Swantje Kröger und Elham aus Syrien Bissendorferin hat ein Kinderbuch gegen Ausgrenzung geschrieben

Von Constantin Binder

Eine kleine, gemeinsame Geschichte gegen den Hass: Swantje Kröger (links) hat ein Buch geschrieben, dass von Elham (Mitte) inspiriert und von Maren Brieber illustriert wurde. Foto: Michael GründelEine kleine, gemeinsame Geschichte gegen den Hass: Swantje Kröger (links) hat ein Buch geschrieben, dass von Elham (Mitte) inspiriert und von Maren Brieber illustriert wurde. Foto: Michael Gründel

Bissendorf. "Du bist (nicht) wie ich! Eine kleine Geschichte gegen den Hass" – so heißt das Kinderbuch, das die aus Bissendorf stammende Studentin Swantje Kröger geschrieben hat. Es beruht auf einem wahren Fall, der Ausgrenzung eines syrischen Flüchtlingskindes an der Grundschule Bissendorf.

"Das ist Elli. Elli ist neun Jahre alt und wohnt mit ihrer Familie in einer Stadt namens Aleppo, die liegt in Syrien. Aber in Syrien ist Krieg und Ellis Familie ist nicht mehr sicher. Deswegen machen sie sich auf einen langen Weg..." 

Von der ersten Seite in Swantje Krögers Kinderbuch lächelt ein fröhliches Mädchen mit zwei Zöpfen den Leser an. Der erfährt, wie Elli und ihre Familie nach einer gefährlichen und schweren Flucht, die 49 Tage dauert, schließlich in Deutschland ankommen, wo alles "ganz anders als in Syrien" ist. Elli kann zur Schule gehen und Deutsch lernen, und eigentlich könnte alles gut sein – wäre da nicht Marie. Marie geht in Ellis Klasse und hat viele Freunde – nur Elli darf nicht ihre Freundin sein. "Du bist nicht wie ich", sagt Marie, als Elli sie nach den Gründen fragt. Das findet Elli komisch.

So anders ist Elli gar nicht, oder? Langsam will Swantje Kröger ihre jungen Leser zu der Einsicht lenken, dass die beiden Mädchen so unterschiedlich gar nicht sind... Foto: Michael Gründel

Was folgt, ist die Geschichte einer Annäherung. Elli und Marie haben mehr gemeinsam, als Marie zunächst glaubt: Beide gehen nach Hause, essen zu Mittag, machen Hausaufgaben, spielen und gehen ins Bett. Doch während Marie tief und fest schläft, liegt Elli wach und fragt sich, warum Marie so gemein zu ihr ist. Als aber bei strömendem Regen Maries Bus nicht kommt und Elli ihre Hilfe anbietet, soll sich das ändern...

In kurzen, kindgerechten Sätzen erzählt Kröger, wie Marie nach und nach erkennt, dass Elli so anders gar nicht ist. "Du bist (nicht) wie ich" heißt das Kinderbuch, das die angehende Grundschullehrerin als Prüfungsleistung an der Universität Osnabrück geschrieben hat. Das "nicht" im Titel ist rot durchgestrichen, "Eine kleine Geschichte gegen den Hass" lautet der Untertitel – schon auf den ersten Blick wird klar: Kröger hat eine Botschaft. Das liegt auch daran, dass Ellis Geschichte auf wahren Begebenheiten beruht.

Gemeinsame Lektüre: Swantje Kröger, Elham und Maren Brieber vor der Grundschule Bissendorf, an der die "echte Elli" viele Freunde gefunden hat. Foto: Michael Gründel

Denn es gibt eine echte Elli. Wie die Elli im Buch ist sie ein lebensfrohes und freundliches, wenn auch ein bisschen schüchternes Mädchen mit Zöpfen. Ihr richtiger Name ist Elham, inzwischen ist sie zehn Jahre alt, und auch sie ist mit ihrer Familie vor dem Krieg in Syrien geflüchtet – und vor zweieinhalb Jahren in Bissendorf angekommen. 

Kröger, die im kleinen Bissendorfer Ortsteil Nemden aufgewachsen ist und seit vier Jahren in Osnabrück wohnt und studiert, bot damals in der Gemeindeverwaltung an, Flüchtlingskindern Deutsch beizubringen. "Ich wollte einfach irgendwie helfen", sagt die 23-Jährige heute, und so lernte sie Elham und ihre Familie kennen – und damit all die Widrigkeiten und Hindernisse, mit denen Flüchtlinge in Deutschland konfrontiert werden. 

