Nicht ohne meinen Nemo Assistenzhund gibt fünfjährigem Wissinger Sicherheit

Von Johanna Kollorz

Auf Schritt und Tritt gemeinsam durch den Alltag: Border-Collie-Welpe Nemo weicht dem fünfjährigen Elian selten zur Seite. Der Assistenzhund in Ausbildung gibt dem autistischen Jungen viel Sicherheit. Foto: Johanna KollorzAuf Schritt und Tritt gemeinsam durch den Alltag: Border-Collie-Welpe Nemo weicht dem fünfjährigen Elian selten zur Seite. Der Assistenzhund in Ausbildung gibt dem autistischen Jungen viel Sicherheit. Foto: Johanna Kollorz

Bissendorf. Hunde haben auf Spielplätzen nichts zu suchen, auch in Bissendorf – entsprechende Verbotsschilder kennzeichnen die Eingänge solcher Areale. Wenn jedoch ein Assistenzhund ein autistisch beeinträchtigtes Kind begleitet und Positives bewirkt, kann so manches Gesetz Spielraum bekommen.

Elian ist fünf Jahre alt und äußerlich ein normaler Junge. Sein aufgeweckter Blick und seine blonden Locken verleiten ältere Herrschaften so manches Mal, dem kleinen Kerl liebevoll über den Kopf zu streicheln. Doch das mag Elian, der mit seiner Mutter, seinem Vater und seiner jüngeren Schwester Lia (3) in Wissingen wohnt, gar nicht.

Autismus – die unsichtbare Behinderung

Hintergrund: Elian hat das Asperger-Syndrom (AS) – eine Variante des Autismus, die für viele Experten keine Krankheit, sondern eine tiefer greifende Entwicklungsstörung ist. „Oft spricht man bei Autisten von Menschen mit einer unsichtbaren Behinderung“, berichtet Mutter Almuth Jung.

Die 33-Jährige arbeitet als Heilerziehungspflegerin auf dem Ellernhof und ist seit sechs Jahren spezialisiert auf tiergestützte Pädagogik. Neben Bulldogge Lotta, einem Therapiebegleithund, der sie regelmäßig zur Arbeit begleitet hat, gehört seit gut zwei Monaten auch Border Collie Nemo zur Familie und wird zurzeit in Glandorf zum Assistenzhund ausgebildet. Entsprechende Papiere und eine Kenndecke zeichnen den Welpen seit Kurzem aus.

Aktion Kindertraum finanziert Ausbildung zum Assistenzhund

„Wir haben großes Glück. Die Kosten für die spezielle Ausbildung belaufen sich auf 8000 Euro und werden zu hundert Prozent von der Aktion Kindertraum übernommen“, berichtet die im Kampf für Aufklärung über Autismus engagierte Mutter, die schon jetzt auf große Fortschritte verweist.

„Es ist unglaublich, was der Hund für eine Wirkung auf Elian hat. In etlichen Situationen, in denen er früher total verkrampft und abweisend reagiert hätte, sorgt Nemos bloße Anwesenheit für Entspannung und Sicherheit.“

Auch Elian selbst sagt oft: „Nemo ist mein Beschütz-mich-Hund – er passt immer auf mich auf.“ Die seit zwei Jahren einmal pro Woche aufgesuchten Sitzungen im Autismus-Therapiezentrum in Osnabrück meistert der Fünfjährige dank des vierbeinigen Begleiters inzwischen souverän, auch ohne dass seine Mutter bleibt. Wenn Nemo an seiner Seite ist, kann der Fünfjährige seine eigenen Bedürfnisse und Strukturen oftmals zurückstellen.

Hund als Hilfsmittel zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben 

Um die angstlösende Wirkung wissend, wandte sich Almuth Jung jetzt an die Gemeinde Bissendorf. Ihr Anliegen: Eine Ausnahmegenehmigung zur gemeinsamen Nutzung von Spielplätzen zu erbitten. Mit Erfolg.  Bernd Stegmann, Fachdienstleiter für Ordnung und Soziales, stimmte ihrer Anfrage aufgrund einer vorgelegten fachärztlichen Stellungnahme zu. So darf der „medizinisch notwendige und ausgebildete Assistenzhund“ die Familie ab sofort (beaufsichtigt, angeleint und unter Mitführung des entsprechenden Schreibens) begleiten.


Nemo, Assistenzhund in Ausbildung, darf Elian dank einer Ausnahmegenehmigung der Gemeinde Bissendorf auch auf Spielplätze begleiten. Foto: Johanna Kollorz


„Über die positive Antwort der Verwaltung bin ich sehr froh. Auch zwei örtliche Einzelhändler ziehen bereits mit und haben zugestimmt, dass Nemo mit uns in die Läden darf. Letztendlich ist ein Assistenzhund wie jedes andere Hilfsmittel zu betrachten, das mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht. Anders als eine Brille, ein Hörgerät, Rollstuhl, eine Insulinpumpe oder Gehhilfe wird er vom Gesetz aber nicht anerkannt“, sagt Jung.

Das dem Umfeld klar zu machen sei jedoch nicht immer leicht. Schließlich zeige ihr Sohn in der Öffentlichkeit oft ein sozial angemessenes Verhalten. Wenn die von ihm als nötig empfundenen Distanzen nicht mehr gewahrt werden, verstummt er jedoch, zieht sich zurück. Bemerkungen wie „Ist der Junge nicht erzogen, kann er nicht grüßen“, kennt Almuth Jung daher zu Genüge. Zur Eskalation, sprich zu gegen sich selbst gerichteten Aggressionen, komme es meist erst zuhause im vertrauten Umfeld. 

Angstlöser in vielen Alltagssituationen  

„Nemos Aufgabe ist es, Elian in von ihm als beängstigend und negativ empfundenen Situationen so weit runter zu triggern, dass es viel seltener so weit kommt“, erläutert die Mutter, die sich auf ihrem Blog www.blauistseinefarbe.com so manches Erlebnis von der Seele schreibt.

Nach den Ferien besucht Elian noch ein Jahr die Integrative AWO-Kita in Natbergen. 2019 steht seine Einschulung an. Bei der Leitung der Schule am Berg in Schledehausen stieß die Mutter ebenfalls auf große Bereitschaft, eine reguläre Beschulung ihres Sohnes zu ermöglichen.

Nemo wird nächsten Sommer mit eingeschult 

„Das ist so fantastisch! Seitdem Elian weiß, dass die dortige Mittagsbetreuung ab nächstem Sommer als seine Schulassistentin tätig wird und Nemo ihn in die Schule begleiten darf, sieht er auch diesem Lebensabschnitt mit viel Freude entgegen“, betont Amuth Jung. „Ich möchte mich an dieser Stelle für all die offenen Ohren und Türen bedanken, egal ob auf der Arbeit oder im Privaten. Menschen mit Behinderung sind unheimlich authentisch und liebenswert. Ich glaube, wir alle können eine Menge von ihnen lernen“, betont die Mutter, die auch in Zukunft die Rechte ihres Kindes einfordern will.


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