Warten aufs Wildschwein Schwarzwildjagd im Schatten der Pest – auf Ansitz in Bissendorf

Von Markus Pöhlking


Bissendorf. Weil die Afrikanische Schweinepest bald Deutschlands Ostgrenze erreicht hat, sollen Jäger hierzulande mehr Wildschweine schießen. Da die aber notorisch flintenscheu sind, ist das leichter gesagt als getan. Für viele Jäger hat das planmäßige Dezimieren von Schwarzwild zudem wenig mit ihrer Vorstellung von Jagd zu tun.

Ein Mann steht auf einem Hof in grünen und erdfarbenen Klamotten. In seiner Hand hält er ein Gewehr, um seine Füße tobt ein Hund. Er hat ein breites, rundes Gesicht, in dem es gütig aufblitzt, wenn er redet, was er gewöhnlich leise und in bedächtigem Tonfall tut. Seinen Kopf bedeckt ein breitkrempiger Hut, der nass wird, weil es zu regnen begonnen hat. Dünne Tropfen fallen im Dämmerlicht, ein trüber Abend zieht herauf. „Perfektes Sauwetter heute“, sagt der Mann, es soll ja schließlich auf Sauen gehen. „Bei der Witterung kommen sie früh heraus. Die Frage ist nur, ob wir überhaupt was sehen werden.“ Auf Jagd sei schließlich generell selten was zu sehen, schiebt er noch nach. Dann legt er das Gewehr in den Kofferraum des Geländewagens, setzt sich ans Steuer und fährt los.

Der Hund, der Hof und das Haus bleiben schnell im Rückspiegel zurück. Es geht über eine Teerstraße, bald auf einen von Bäumen gesäumten Feldweg und kurz darauf stoppt der Mann den Wagen und stellt ihn am Wegesrand ab. „Noch ein kleines Stück zu Fuß“, sagt er, schultert das Gewehr und läuft los. Hartmut Giesker, so der Name des Mannes, lebt schon sein ganzes Leben, also bislang 56 Jahre, in Bissendorf, genauer: im Ortsteil Grambergen. Hügel prägen hier das Landschaftsbild, ringsum stehen kleine Waldstücke. Es ist März. Die Kälte des Winters ist schon passé, aber die Düfte des Frühlings sind noch verborgen im Boden und in den Bäumen. Es regnet stärker, das Licht schwindet. Giesker stapft mit ruhigen, festen Schritten durch eine Kulisse, die eher Tristesse ist als Idyll, was ihn jetzt aber nicht anficht: Er sieht diese Landschaft mit den Augen eines Jägers. Er sucht. Er bleibt stehen, deutet auf einen Flecken Erde, der aufgewühlt ist. „Ihre Spuren, sie haben den Boden nach Emmerlingen durchsucht.“

Ideale Rückzugsorte

In den Waldstücken, die Grambergen durchziehen, leben Wildschweine. Jedes Jahr werden es mehr – wie fast überall im Land. Wildschweine profitieren vom Wandel der Kulturlandschaft. Während die extensive Landwirtschaft zahlreiche Arten bedroht, gedeihen Wildschweinpopulationen prächtig inmitten raumgreifender Monokulturen. Klagen der Bauern, etwa über verwüstete Maisfelder, mehren sich beständig. 1990 brachten Jäger in Deutschland 9000 Wildschweine zur Strecke, 2017 waren es mehr als 47.000. Großflächige Maispflanzungen gibt es in Grambergen zwar nicht, dafür dient die Ortschaft den Tieren aber mit optimalen Rückzugsmöglichkeiten. Ein paar hundert Meter abseits des Weges hat Orkan „Kyrill“ im Jahr 2008 die Bäume aus der Erde gerissen und dem Wald tiefe Wunden geschlagen, in denen die Natur seither wächst und wuchert, wie es ihr beliebt. „Dort verbergen sie sich tagsüber“, sagt Giesker. Nachts ziehen sie dann durch die Wälder und über die Äcker.

