Artilleriegeschütze zerstören 38 Gebäude Bissendorfer Ortshistoriker erinnert sich an Ostern 1945

Von Johanna Kollorz

„Hier am Stockumer Berg, auf dem Acker rechts der Straße, wurden vier Artilleriegeschütze in Stellung gebracht um den ganzen Tag in Richtung Westerhausen, Ellerbeck und Linne zu schießen“, berichtet Augenzeuge Karl-Heinz-Schröder. Foto: Johanna Kollorz„Hier am Stockumer Berg, auf dem Acker rechts der Straße, wurden vier Artilleriegeschütze in Stellung gebracht um den ganzen Tag in Richtung Westerhausen, Ellerbeck und Linne zu schießen“, berichtet Augenzeuge Karl-Heinz-Schröder. Foto: Johanna Kollorz

Bissendorf. Der Ortshistoriker Karl-Heinz Schröder gehört der Generation von Bissendorfern an, die den Zweiten Weltkrieg erlebt hat. Bis heute lebt der 88-Jährige im Hause Wissinger Straße 19, in dem er 1929 geboren wurde. Hier schreibt er Ereignisse auf, die der Nachwelt sonst verloren gingen.

Beim Blick auf die Wochentage des aktuellen Kalenderjahres entfuhr es Karl-Heinz Schröder sofort: „Ostersonntag fällt auf den 1. April. Das ist genau wie 1945“. Das ist nun 73 Jahre her – Schröder war damals gerade mal 15 Jahre alt – und trotzdem sind die Geschehnisse kaum verblasst.

Beitrag im Buch zur 850-Jahr-Feier Bissendorfs

Seine Erinnerungen an diese, aus Sicht der heutigen Jugend, unvorstellbare Zeit, hat Karl-Heinz Schröder unter dem Titel „Als Bissendorf Frontgebiet war“ aufgeschrieben. Veröffentlicht wurde der Beitrag im Buch „Ein König in Bissendorf“, das 2010 anlässlich der 850-Jahr-Feier der Gemeinde erschien. (Weiterlesen: Bombardierung verfolgt Osnabrückerin bis in ihre Träume)

Der Lokalhistoriker beginnt seine Schilderungen am 25. März 1945 – einer Zeit, in der der Gefechtslärm von Tag zu Tag lauter wurde. Ungeachtet dessen hatten die Bissendorfer Jungen und Mädchen den Befehl erhalten, am Palmsonntag um 8 Uhr bei der Gastwirtschaft Werries in Sünsbeck anzutreten, um auf den Führer vereidigt zu werden.

Bombanangriff auf Osnabrück führt zu Flucht in den Bunker 

„Der Saal war schon festlich geschmückt worden und der Voralarm, der um 7 Uhr gegeben wurde, gehörte schon zu unserem täglichen Leben“, schildert Schröder auf dem Sofa seiner Wohnstube sitzend und fährt fort. Erst als um 8.30 Uhr erneut die Sirenen heulten und Vollalarm gaben, kam Unruhe auf. Das Dröhnen feindlicher Flugzeuge aus der Ferne und einsetzendes Flakfeuer führten zum Abbruch der Zeremonie.

Als gegen 9.45 Uhr die ersten Bombenteppiche über Osnabrück abgeworfen wurden und der letzte und einer der schwersten Angriffe auf die Nachbarstadt begann, suchten Schröder und weitere Jungen aus Achelriede Schutz im Bunker beim Bauern Warner und kehrten erst knapp zwei Stunden später aus ihrem Versteck hervor. (Weiterlesen: Historischer Ticker: Bombenangriff auf Osnabrück vor 70 Jahren)

„Wer so einen Angriff nicht selbst erlebt hat, der kann sich auch nicht vorstellen, wie einem zu Mute ist, wenn die Erde von den Einschlägen der Bomben zittert und bebt und die Luft voll ist vom Dröhnen der Flugzeugmotoren und den Explosionsgeräuschen der Flakgranaten. Man konnte sich ja auch nicht darauf verlassen, dass die Bomben nur auf Osnabrück abgeworfen wurden, denn in diesem Krieg war im Raum Bissendorf auch schon so manches Gebäude in Schutt und Asche gelegt“, schildert Schröder. (Weiterlesen: Inferno am Palmsonntag 1945 in Osnabrück)

Bedrückte Stimmung und stille Hoffnung auf Frieden 

Bewegt berichtet der 88-Jährige von der Stimmung in der Bevölkerung, die in den letzten Wochen vor Ostern immer bedrückter wurde, von der Angst vor den näherrückenden Alliierten, vom Volkssturm als letztes Aufgebot der Heimatverteidigung und von der Hoffnung auf ein baldiges Ende des Kriegs: „Fast jede Familie hatte schon ein weißes Bettlaken parat liegen, um es bei Ankunft des Feindes ins Fenster hängen zu können. Gesprochen wurde darüber natürlich nicht, denn das hätte gefährlich werden können. Noch hatte das braune Janhagel, wie mein Vater sich ausdrückte, das Sagen“.

Am ersten Ostertag wurde der Konfirmationsgottesdienst der Kirchengemeinde Achelriede auf 7 Uhr vorverlegt. Die Hoffnung, dass es so früh noch keinen Fliegeralarm geben würde, erfüllte sich. Inzwischen kamen immer mehr auf dem Rückzug befindliche deutsche Einheiten durch Bissendorf.

Gefecht am Tag nach Ostern in Achelriede

„Am Tag nach Ostern, dem 3. April, hatte gegen 16 Uhr die Panzerspitze der Alliierten die zurückziehenden Deutschen Einheiten in Achelriede eingeholt, und sofort wurde von beiden Seiten das Feuer eröffnet. Das Gefecht dauerte etwa 90 Minuten. Der erste Panzer der Alliierten wurde an der Abzweigung Feldstraße getroffen und blieb dort ausgebrannt liegen. Der zweite lag mit Kettenschaden kurz dahinter im Straßengraben.“

Auf der rechten Straßenseite lagen laut Schröder auf einer Länge von 200 Metern zerstörte Fahrzeuge und Geschütze der Deutschen Wehrmacht. Zwei der drei zwischen den Fronten stehenden Häuser wurden durch Einschüsse beschädigt, das dritte brannte zur Hälfte ab. Ein gefallener deutscher Soldat wurde am nächsten Tag, eingewickelt in eine Zeltplane, auf dem Achelrieder Friedhof beerdigt.

Artilleriegeschütze zerstören 38 Gebäude 

„Am Morgen des 4. April wurden auf dem Feld zwischen Achelriede und Stockumer Berg vier Artilleriegeschütze in Stellung gebracht. Ganztägig wurde von hier aus über unsere Köpfe hinweg Richtung Ellerbeck/Westerhausen/Linne gefeuert, wo sich deutsche Soldaten, darunter eine SS-Einheit, festgesetzt hatten. 38 Gebäude wurden damals zerstört. Darunter auch das Haus unserer in Westerhausen wohnenden Verwandten“, berichtet Schröder, der diese ereignisreichen und lebensgefährlichen Tage nie vergessen wird.

„Wenn ich heute die Bilder von aktuellen Kriegen und Konflikten in der Welt, von Nahrungsknappheit, Plünderungen und Kindern, die mit herumliegendem Kriegsmaterial in Kontakt kommen im Fernsehen sehen, habe ich sofort die Bilder von damals aus Bissendorf wieder vor Augen“, gibt der Ortshistoriker zu bedenken. Umso mehr wünscht der 88-Jährige allen Lesern ein frohes und vor allem friedvolles Osterfest.