Ortshistoriker Wahl erinnert sich April 1945: Sinnlose Kämpfe in Ellerbeck

Von Paul-Walter Wahl

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Bissendorf. 15 Tote und viele zerstörte Häuser in Ellerbeck – das war die Bilanz eines Gefechts deutscher Soldaten mit britischen Infanteristen im April 1945. Paul-Walter Wahl, damals acht Jahre alt, erinnert sich.

Der 4. April wurde für die kleine Ortschaft Ellerbeck, die heute zur Gemeinde Bissendorf gehört, zu einem Schicksalstag. Mit meinen Eltern wohnte ich auf dem Hof Schürmann, dem heutigen Wohnheim Ellernhof.

Keine SS-Einheit

In unserer Wohnung wurde am frühen Morgen von deutschen Soldaten ein Befehlsstand eingerichtet, weil von dort aus unter anderem die Landstraße von Wissingen nach Westerhausen eingesehen werden konnte. Bei den Soldaten handelte es sich nicht um eine SS-Einheit, wie viele Jahre angenommen wurde. Dank der Ermittlungen des Osnabrücker Autors Günter Wegmann wissen wir heute, dass es sich bei den „Verteidigern“ Ellerbecks um die Artillerieabteilung 30 des Grenadier-Ersatz-Regiments 551 Hannover unter dem Kommando des Hauptmanns Mylord handelte. Die Truppe war entsprechend eines Regimentsbefehls von Lienen aus in einem 40-km-Nacht-Marsch nach Ellerbeck gelangt. Entsprechend erschöpft waren die Soldaten. Trotzdem hatte der Kommandeur wohl den Auftrag, in diesem Ort das Kriegsgeschehen im letzten Moment zu drehen.

Der Ellerbecker Heinz Lötter (Jahrgang 1931) berichtete: „Am Morgen des 4. April rückten gegen 7:00 Uhr ca. 80 bis 100 deutsche Infanteristen mit einigen mit Pferden bespannten, eisenbereiften Kastenwagen, zwei Panzerabwehrkanonen und einem erbeuteten Jeep, dem einzigen Motorfahrzeug der Gruppe, in Ellerbeck ein. Gegen 8.30 Uhr näherten sich aus Richtung Wissingen einige englische Panzer. Der erste wurde von Granaten aus einem Pak-Geschütz getroffen, das auf unserem Hof stand.“ Die übrigen Panzer drehten sofort um und kamen wenig später mit 15 Panzern und einem Bataillon Infanterie, etwa 800 Mann zurück, die sofort das Feuer eröffneten. Zeitzeuge Heinz Lötter beschreibt anlässlich der Recherchen zu meinem Buch über das Kriegsende die folgenden Ereignisse: „Die deutschen Soldaten setzten sich mit Maschinengewehren und Karabinern aus den Fenstern der Häuser gegen die englischen Infanteristen, die von der Mindener Straße aus angriffen, zur Wehr.“

Betttuch als weiße Fahne

Es entwickelte sich ein heftiger Kampf, der sich bis zum späten Nachmittag hinzog. Heinrich Lötter senior wollte Haus und Bewohner schützen und zum Zeichen der Aufgabe ein weißes Betttuch als Fahne aus dem Fenster hängen. Lötter hatte im Kriege bereits ein Bein verloren und versuchte, weiteres Blutvergießen zu verhindern. Ein junger deutscher Offizier, der sich mit weiteren Soldaten auf dem Hof befand, drohte, den Vater auf der Stelle zu erschießen, falls er das Vorhaben in die Tat umsetzen würde.

Vom Keller des Nachbarhauses aus musste Familie Lötter hilflos mit ansehen, wie ihr Haus in Flammen aufging, ohne irgendetwas retten zu können. Nach Ende der Kämpfe holten die einrückenden englischen Infanteristen die Leute einzeln aus den Kellern, um sicherzugehen, dass sich keine Soldaten mehr in den Häusern befanden.