Ein paar Meter abseits des Weges steht ein Hochsitz. Ein hölzerner Kasten, der sich auf dünne Stelzen stützt. Giesker hat ihn irgendwann zusammengezimmert. Die Sprossen der Leiter sind schon nicht mehr ganz fest. Oben angekommen, reicht der Platz gerade aus, dass sich zwei Personen auf ein dünnes Holzbrett kauern können. Es gibt Phasen im Jahr, da verbringt Giesker, der tagsüber als technischer Angestellter arbeitet und etwas Landwirtschaft hat, jeden zweiten Abend auf diesem dünnen Holzbrett. Bis spät in die Nacht bohren sich seine Augen dann in die Dunkelheit und in die kleine Mulde, zu der der Wald hier abfällt und durchlöchern die kleine Tannenschonung und das Unterholz. „Schwarzwild ist schon das Größte für mich“, sagt Giesker. Wildschweine seien klug und bei weitem nicht so scheu wie etwa Rehe. Sie haben gelernt, dass Menschen wie Giesker ihnen auflauern und ihr Verhalten entsprechend angepasst. Sie meiden Orte, an denen sie Jäger wähnen. So ein Wildschwein, sagt Giesker, verlasse die Deckung nur, wenn es sich sicher fühlt. Dann allerdings entfalte es eine beeindruckende Präsenz, beinahe so etwas wie Stärke. Es sei ein imposanter Anblick – und ein seltener: „Vielleicht alle vier oder fünf Nächte bekommt man mal eins zu Gesicht“, erklärt er. „Zu jagen heißt zu warten.“ (Weiterlesen: Osnabrücker Jäger haben Nutria und Wildschwein im Visier)

Jagen in der Stille

Und es heißt, Stille zu erfahren. Regen prasselt auf die Kapuze, die Welt schläft ein. Die Konturen der Umgebung lösen sich in der Dunkelheit auf, reglos verharrt der Körper auf dem schmalen Brett. Das Gewehr lehnt in der Ecke. Ab und zu schnellt Gieskers Hand zum Fernglas, eine Welle der Anspannung fährt dann durch seinen Körper, und er starrt konzentriert auf einen Punkt im Wald. Sieht man ein Tier und greift zum Gewehr, flüstert er, sei es so, als stehe der Körper unter Strom. Die Muskulatur, der Geist, jede Faser des Körpers und jeder Sinn fokussierten sich aufs Ziel, eine fast übermenschliche Aufmerksamkeit kennzeichne die Spanne, bis der Finger den Abzug bestätigt, der Schuss knallt und der Rückstoß das Gewehr in den Körper krachen lässt. „Man hat nur den einen Versuch und will treffen“, raunt Giesker und nimmt das Fernglas wieder runter. Kein Schwein ist zu sehen, das Gewehr bleibt stumm in der Ecke. Irgendwo hoch oben dröhnt ein Flugzeug durch den Himmel. (Weiterlesen: Wie viele gefährliche Hunde gibt es in Osnabrück?)

Gieskers Passion, die Wildschweinjagd, ist zuletzt zum Politikum geworden. Seit die Afrikanische Schweinepest (ASP) bis nach Polen und Tschechien vorgedrungen ist, überlegen Politiker und Behörden, wie einem Ausbruch der Krankheit in Deutschland begegnet werden könnte. „Dass sie kommt, davon gehen wir ernsthaft aus“, verkündete Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast im Januar. Für Niedersachsen ist die Krankheit eine ernsthafte Bedrohung. Bald neun Millionen Schweine stehen in Ställen zwischen Harz und Nordsee, rund ein Drittel des gesamtdeutschen Bestandes. Würde bei einem verendeten Wildschwein ASP nachgewiesen, würde um den Fundort ein zehn bis fünfzehn Kilometer fassender Sicherheitsradius gezogen, innerhalb dessen auch Hausschweine als potenziell bedroht betrachtet würden. Ihr Fleisch wäre dann kaum noch zu vermarkten. In den Schweinehochburgen in Westniedersachsen könnte das Millionenschäden zur Folge haben und vielleicht Existenzen ruinieren.

