass Amprion jeden Konfliktpunkt umschiffe - möglich mache dies aber erst der Gesetzgeber, der die Hürden für eine Erdverkabelung zu hoch gehängt habe.

Weiterlesen: 380-kV-Leitung: Bürgerinitiative fordert Erdkabel

Auch die Bürgerinitiative (BI) äußert scharfe Kritik: Das Vorgehen von Amprion sei "in keinster Weise mehr nachvollziehbar", sagt Christian Bräke, Sprecher der BI für Bissendorf. Es sei "in höchstem Maße verwunderlich, dass Amprion nach einer mittlerweile fünfjährigen Planungsphase plötzlich Alternativstrecken für den Fall ins Spiel bringt, dass sich der ursprüngliche Trassenverlauf nicht realisieren lässt". "Dass damit innerhalb von wenigen Wochen einmal getätigte Aussagen wieder in Frage gestellt werden, lässt an einer ehrlichen und belastbaren Kommunikation erhebliche Zweifel aufkommen", beklagt Bräke.

Wie geht es nun weiter?

Unternehmenssprecher Weber zufolge wird Amprion ergänzende Unterlagen zu den Korridoren 2 und 3 erstellen und dem Amt für regionale Landesentwicklung zur Verfügung stellen. Wie es weiter geht, entscheidet dann die Behörde.


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