100 Jahre Frauenwahlrecht Bärbel Schäfer beim Frauenfrühstück in Bissendorf

Von Anke Herbers-Gehrs

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Frauenfrühstück mit Bärbel Schäfer in Schledehausen. Foto: Anke Herbers-GehrsFrauenfrühstück mit Bärbel Schäfer in Schledehausen. Foto: Anke Herbers-Gehrs

ahg Bissendorf. 100 Jahre Frauenwahlrecht – zu diesem Jubiläum fand am Samstag in Schledehausen ein Frühstück mit der Moderatorin und Schriftstellerin Bärbel Schäfer statt. Die Gewinnerin der Goldenen Kamera und Grimme-Preis-Nominierte las vor einem gebannt lauschenden Publikum aus ihrem neuen Buch über ihre Begegnungen mit Eva Szepesi, die als Kind Auschwitz überlebte.

Eingeladen hatten die Landfrauen Bissendorf-Holte und die Landfrauen Schledehausen gemeinsam mit der Gleichstellungsbeauftragten der Gemeinde Bissendorf, Angelika Rothe. Sie erinnerte in ihrer Begrüßung an den langen Weg zum Frauenwahlrecht: „Die historischen Wurzeln des Wahlrechts für Frauen liegen in der französischen Revolution von 1789“. Wer damals fürs Frauenwahlrecht eintrat, konnte unter der Guillotine enden, wie das Schicksal der Frauenrechtlerin Olympe de Gouges zeige, so Rothe.

Nachmittage mit Eva

Mit Bärbel Schäfer (54) wurde eine adäquate Referentin zu diesem besonderen Frauenfrühstück gewonnen. Sie trotzte Schnee und Eis auf ihrer Fahrt von Köln, wo sie am Freitagabend noch auf der Lit.Cologne einen Auftritt gemeinsam mit Ildikó von Kürthy hatte. In Schledehausen las sie vor 130 Frauen aus ihrem im Herbst 2017 erschienenen Buch „Nachmittage mit Eva“. Auf einer Lesung hatte Bärbel Schäfer die 85-jährige Auschwitz-Überlebende kennengelernt, besuchte sie regelmäßig an Mittwochnachmittagen und ließ sich von ihrem Schicksal erzählen.

Die Motivation zu dem Buch kam Bärbel Schäfer durch ihre eigene Familiengeschichte: Wie kann es sein, dass alle darüber schweigen, was unter Hitlers Herrschaft in Deutschland geschah, wie sie selbst darin verwickelt waren? Immer wieder fragt sie schon als Jugendliche nach, handelt sich eine Ohrfeige und böse Bemerkungen ein: Kannst du nicht endlich Ruhe geben? „Was macht dieses kollektive Schweigen mit mir, mit meiner Generation? Und was hätte ich damals getan?“, fragt sich Bärbel Schäfer, Fragen, die sich offenbar auch viele der Anwesenden stellen, so konzentriert, wie sie die einstündige Lesung verfolgen. „Nicht das Atmen vergessen!“, rät Bärbel Schäfer vom Podium herunter bei einer der schwer zu ertragenden Stellen, an denen sie beschreibt, wie Eva Szepesi als Elfjährige die Ankunft in Auschwitz erlebte, wie die Nummer in ihren Arm eintätowiert wurde: „Wie Vieh gebrandmarkt – und ich war doch noch ein Kind.“

Sirene heult plötzlich auf

Kurz vor Ende der Lesung ist von draußen ein irritierendes Geräusch zu hören: Eine aufheulende Sirene. „Arsch gerade warm – Fliegeralarm“, hatte Bärbel Schäfer ihren Vater zitiert, ein Spruch aus seiner Kindheit, als er oft aus dem Schlaf gerissen wurde, um in den Bunker zu eilen. In Schledehausen ist es zum Glück nur der wöchentliche Probealarm. Ein Ton, der warnt und wachsam machen soll, so wie es auch Bärbel Schäfer mit ihrem Buch beabsichtigt. „Dass die Rechten international wieder erstarken, hat das auch etwas mit dem Schweigen meiner Großeltern zu tun?“

Einen familiären Bezug zum Holocaust hat Bärbel Schäfer aber nicht nur von der Täter- beziehungsweise Mitläuferseite. Die Familie ihres Mannes Michael Friedman, von 2000 bis 2003 Vorsitzender des Zentralrats der Juden, ist in Auschwitz fast ausgelöscht worden. „Aber das ist eine andere Geschichte“, so Bärbel Schäfer am Rande der Veranstaltung. Ihr Buch, das sie am Ende signierte, war schnell vergriffen, ein Zeichen, wie sehr sie mit ihrem Vortrag beeindruckt hat.


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