Infoveranstaltung in Bissendorf 380-kV-Leitung: Bürgerinitiative fordert Erdkabel

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Bissendorf. Durch Bissendorf soll eine 380-kV-Höchstspannungsleitung gebaut werden. Weil bislang nicht klar ist, was der Netzbetreiber Amprion konkret plant, hatten die Bürger initiative „Keine 380-kV-Freileitung am Teuto“ und die Gemeinde zu einem Info-Termin geladen.

Das Interesse an der geplanten 380-kV-Leitung ist nach wie vor groß: Zwei Jahre nach der ersten Bürgerversammlung dieser Art kamen am Donnerstag rund 180 Bürger in den Bissendorfer Bürgersaal. Worum geht es, und wie stehen Beteiligte und Betroffene dazu? Ein Überblick:

Die Leitung

Das Gesetz zum Ausbau von Energieleitungen (EnLAG) – ein Bundesgesetz – sieht die Aufrüstung von deutschlandweit 24 Stromleitungen zu 380-Kilovolt-Höchstspannungsleitungen vor. Als „Vorhaben 16“ firmiert die etwa 70 Kilometer lange Strecke zwischen Bad Essen-Wehrendorf und Gütersloh. Sie soll über das Umspannwerk Osnabrück-Lüstringen führen und 2025 den Betrieb aufnehmen. 2016 wurde das EnLAG dahingehend erweitert, dass das Vorhaben 16 als eines von sechs Pilotprojekten für den Einsatz von Erdkabeln auf Teilabschnitten ausgewiesen wurde. Vorhabenträger ist der Übertragungsnetzbetreiber Amprion.

Die Gemeinde

Der genaue Trassenverlauf liegt zwar noch nicht fest, dennoch ist absehbar, dass die Trasse durch die Gemeinde Bissendorf führen wird, schließlich grenzt diese unmittelbar an Lüstringen. Anders als andere Kommunen im Streckenverlauf könnte Bissendorf sogar von zwei Teilabschnitten betroffen sein – und damit zwei Planungsprozessen. So führt der nördliche Abschnitt zwischen Wehrendorf und Lüstringen vermutlich über Schledehausen, Wissingen und Natbergen, während der südliche Abschnitt, der von Lüstringen aus über Voxtrup, Borgloh und Wellingholzhausen bis zur Landesgrenze nach Nordrhein-Westfalen geplant ist, die Gemeinde Bissendorf südlich von Holte erneut durchqueren könnte.

Die Bürgerinitiative

Die 2013 gegründete Bürgerinitiative (BI) „Keine 380-kV-Freileitung am Teuto“ will, wie der Name sagt, eine Freileitung verhindern. Stattdessen wolle sich die Bürgerinitiative „vehement für eine Vollerdverkabelung einsetzen“, wie das Bissendorfer BI-Mitglied Christian Bräke bei der Versammlung im Bürgersaal sagte. Da das EnLAG gegenwärtig aber nur eine Teilerdverkabelung im Rahmen des Pilotprojekts vorsehe, müsse also zunächst das Gesetz geändert werden, räumte er ein. Hierfür habe die BI in den vergangenen zwei Jahren bereits intensiv geworben, berichtete Bräke. Nach Gesprächen mit den örtlichen Landtagsabgeordneten habe sie sich auch mit dem damaligen Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) in Hannover getroffen und darum gebeten, mit einer Bundesratsinitiative eine entsprechende Änderung des EnLAG anzustoßen.

Gegen eine Freileitung sprechen der BI zufolge vor allem gesundheitliche Risiken durch elektromagnetische Felder. Zudem kritisiert die BI die Dimensionen des geplanten Projekts: Die neuen Strommasten wären mit 72 Metern mehr als doppelt so hoch wie die jetzigen, 30 Meter hohen Masten. Auch hier appellierte Bräke an die Politik, das EnLAG zu ändern: Angesichts eines Eigenkapitalzinssatzes von fast sieben Prozent habe der Vorhabenträger ansonsten einen Anreiz, den Leitungsausbau überzudimensionieren. Unverständnis äußerte Bräke auch über die im EnLAG verankerten Abstandsregelungen: Während innerhalb von Ortschaften 400 Meter zwischen Wohnbebauung und Trasse liegen müssten, seien es außerorts nur 200 Meter.

Für eine Erdverkabelung spricht der BI zufolge, dass dies die zukunftsfähigere Technologie sei, die zudem auch von niedersächsischen Firmen vorangetrieben werde. „Hier vermissen wir bei der Amprion die Innovationsfreude“, sagte das Meller BI-Mitglied Frank Vornholt.

Der Netzbetreiber

Die Firma Amprion war zur Bürgerversammlung eingeladen, wollte aber Bürgermeister Guido Halfter (parteilos) zufolge nicht kommen, weil es keinen neuen Planungsstand gebe. Bräke wertete das als „vertane Chance“: Die BI könne die Absage nicht nachvollziehen und finde es „verwunderlich, dass da kein Zwischenstand gegeben werden kann“. Halfter zufolge wolle Amprion die Bürger allerdings informieren, wenn sie das für die Planung erforderliche Raumordnungsverfahren für den Streckenabschnitt zwischen Lüstringen und der Landesgrenze wieder aufgenommen habe. Das dürfte frühestens zum Ende des ersten Quartals der Fall sein.

Die Politik

Mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten André Berghegger und den Landtagsabgeordneten Gerda Hövel (CDU), Martin Bäumer (CDU) und Frank Henning (SPD) zeigten gleich vier Politiker Präsenz. Vor allem Henning und Bäumer stellten sich klar auf die Seite der BI und sicherten zu, die unter Rot-Grün zugesagte Bundesratsinitiative nun in der Großen Koalition anzustreben.

Berghegger hob die Chancen des Pilotprojekts hervor: Amprion müsse „einige Sachen ausprobieren und testen“, gerade weil es bei der Erdverkabelung noch keine jahrzehntelange Erfahrung gebe. „Wir müssen jetzt möglichst gute Gründe finden, dass möglichst viele Streckenabschnitte teilerdverkabelt werden“, sagt er.

Die Behörde

Bernard Heidrich vom Amt für regionale Landesentwicklung Weser-Ems, der für das Raumordnungsverfahren zuständigen Behörde, versprach, „im Sinne der Region verträgliche Lösungen zu finden“. Allerdings müsse seine Behörde sich im Rahmen der gültigen Gesetze bewegen – selbst wenn diese bei den Mindestabständen etwa kaum auf gesundheitliche Aspekte Rücksicht nehmen, wie er auf Nachfrage aus dem Publikum einräumte.

Das Publikum

Die 180 Gäste quittierten die Ausführungen der BI und der Politiker mit Applaus, kritische Nachfragen richteten sich vor allem an Heidrich. Eine echte Diskussion blieb indes aus – wohl auch, weil die Amprion als Projektverantwortliche nicht vertreten war. Eine Fortsetzung dürfte also folgen.


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