Polen schickt das Militär

„Wenn hier wirklich mal die Afrikanische Schweinepest auftaucht, das will ich mir gar nicht ausdenken“, sagt Giesker in die stille Nacht. Das Verhältnis des Jägers zum Wild ist ambivalent. Er schießt es und er schätzt es. In manchen Hochsitznächten hocke er einfach nur da, sagt er, erfreue sich an dem Bild der Tiere, die durch das Revier streifen. Sein Gewehr bleibt dann bloß Dekoration, eine Insigne, die eben zur Rolle des Jägers gehört. Zu dieser Rolle gehört auch, sich um das Wild im Revier zu kümmern und dessen Bestand zu bewahren. Jäger kennen das Verhalten der Tiere in ihrem Revier, ihre Rückzugsorte und ihre Wege. Deswegen spielen Jäger in Aktionsplänen gegen die ASP eine wichtige Rolle: Gemeinsam mit den Behörden sollen sie Präventivmaßnahmen ergreifen, Schutz- und Pufferzonen einrichten und, wenn nötig, die Wildschweinbestände in Drückjagden derart zusammenschießen, dass ein Ausbreiten der Seuche unmöglich wird. Polen schickt gegen Wildschweine das Militär, Tschechien Scharfschützen der Polizei. In Deutschland sollen die Jäger den Feldzug gegen das Schwarzwild führen. Längst kursieren Abschussquoten und Vorgaben, die im Fall eines Falles erreicht werden sollen. Schonzeiten und Jagdbeschränkungen sind weitgehend aufgehoben.

Käme die ASP, wäre es mit den ruhigen Hochsitznächten vorbei und mit einigen anderen Dingen, die Giesker bei der Jagd wichtig sind. „Ob ich in dem Fall wirklich auf eine Bache schießen könnte, die offensichtlich gerade Junge führt – das kann ich mir eigentlich nur schwer vorstellen“, sagt er leise, „das würde mir schon in der Seele weh tun.“ Aus der Erde steigt Kälte auf und durchzieht langsam den Körper, der Regen prasselt unvermindert auf die Kapuze und leise auf altes Laub, das am Boden liegt. Ansonsten: Stille, kein Flugzeug mehr am Himmel und weit und breit keine Spur eines Wildschweines. „Natürlich“, wispert Giesker, „Drückjagden, das wäre effektiv, aber eine komplette Population kann man damit nicht sicher zur Strecke bringen. Es muss ja nur ein erkranktes Tier entkommen, sich in ein anderes Gebiet schleppen und die Seuche würde sich weiter ausbreiten.“ Vielleicht wäre es besser, würden erkrankte Tiere einfach in ihren angestammten Revieren verenden, sagt Giesker. Dann schweigt er. Nur hin und wieder durchfährt es ihn, er greift zum Fernglas, starrt ins Dunkel, lässt es wieder sinken. Fehlalarm.

Es ist spät geworden. Nichts scheint sich zu regen im Wald. Irgendwann erhebt sich Giesker langsam, schultert sein Gewehr, brummelt: „Gut gewesen heute“, und klettert vorsichtig die wackeligen Sprossen des Hochsitzes herunter. Ein paar tastende Schritte über unebenes Terrain in der Finsternis, dann ist da wieder der Weg, der jetzt waldauswärts führt. Der rhythmische Klang der Schritte durchbricht die Regengeräusche. Wenn man nach Stunden zurückgeht vom Sitz, sagt Giesker, dann sei der Kopf immer frei. In den paar Stunden auf dem dünnen Holzbrett in der Kälte verflüchtigten sich die Gedanken und Probleme des Tages. „Man ist im Reinen mit sich, wenn man nach Hause geht.“ Da ist der Wagen. Giesker öffnet den Kofferraum, legt sein Gewehr ab, das die ganze Nacht ohne Ziel geblieben ist und setzt sich dann ans Steuer. Irgendwo, ganz in der Nähe, ziehen jetzt Wildschweine durch den Wald und über die Äcker. Sie haben heute nichts mehr zu befürchten, die Jagd ist vorbei.