Schweinchen haben Glück gehabt Hängebauchschweine aus Belm finden neues Zuhause auf dem Gnadenhof

Von Carolin Hlawatsch


Belm/Bissendorf/Melle. Eine bunte Gemeinschaft an Tieren hat Glück gehabt: Aus schlechter Haltung befreit, vor womöglich vergeblichem Warten im Tierheim bewahrt oder sogar dem Tod von der Schippe gesprungen, haben sie ein neues Zuhause auf dem Gnadenhof Brödel in Melle-Westerhausen/Föckinghausen gefunden.

Würde da draußen nicht so verlockend mit einer Banane gewedelt, würde Hängebauchschwein Dodi bei diesem, für einen Märztag wirklich ungewöhnlich ungemütlichem Wetter ihren Stall nicht verlassen. Ihre Tante Schweinchen Schlau bleibt lieber unter der Wärmelampe liegen, während Dodi genüsslich mampft und auch gerne noch einen Apfel annimmt. Ein richtiger Obstsalat, aber Vitamine können bei Schmuddelwetter nicht schaden. „Obwohl Schweine Allesfresser sind, bekommen sie bei uns kein Fleisch, damit keine Erreger eingetragen werden. Das gehört zu den Tierhaltungs-Auflagen des Landkreises Osnabrück, an die wir uns halten müssen“, erklärt Kai Behnke. Zusammen mit seiner Frau Julia und Freund Karsten Wachsmuth leitet er den Gnadenhof Brödel. Zu Zeiten der Afrikanischen Schweinepest (ASP) müssen sie bei der Haltung ihrer vietnamesischen Hängebauchschweine besondere Vorschriften einhalten: Ein Doppelzaun im Abstand von eineinhalb Metern soll verhindern, dass Dodi und ihre Tante Kontakt zu Wildschweinen aufnehmen, denn die könnten ASP übertragen. Außerdem muss ihr Stall dreimal im Jahr  desinfiziert werden. „Diese Aktion bedeutet jedes mal eine Chemiebombe, damit jegliche Milben, Keime und Viren abgetötet werden“, sagt Kai Behnke missmutig. Er hält nicht viel von dieser Maßnahme, meint dass die Chemie seinen Tieren eher schade als nutze.

Natürliche Bedürfnisse

Die zwei Hängebauchschweine haben eine traurige Vergangenheit. Um sie vor dem Einschläfern zu bewahren, retteten Leute aus Belm die Schweine, hatten aber keine Möglichkeit sie artgerecht zu halten. So lebten Dodi und Schweinchen Schlau einige Zeit in einer Garage, bevor sie ihren Platz auf dem Gnadenhof fanden. Dort können sie nun endlich, in einem ebenfalls mit Doppelzaun gesichertem Freigehege ihren natürlichen Bedürfnissen nachgehen, suhlen und wühlen, was das Zeug hält. „Zur Abwechslung errichten wir für die cleveren Schweine auch Futterverstecke, damit keine Langeweile aufkommt“, berichtet Kai Behnke.

In direkter Nachbarschaft der Schweine haben Hahn Shaggy und sein Harem, bestehend aus vier Dresdner Hühnern, ihr Quartier. Anders als viele Gnadenhofbewohner stammen sie aus guter Haltung. Doch ihre Menschen aus Bissendorf hatten auch Gänse, mit denen sich Shaggy einfach nicht verstand. So wurde er, durch die ewigen Zankereien gerupft, im Februar samt weiblicher Begleitung nach Melle transportiert. „Shaggy ist zutraulich, aber auf seine vier Damen lässt er nichts kommen. Es ärgert ihn, wenn man den Hühnern zu nahe kommt. Er kümmert sich fürsorglich um sie, legt ihnen sogar Körner aus dem Futtertrog hin“, erzählt das Brödel-Team.

Gegner der Massentierhaltung

Mit der Gründung des Gnadenhofs im April 2016 ging für Kai Behnke ein Kindheitstraum in Erfüllung. Der beruflich an der Uni Osnabrück tätige Informatiker liebt Tiere und das Landleben. Behnke ist in den Großstädten Hamburg und Berlin aufgewachsen. „Schon als Kind fand ich es dort immer zu eng, zu laut und genoss Ausflüge mit meinen Eltern hinaus auf das Land“, erinnert sich. Zudem sei er Gegner der Massentierhaltung, ernähre sich vegetarisch und empfinde Glück, wenn er zumindest einigen Tieren ein besseres Leben ermöglichen könne. Kamerunschafe, mehrere Ziegenrassen, zwei Shetlandponys und Kaninchen gibt es neben Hühnern und Schweinen im Meller Tierrefugium, dessen Name Brödel auf eine Charaktereigenschaft der Betreiber anspiele: „Sowohl ich, als auch Kollege Wachsmuth sind ein wenig eigenbrödlerisch“, gibt Kai Behnke schmunzelnd zu.  

Kompostwürmer gezüchtet

Er ist auch Gründer der Organisation „Umweltschutz und Lebenshilfe“, die sich für Blühwiesen und Artenvielfalt im Osnabrücker Land einsetzt und nutzt seine Tiere, um die Blühflächen auf natürliche Art zu beweiden. „Eine Win-Win-Situation“ sagt er. Die Kosten für die Tierhaltung (für Tierarzt oder Futter) werden zu 50 Prozent aus Privatmitteln des Teams finanziert, zu 20 Prozent aus Spenden und zu 30 Prozent über Familie Behnkes Wurmfarm. Im Mist der Tiere züchten sie Kompostwürmer, die verkauft werden. 

Der Gnadenhof Brödel, grenzt an den Garten der Behnkes und ist keine öffentliche Einrichtung. Dennoch können die Tiere gut beobachtet werden, zum Beispiel vom Besucherspielplatz des Gasthauses Hubertus in Melle-Westerhausen. Hinter dem Gasthof kann man die Weide der Tiere erreichen, und darf sie streicheln und mit Gras und Ästen füttern, nicht jedoch mit Brot, Obst oder Gemüse. Das könne Koliken bei den Tieren hervorrufen, warnt dort auch ein Schild.