Chronik zur 950-Jahr-Feier Wetteinsatz in Bissendorf: Als Otto Rehhagel nach Nemden kam

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Stargast im kleinen Nemden: 1986 trainierte Fußballtrainer Otto Rehhagel die Jugendabteilung des SV Eintracht Nemden. Es war sein Wetteinsatz in der beliebten Familiensendung "Wetten, dass..?". Foto: SV Eintracht Nemden/Chronik der Ortschaft NemdenStargast im kleinen Nemden: 1986 trainierte Fußballtrainer Otto Rehhagel die Jugendabteilung des SV Eintracht Nemden. Es war sein Wetteinsatz in der beliebten Familiensendung "Wetten, dass..?". Foto: SV Eintracht Nemden/Chronik der Ortschaft Nemden

Bissendorf. Vor 950 Jahren wurde der heutige Bissendorfer Ortsteil Nemden erstmals erwähnt. Das feiern die knapp 430 Einwohner vom 24. bis 26. August. Eine 160 Seiten starke Chronik liefert die historischen Hintergründe – und jede Menge Anekdoten. Wie die vom Star-Fußballtrainer Otto Rehhagel, der bei "Wetten, dass..?" verloren hatte und deshalb die Jugend des SV Eintracht Nemden trainierte.

950 Jahre in neun Kapiteln: Die "Chronik der Ortschaft Nemden" scheint tatsächlich kein jemals überliefertes Ereignis aus der Geschichte des heutigen Bissendorfer Ortsteils auszulassen. Der Untertitel verspricht "Einblicke in 950 Jahre Dorfleben", und die erhält der Leser gut gegliedert: Das erste und längste Kapitel lädt zunächst zu einem umfassenden "Streifzug durch die Ortsgeschichte" ein, dann folgen thematisch gegliederte Einblicke in verschiedene Bereiche der Dorfgemeinschaft – von den Höfen über die Schule zu Handel, Handwerk und Vereinen. Einheimische können so ihr Wissen wieder auffrischen – oder mit den ortsfremden Lesern darüber staunen, auf welch bewegte Geschichte die beschauliche Siedlung zurückblicken kann.

Beschauliches Örtchen: Der Bissendorfer Ortsteil Nemden, aufgenommen aus dem Heißluftballon. Foto: Gerd-Wilhelm Lübker-Suhre/Chronik der Ortschaft Nemden

Und die begann weit vor dem Jahr 1068, in dem der Ortsname "Nimodon" in einer Osnabrücker Vogt-Urkunde erstmals erwähnt wurde. Zwischen etwa 300 und 800 entstanden erste kleinere, lockere Hofgruppen unter altsächsischer Herrschaft, darunter vermutlich auch die Altsiedlung Nemden. Ein 1965 gefundenes Felsgesteinsbeil lässt aber darauf schließen, dass hier bereits 2500 vor Christus Menschen lebten. Etwa aus dem Jahr 1200 vor Christus stammt ein Grabhügel auf dem Kurrel. 

Damit gehöre Nemden "wohl zu den frühesten Ansiedlungen in unserer Region", schlussfolgert der frühere Ratsherr und Ortsvorsteher Rainer Schnieders, der seit 1979 in Nemden lebt und die Chronik maßgeblich zusammengestellt hat. Unterstützt wurde er dabei von dem Holter Ortschronisten Manfred Hickmann, der zahlreiche Materialien und Fotos zur Verfügung stellte. "Aber auch viele Nemdener Bürger trugen mit alten Fotos, Hinweisen und Erinnerungen zum Gelingen der Chronik bei", sagt Schnieders.

Nimeden, Nemeda oder Nembden...?

In den mittelalterlichen Urkunden und Lehnbüchern hieß der kleine Ort fortan Nimeden, Nemede, Nemeda, Nemeden oder Nembden. In seiner jetzigen Schreibweise tauchte Nemden erstmals 1345 im Domarchiv auf. , Der Ortsname leite sich vom altniederfränkischen "nimidas" für gehegte Waldplätze ab, mutmaßte der Historiker und Sprachforscher Hermann Jellinghaus 1922. 

1273 erstmals erwähnt wurde der Ortsteil Halle. Berichten zufolge stand am Rande des Haller Berges bis 1907 die sogenannte tausendjährige Eiche, in deren hohlem Stamm angeblich zwölf Menschen Platz fanden. Ein Sturm wurde dem Baum schließlich zum Verhängnis; ein Querschnitt, der zunächst in der Nähe der Ledenburg aufgestellt war, ist längst verschwunden.


Bewegte Geschichte: Die Ledenburg in Nemden ist heute in Privatbesitz. Foto: Gert Westdörp


Schloss Ledenburg, etwa mittig zwischen Nemden und Halle gelegen, widmet die Chronik ein eigenes Kapitel. Wann genau es errichtet wurde, ist unbekannt; seinen Namen erhielt es, als es etwa 1450 in den Besitz der Osnabrücker Adelsfamilie von Leden gelangte, der auch der Ledenhof in Osnabrück gehörte. Seit einem Brand im Jahr 1618 stehen nur noch zwei der einst vier Flügel sowie der charakteristische vorgebaute Eckturm. 1951 erwarb die Fabrikantenfamilie Homann aus Dissen das Schloss. Seitdem befindet es sich in Privatbesitz und kann nicht besichtigt werden.

Ein Verwandtenmörder in Nemden?

