Das war einmal: Steinbruch und Kalkofen Die Kalkgewinnung am Hollager Berg hat keine Spuren hinterlassen

Von Joachim Dierks


Wallenhorst Der Möllersche Kalkofen gehörte zu den ganz wenigen Arbeitsmöglichkeiten in Hollage außerhalb der Landwirtschaft. Er produzierte von 1907 bis etwa 1954 Branntkalk, der als Kalkmörtel, Kalkfarbe oder Dünger in der Landwirtschaft verwendet wurde.

Leider gibt es kaum Fotos vom Kalkofen, obwohl er eine im ganzen Dorf bekannte Institution und neben dem Piesberg und der Ziegelei praktisch der einzige „industrielle“ Arbeitgeber war. Betreiber war das Haster Baugeschäft Möller, namentlich dessen Inhaber Carl Möller. Er war der Vater des späteren Osnabrücker Oberbürgermeisters gleichen Namens (1930 – 2011). Das Baugeschäft existierte bis 1987, als es in Konkurs fiel. Wenn vom Kalkofen und seiner Rohstoffversorgung auch nichts mehr übrig geblieben ist, so hat Möller in Hollage doch etliche Spuren hinterlassen, etwa die DRK-Wohnanlage In den Dillen und die Hochhäuser Hollager Straße/Adenauerallee.

Steinbruch mit Müll verfüllt

Das Kalkgestein wurde im Steinbruch Bohnenkämper auf dem Kamm des Hollager Bergs gebrochen. Er lag südöstlich der Kreuzung Uhlandstraße/Nachtigallenweg. Wie dieser 1967 als Mülldeponie verfüllte Steinbruch einst ausgesehen haben könnte, lässt sich etwas weiter westlich studieren: Hinter dem Heimathaus Hollager Hof ist der frühere Steinbruch Middelberg als Natur- und Kulturdenkmal erhalten. Bis 1981 gewann Bauunternehmen Caspar Middelberg hier das Muschelkalkgestein, aus dem unter anderem auch die Hollager Josefskirche errichtet ist.

Höhenunterschied von 13 Metern

Anders als beim Steinbruch Middelberg dienten die Bodenschätze aus dem Steinbruch Bohnenkämper/Möller nicht direkt als Baumaterial, sondern indirekt über den Weiterverarbeitungsprozess des Kalkbrennens. Vom Steinbruch aus hatte Pächter Möller eine Wegstrecke von etwa 250 Metern Länge zu überwinden, um den Kalkofen unten an der heutigen Hollager Straße beschicken zu können. Die Feldbahnschienen liefen westlich des heutigen Nachtigallenwegs durch die Dillen. Das Problem war der Höhenunterschied von 13 Metern. Damit der Schienenstrang für die Transportloren kein zu großes Gefälle bekam, legte Möller ihn oben am Berg in einen Graben und weiter unten auf einen Damm. Der alte Dörnter Kirchweg, die heutige Uhlandstraße, wurde mittels einer Holzbrücke über den etwa fünf Meter tiefen Grabeneinschnitt geführt. Irgendwann wurde die Holzbrücke wohl baufällig. Heimatforscher Franz-Joseph Hawighorst hat in alten Protokollen gefunden, dass die Hollager Gemeindevertretung dem Kalkofenbesitzer Carl Möller 1923 auferlegte, die alte Brücke durch eine solide neue auf Eisenträgern oder Bogenmauerwerk zu ersetzen.

Loren mit Muskelkraft bewegt

Dieter Riehemann, heute Senior der Firma Reinigungstechnik Riehemann, kennt den Kalkofenbetrieb aus eigenem Erleben. Seine Familie wohnte ab 1951 in dem Wohnhaus neben dem Kalkofen. „Das Gelände vom Steinbruch zum Kalkofen war so verändert worden, dass die gefüllten Loren ohne Lok bis zum Ofen fahren konnten“, erinnert er sich. Da ein leichtes Gefälle verblieb, ließen sich die schwer beladenen Loren mit menschlicher Muskelkraft in Bewegung setzen. Problem war eher das Bremsen. Dafür gab es einen „Bremsstock“. Der Rücktransport der geleerten Loren war gleichfalls gut beherrschbar. „Die konnten sogar wir Kinder zurückschieben“, weiß er zu berichten. Nach seiner Erinnerung sind niemals Winden, Zugtiere oder andere Hilfsmittel zum Einsatz gekommen.

Baumaterial und Dünger

Im Ofengebäude standen zwei Öfen nebeneinander. Beide hatte eine obere Öffnung von etwa vier Metern Durchmesser. Kalksteine und Kohle schüttete man im Wechsel ein. Bei Temperaturen zwischen 900 und 1200 Grad gibt der Kalkstein Kohlenstoffdioxid (CO2) ab und reagiert zu Calciumoxid (Branntkalk). Der wurde aus den Öffnungen am Ofengrund entnommen, in Schubkarren geladen und zur Brecheranlage in einem flachen Klinker-Nebengebäude gebracht. Nach dem Brechen folgten in einem weiteren Nebenbau das Mahlen und Abfüllen in Papiersäcke. Zur heutigen Hollager Straße hin war die Laderampe orientiert. Hier holten Maurermeister den Kalk ab, den sie mit Wasser zu Kalkfarbe, Kalkmörtel oder hydraulischem Kalk weiterverarbeiten konnten. Oder Landwirte, die ihn als Dünger einsetzten. Oder Fuhrleute, die ihn zum Bahnhof Halen brachten.

Knochenarbeit

Eine weitere Augenzeugin ist die heute 91-jährige Hedwig Lanwert, geborene Tepe. Ihr Vater Heinrich Tepe (1887 – 1985) war über Jahrzehnte Betriebsleiter des Kalkofens und ihr Onkel Heinrich Hilbert arbeitete im Steinbruch als Sprengmeister. Auch ihre Familie wohnte früher neben dem Kalkofen, in dem Haus, das neben Wohnräumen auch das Kontor der Firma Möller und den Pferdestall beherbergte. Zum Betrieb gehörten stets sechs bis sieben Arbeiter. „Die mussten alles machen, also sowohl die Kalköfen bedienen als auch im Steinbruch die Steine laden und die Loren bewegen – das war eine wahnsinnige Knochenarbeit“, erzählt die alte Dame. Es grenze an ein Wunder, dass es dabei zu keinen schweren Unfällen gekommen sei.

Brecheranlage und Mühle

Um 1954 habe Möller den Ofen aufgegeben. Brecheranlage und Mühle seien noch einige Jahre von einer Firma aus Brochterbeck genutzt worden, während „die Brücke“ schon bald nach 1954 abgerissen und der Schienentrog verfüllt worden sei. Anfang der 1960er-Jahre verschwand dann auch das Kalkofengebäude von der Bildfläche. Seit den 1980ern nimmt ein Mehrfamilienhaus den Platz im Eck von Nachtigallenweg und Hollager Straße ein.


Verschwundene Orte: Diese Serie führt uns zu verschwundenen Orten in der Großgemeinde Wallenhorst, die einst bedeutend waren, über die die Zeit aber hinweggegangen ist. Teils sind trotz Verfalls oder Abbruchs noch Spuren aufzufinden, teils hat eine Neubebauung nichts als die Erinnerung bei älteren Mitbürgern übriggelassen.

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