Leuchtspuren von Granaten

Da meine Mutter und ich unsere Wohnung verlassen mussten, fanden wir Aufnahme bei einer befreundeten Familie, die hoch oben am Berg wohnte. Aus einem Kellerfenster der Wohnung konnte ich die Leuchtspuren der Granaten beobachten und sehen, wie eine Reihe von Häusern getroffen wurde und in Flammen aufgingen. Erst 2010 erfuhren die Ellerbecker durch Berichte von Karl-Heinz Schröder aus Achelriede, dass die Zerstörungen nicht von den Panzern herrührten, sondern in den meisten Fällen auf Geschütze auf dem Stockumer Berg in Achelriede zurückgingen.

Die Bilanz dieses sinnlosen Kampfes: Acht deutsche und fünf englische Soldaten waren gefallen, zwei Zivilisten durch Beschuss ums Leben gekommen. Den beiden getöteten Frauen zu Ehren nannte der Gemeinderat 1972 das bisher namenlose Stück von der Mindener Straße, vorbei an ihrem Haus Richtung Norden „Kemperweg“. Rund ein Drittel aller Ellerbecker Häuser wurde völlig zerstört oder schwer beschädigt, in den Ställen kam alles Vieh ums Leben.

Wie aus dem Wehrmachtsbericht hervorgeht, stellte die deutsche Einheit unmittelbar nach der Niederlage auf Befehl des Kommandeurs die Kämpfe ein. Die Soldaten versuchten, sich auf eigene Faust durchzuschlagen.

Wehrmachtsbaracken

Noch Anfang April 1945 wurden auf den zerstörten Höfen etwa zehn ehemalige Wehrmachtsbaracken als Notwohnungen aufgestellt. Heute, nach mehr als 70 Jahren stehen in zahlreichen Bauerschaften noch solche „Provisorien“; einige sind noch immer bewohnt.

Ortshistoriker Paul-Walter Wahl wurdein Köln geboren und lebte 60 Jahre im Bissendorfer Ortsteil Ellerbeck.


Baracken – Wichtige Notunterkünfte

Unmittelbar nach dem Krieg leisteten Baracken, mobile Holzhäuser, gute Dienste als Notwohnungen für Ausgebombte, Evakuierte und Flüchtlinge.

Der Begriff Baracke ist heute negativ besetzt und zu einem Synonym für Provisorium und einfachste Bauweise geworden.

Während des Krieges wurden insbesondere größere Baracken nicht nur von deutschen Soldaten genutzt, sondern dienten auch russischen, polnischen und französischen Zwangsarbeitern als Unterkunft. Mit dem Einmarsch waren diese Personen befreit und konnten zurück in die Heimat.

Da die Baracken nun im ganzen Osnabrücker Land verfügbar waren, übernahm das Landratsamt die Organisation der Verteilung an Wohnungslose. Aber auch landwirtschaftliche Betriebe und die gewerbliche Wirtschaft hatten wegen zerstörter Gebäude großes Interesse an den Baracken.

Bereits Ende der 1930er Jahre wurden diese Holzhäuser als Mannschaftsunterkünfte auf großen Baustellen eingesetzt. Mein Großonkel, Josef Zingel, war als Chefkonstrukteur für den Reichsarbeitsdienst tätig und ich besitze mehrere Konstruktionszeichnungen, auch solcher Bauten, die noch heute im Kirchspiel Schledehausen stehen.

Neben den erwähnten Baracken gab es zur Linderung der größten Wohnungsnot auch so genannte Behelfsheime. Es wurde zunächst ein Ringfundament erstellt und darauf die beliebig verlängerbaren Häuser gesetzt. Die bestanden aus vorgefertigten Teilen, Betonpfähle mit Nuten, in die Betonplatten eingesteckt wurden. Auch die Decken und das Dach bestanden aus Betonfertigteilen. Die Innenwände wurden mit Heraklithplatten verkleidet.P. W. Wahl

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