Eng verbunden mit der Ledenburg ist die Legende um Johannes von Schwaben, der angeblich im Jahr 1313 an der Südseite der Burg vergraben wurde, nachdem der Burgherr der etwa fünfeinhalb Kilometer entfernten Schelenburg ihn mit Pfeil und Bogen niedergestreckt hatte. Johannes soll 1308 mit gerade mal 18 Jahren seinen Onkel und Vormund, den deutschen König Albrecht I., ermordet haben. Er floh und wurde mit dem Beinamen "Parricida" – Verwandtenmörder – belegt. An der Ledenburg fand er der Sage nach Unterschlupf und, weil er dem einfachen Volk viel Gutes tat, viele Anhänger. Sein Versuch, die Schelenburg einzunehmen, scheiterte demnach allerdings kläglich... Wann, wo und wie Johannes von Schwaben, der übrigens auch in Schillers "Wilhelm Tell" auftaucht, tatsächlich starb, ist freilich nicht belegt. Nahe der Ledenburg im kleinen Nemden erinnert dennoch ein Obelisk mit der Inschrift "Johannes Parricida" an die mittelalterliche Legende.

Düstere Sage: Die "Drei-Brüder-Steine" zeugen der Sage nach von einem blutigen Familienstreit, bei dem drei Brüder einander töteten. Bis 2006 standen sie an der Meller Landstraße auf Höhe des "Kurrel" (im Bild), dann wurden sie an den Nemdener Kirchweg versetzt. Foto: Manfred Hickmann/Chronik der Ortschaft Nemden

Ähnlich düster liest sich die Geschichte der "Drei-Brüder-Steine" am Nemdener Kirchweg südlich der A30. Die drei steinernen Kreuze erinnern der Sage nach an ein blutiges Familiendrama. Drei Brüder aus Nemden hatten demnach eine Erbschaft angetreten. Von Habsucht gepackt, beschlossen zwei von ihnen, den dritten zu töten. Sie lockten ihn in den Wald, wo sie ihn grausam erschlugen – doch dann erhob sich der jüngste gegen den anderen, und schlug auch diesen zu Tode. Als er sah, was er getan hatte, überkamen ihn Schuldgefühle, und er erdolchte sich selbst. Auch hier ist allerdings fraglich, ob sich die Legende tatsächlich zu zugetragen hat.

Nur fünf Kinder in der Dorfschule

Neben derlei mittelalterlichen Überlieferungen widmet die Jubiläumschronik sich auch der jüngeren Geschichte. Dazu gehört etwa die Schule, von der bereits Dokumente aus dem Jahr 1693 zeugen. Bis in die 1920er-Jahre hatte sie, wie die meisten deutschen Dorfschulen, nur eine Klasse, erst dann wurde sie zur zweiklassigen "Volksschule". Ausgesprochen prägend war der Chronik zufolge der Lehrer Otto Zirn (1872–1944), der von 1903 bis 1932 an der Nemdener Schule unterrichtete und überdies die Geschichte des Ortes umfassend dokumentierte. Seine späteren Aufzeichnungen waren allerdings stark von der nationalsozialistischen Ideologie geprägt – ein Umstand, den Schnieders in der Chronik durchaus quellenkritisch thematisiert. Nachdem zuletzt nur noch fünf Kinder die Schule besucht hatten, wurde sie 1971 schließlich aufgelöst; die verbliebenen Kinder wechselten an die Grundschule in Holte.

Erntedank in den 1950er-Jahren: Mit dem Pferdewagen durch Nemden. Foto: Chronik der Ortschaft Nemden

Da war, mit der ersten Gebietsreform 1970, Nemden gerade Mitgliedsgemeinde der Samtgemeinde Bissendorf-Holte geworden, 1972 wurde es durch die kommunale Gebietsreform einer der 14 Ortsteile der neu gebildeten Gemeinde Bissendorf im ebenfalls erweiterten Landkreis Osnabrück. Seitdem hat Nemden keinen Ortsrat mehr. Bindeglied zwischen Bürgern und Gemeinderat sind seitdem die jeweils für eine Legislatur gewählten Ortsvorsteher – seit 2016 Holger Kluss.

Bis heute ist Rehhagel Ehrenmitglied

Bundesweite Beachtung wurde Nemden im August 1986 zuteil: Otto Rehhagel, damals Trainer des Vizemeisters Werder Bremen, hatte in der Familiensendung "Wetten, dass..?" eine Wette verloren. Sein Einsatz: für einen Tag die Jugendmannschaft des kleinsten Amateurvereins Deutschlands zu trainieren. Wie der Zufall es wollte, war dies die einzige Saison, in der der SV Eintracht Nemden eine Jugendmannschaft hatte – und durch Vermittlung der Fußballzeitschrift „Kicker“ kam Rehhagel tatsächlich in den kleinen Ort. Bis heute ist er Ehrenmitglied des Vereins – wiedergekommen ist er allerdings nie.

Ende der 1990er-Jahre wurde der Nemdener Ortskern mit Mitteln des niedersächsischen Dorferneuerungsprogramms umfassend umgestaltet. Der von den Bürgern gewünschte Dorfplatz im Ortsmittelpunkt wurde dabei allerdings nicht bewilligt – die Jubiläumsfeier am kommenden Wochenende wird deshalb auf dem zur Festwiese umdekorierten Sportplatz erfolgen. Aber so lang sind die Wege in Nemden ja bis heute nicht.


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