"Die Kinder sind am Anfang auch hier in Deutschland unter den Tisch gekrochen, wenn sie ein Flugzeug gehört haben."Swantje Kröger

Vor allem aber erfuhr sie, wie erbarmungslos und prägend der Krieg für die Betroffenen war und ist. Elhams Familie habe bei einem Bombenangriff ihr gesamtes Hab und Gut verloren, erzählt Kröger; noch in Deutschland duckten die Kinder sich reflexartig unter den Tisch, wenn sie ein Flugzeug hörten. Dabei hatte die Familie großes Glück: Beide Eltern und alle vier Kinder kamen unversehrt in Deutschland an, inzwischen hat die Familie ein fünftes Kind." Kröger sind auch andere Familiengeschichten bekannt, die nahezu unaussprechlich sind. Und dann liest man all die Hass-Kommentare in den sozialen Netzwerken...", sagt Kröger verbittert, ohne den Satz zu beenden.

Anfangs unterrichtete Kröger Elham als "außerschulische Lernförderung"  gegen ein kleines Entgelt und kümmerte sich darüberhinaus ehrenamtlich um die Familie. Inzwischen kann Elham so gut Deutsch, dass es keine Förderung mehr gibt; Kröger macht trotzdem weiter, auch wenn sie jetzt kein Geld mehr dafür bekommt. Sie ist eine Freundin der Familie geworden, hilft bei Behördengängen, Schulangelegenheiten und vor allem: der Wohnungssuche. 

Denn noch wohnt die Familie in einer kleinen Wohnung, die die Gemeinde gestellt hat, doch seit sie anerkannt ist, soll und will sie umziehen. "Aber die neue Wohnung darf nicht größer als 112 Quadratmeter sein, sonst gibt es kein Wohngeld", erzählt Kröger, die die Familie schon mehrfach zu Besichtigungsterminen begleitet hat. "Aber wer gibt einer siebenköpfigen Familie schon eine so kleine Wohnung?" Drei der Kinder müssen sich ein Zimmer teilen. "Das geht eigentlich gar nicht", sagt Kröger. 

Im wahren Leben ist es nicht so entspannt: Elham muss sich das Zimmer mit zwei Geschwistern teilen, weil die Wohnung zu klein ist. Foto: Michael Gründel

Und dann ist da noch die Sache mit der Arbeit. Beide Eltern hätten sofort nach ihrer Ankunft arbeiten wollen, erzählt Kröger, aber zuvor sollten sie einen Deutschkurs belegen. Der aber wurde nicht angeboten, und als es dann endlich einen gab, landeten sie nur auf der Warteliste. Das also ist auch ein Grund, warum Integration mitunter schwer fällt: "Die ganze Familie versucht ihr bestes, aber es bringt nichts", sagt Kröger.

Aber zum Glück stimmt das nicht ganz, das weiß auch Kröger. Elham, die die dritte Klasse zunächst wiederholen musste, habe inzwischen sehr gute Noten, sagt Kröger, und Elham lächelt stolz und verlegen zugleich, als sie das hört. Und vor allem gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen Elham und der Elli aus dem Buch: In Elhams Klasse gab es keine Marie. "Die echte Elli hatte eine ganz tolle Klasse und hat gleich ganz viele Freunde gefunden", erzählt Kröger, und wieder lächelt Elham stolz und verlegen.

Die Ausgrenzung habe es trotzdem gegeben, berichtet Kröger, Elham habe sie bei einem Mitschüler in einer anderen Klasse beobachtet und ihr davon erzählt. "Sie konnte wirklich nicht verstehen, warum die anderen Kinder so gemein zu dem Jungen waren", sagt Kröger – die Idee zu ihrem Buch war geboren, und Kröger machte Elli zur Hauptfigur.

"Auch, wenn es ein Kinderbuch ist, glaube ich, dass so mancher Erwachsen davon lernen kann."Swantje Kröger

Und so sieht die Elli im Buch aus wie die echte Elli – aufwendig gezeichnet von Krögers Schulfreundin Maren Brieber aus Melle –, hat aber viel schlechtere Erfahrungen gemacht. "Ausgrenzung und Hass gibt es leider überall", sagt Kröger. Ihre Geschichte hält dagegen, ein flammendes Plädoyer für Toleranz und Miteinander. "Auch, wenn es ein Kinderbuch ist, glaube ich, dass so mancher Erwachsen davon lernen kann", sagt Kröger.

An der Uni hat sie dafür eine glatte Eins erhalten, nun sucht sie einen Verlag. Acht Exemplare gibt es bislang von ihrem Buch, gedruckt  mit Hilfe ihrer Eltern. Damit die "kleine Geschichte gegen den Hass" in den Schulen ankommt, wie Kröger es sich erhofft, braucht es nun andere Unterstützer. 

Erst einmal aber gehen Kröger und Elham Schulsachen kaufen, wie zwei alte Freundinnen; die echte Elli lächelt vergnügt. So wie die Elli am Ende des Buches.


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