Leben im falschen Deutschland Spion-Sohn Thomas Raufeisen berichtet Bissendorfer Oberschülern

Referent Thomas Raufeisen (links) und Konrektorin Anke Schröder freuen sich über das lebhafte Interesse, das die Schüler der Oberschule am Sonnensee dem Zeitzeugen des Kalten Kriegs entgegenbringen. Foto: Joachim DierksReferent Thomas Raufeisen (links) und Konrektorin Anke Schröder freuen sich über das lebhafte Interesse, das die Schüler der Oberschule am Sonnensee dem Zeitzeugen des Kalten Kriegs entgegenbringen. Foto: Joachim Dierks

Bissendorf. Thomas Raufeisen wurde als 16-Jähriger in die DDR entführt und dort fünfeinhalb Jahre lang gegen seinen Willen festgehalten. Weil sein Vater als kurz vor der Enttarnung stehender DDR-Spion das so für die Familie bestimmt hatte. In der Oberschule am Sonnensee in Bissendorf berichtete das Opfer des DDR-Regimes den Schülern aus seinem Leben.

Es ist eine spannende und zugleich tragische deutsch-deutsche Geschichte, die die Zehntklässler zu hören bekamen. Sie waren gut vorbereitet auf den Vortrag des heute 55-Jährigen. Denn im August 2017 führte sie die Jahrgangsfahrt nach Berlin und dort unter anderem auch in die Gedenkstätte des ehemaligen Stasi-Untersuchungsgefängnisses Hohenschönhausen. Dort hatten sie, ohne das damals schon zu wissen, einen der Leidensorte Raufeisens kennengelernt.

Überhasteter Aufbruch

Raufeisen wuchs in den ersten 16 Jahren seines Lebens als normaler westdeutscher Junge in Hannover auf. Bis zum 22. Januar 1979. An dem Tag kam der Vater, von Beruf Geophysiker bei der Preussag, früh von der Arbeit zurück und sagte: „Es ist was mit Opa. Wir müssen sofort rüberfahren, wenn wir ihn noch einmal lebend sehen wollen.“ Sonst brauchte es immer sechs Wochen Vorlauf für die Visabeschaffung, wenn die Familie die Großeltern auf Usedom in der DDR besuchen wollte. Jetzt würde eine Sonderregelung greifen, sagte der Vater, die Papiere würden schon vorbereitet und ihnen an der Grenze übergeben. Überhastet brach die vierköpfige Familie auf. Man nutzte die Transitstrecke nach Westberlin. Gegen die Bestimmungen bog der Vater bei einer Raststätte von der Autobahn ab und telefonierte. Dann verkündete er der Familie, die Passbehörden hätten ihnen eine Unterkunft für die Nacht reserviert, wo sie auf die Ausstellung der Papiere warten sollten.

Unterkunft im Stasi-Gästehaus

Am nächsten Tag stellte sich heraus, dass man im Stasi-Gästehaus Eichwalde bei Berlin gelandet war. Nach und nach rückte der Vater mit der Wahrheit heraus: Er sei „Kundschafter des Friedens“ im Dienste des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR gewesen. Nachdem ein anderer DDR-Spion, Werner Stiller, spektakulär übergelaufen war, stand die Enttarnung Raufeisens und vieler weiterer DDR-Spione unmittelbar bevor. „Deshalb mussten wir ganz schnell ‚rübermachen, es war gar nichts mit Opa“, erklärte Raufeisen den Bissendorfer Oberschülern, die jetzt etwa so alt sind, wie er es damals bei seiner zwangsweisen Übersiedlung war. Raufeisen kann auf das Mikrofon verzichten, wie gebannt verfolgen die Schüler seinen detailreich vorgetragenen weiteren Lebensweg, wie er sich erfolglos gegen die DDR-Staatsbürgerschaft wehrt, wie die Stasi mit Zuckerbrot und Peitsche versucht, ihm ein neues Leben im Sozialismus schmackhaft zu machen, wie entsetzt er ist, als er die Doppelzüngigkeit der DDR-Gesellschaft entdeckt.

Kontakt zum amerikanischen Geheimdienst

Selbst dem Vater kommen zunehmend Zweifel. Man stellt Ausreiseanträge, nimmt Kontakt zur westdeutschen Botschaft in Budapest und zum amerikanischen Geheimdienst auf. Als das MfS davon Wind bekommt, wird die Familie verhaftet. Vater Armin Raufeisen wird als „Verräter“ zu lebenslanger Haft verurteilt, die Mutter zu sieben Jahren und Thomas selbst zu drei Jahren. Thomas lernt die Haftanstalten Magdalenenstraße, Hohenschönhausen und Bautzen II von innen kennen, „und das alles doch nur, weil ich nach Hause wollte, nach Hannover, in meine Heimat“. Fragen der Schüler drehten sich darum, ob er anfangs in Hannover schon etwas von der Geheimdiensttätigkeit des Vaters mitbekommen habe, was die Mutter zu welchem Zeitpunkt gewusst habe, ob sie sich der Entführung durch den Vater nicht habe entgegenstellen können, und schließlich auch, wodurch der Vater selbst die Überzeugung verlor, dass die DDR das bessere Deutschland verkörpere.

Aufarbeitung der SED-Diktatur

Der gelernte Diplom-Ingenieur Thomas Raufeisen setzt sich seit einigen Jahren als Zeitzeuge dafür ein, dass auch die Nachgeborenen etwas vom Charakter des DDR-Unrechtsregimes erfahren. Als Referent für politische Bildung gibt er nicht nur Führungen in der Gedenkstätte Hohenschönhausen, er reist auch durchs Land, liest aus seiner Biografie und hält Vorträge. Seine Auftritte in Schulen des Osnabrücker Landes werden von der VHS der Stadt Osnabrück und von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur unterstützt. Thomas Raufeisen machte in dieser Woche auch Station in der Oberschule Belm.


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