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Novelle der Düngeverordnung Landvolk Altkreis Bersenbrück: „Luft zum Leben lassen“

Von Martin Schmitz | 04.02.2017, 09:00 Uhr

Die Bauern sind bereit, ihren Beitrag zur Verringerung des Nitrats im Grund- und Trinkwasser zu leisten, sagt Kreislandwirt Johannes Schürbrock. Nur müsse ihnen die geplante Novelle der Düngeverordnung „Luft zum Leben lassen“, das Wirtschaften auf den Flächen nicht völlig unmöglich machen.

Der Februar begann mild und regnerisch. Für die Landwirte sind das gute Bedingungen, erläutern Schürbrock, Kreisvorsitzender des Landvolks im Altkreis Bersenbrück und Vizevorsitzender des Hauptverbandes Osnabrücker Land, und Bersenbrücks Landvolk-Geschäftsstellenleiter Friedrich Willms in einem Gespräch. Gülle, Kot, Mist und Gärrückstände aus Biogasanlagen können so auf die Felder ausgebracht werden, dass stickstoffhaltige Verbindungen in der oberen Bodenschicht bereitstehen. Dort verwandelt ein Zusammenspiel von Saatpflanzen und Einzellern sie in der Wachstumsphase in einen wertvollen Dünger, der das Pflanzenwachstum fördert und Mineraldünger ersetzt.

Allein in Niedersachsen fallen derzeit jährlich knapp 60 Millionen Tonnen Wirtschaftsdünger an. Die Wasserwirtschaft kritisiert schon seit Langem, dass nach den gängigen Regeln zu viel stickstoffhaltige Verbindungen in die Böden eingebracht werden. Sie sickern als Nitrate in das Grundwasser ein und machen das Trinkwasser ungenießbar. Auch die rot-grüne niedersächsische Landesregierung geht von einer Überdüngung aus, insbesondere im westlichen Niedersachsen. Sie verschärft Regeln und Kontrollen und schiebt eine Novellierung der Gülleverordnung an, die in absehbarer Zeit mit neuen Grenzwerten für die Gülleausbringung und neuen Bilanzregeln für die landwirtschaftlichen Betriebe das Problem entschärfen und für eine Senkung der Nitratwerte im Grundwasser sorgen soll.

Auch die Landwirte sehen das Problem, erklärt Schürbrock. Der Neuenkirchener Landwirt spricht von „schwarzen Schafen“ in den Reihen seiner Berufskollegen. Und dass die sandigen Böden des Osnabrücker Nordlandes über Winter einen Teil des Düngers nicht halten können, den die Landwirte legal für eine gute Ernte einbringen. Die Böden seien „inkontinent“, sucht Schürbrock nach einem passenden Bild.

Dreidimensionale Karten

Trotzdem ist er überzeugt, dass eine Senkung der Grenzwerte für die Düngerausbringung nicht zwingend für eine Senkung der Nitratwerte sorgen werde. „Sie können mit 150 Kilogramm Stickstoff pro Hektar mehr Schindluder anrichten als mit 200 Kilogramm.“

Schürbrock setzt auf angepasste, flexiblere Methoden der Feldbewirtschaftung. Neue dreidimensionale Bodenkarten in Verbindung mit Satellitennavigation mache eine punktgenaue Dosierung möglich. Gülle werde vermehrt mit Schleppschuhtechnik ausgebracht, die den Boden anritzt und die Nährstoffe in die Nähe der Pflanzenwurzel bringt, wo sie verwertet werden. Ähnlich der Schleppschlauchtechnik senkt der Schleppschuh auch die Geruchsemission: Die Gülle stinkt weniger.

Es sei auch günstiger, die Gülle verteilt in kleineren Mengen auszubringen. Dazu bräuchten die Betriebe aber mehr Lagerstätten für Gülle, sowohl zu Hause, als auch in den vieharmen Regionen des Landes, in die die Gülle vermehrt gebracht werden solle. Schürbrock fordert, den Bau von Güllelagern mit staatlichen Mitteln zu fördern.

„Ohne die Lager bekommen sie immer wieder das Problem, dass zu wenig Gülle zur Verfügung steht, wenn sie gebraucht wird und das Wetter zum Ausfahren günstig ist, erläutert Friedrich Willms. Im Landkreis Osnabrück gebe es einen runden Tisch unter Vorsitz des Landrates, der sich eigens mit einer verbesserten Verteilung der Nährstoffe in andere Regionen beschäftige, fügt Schürbrock hinzu.

Es könne auch nicht sein, dass die Fläche, die der Landwirtschaft zur Verfügung stehe, immer weiter schrumpfe. Pro Sekunde werde ein Quadratmeter Land versiegelt für Straßen, Siedlungen oder Gewerbebauten. Vor 50 Jahren gab es 20 Millionen Hektar landwirtschaftliche Fläche, mittlerweile sei sie auf 17 Millionen Hektar geschrumpft.

Flächenschwund

Gerade hat die Landesregierung angekündigt, die Düngeverbotszone an Fließgewässern von einem Meter auf fünf Meter auszudehnen. Die Grünen-Landtagsabgeordnete Filiz Polat aus Bramsche begrüßt diesen Schritt als Erfolg im Gewässerschutz. Willms und Schürbrock sehen einen großen Verlust an Flächen, die der Landwirtschaft nun nicht mehr für die Ausbringung zur Verfügung stünden. Allein im Altkreis Bersenbrück seien 1400 Kilometer Randstreifen an Gewässern zweiter Ordnung betroffen, so Schürbrock. Ihm erschließt sich der Sinn nicht, warum Gewässerrandsteifen komplett ungedüngt bleiben sollten, so Willms.

Vielleicht, so Schürbrock, müssten die Landwirte noch intensiver darüber aufklären, was eigentlich geschieht, wenn die großen Güllefässer auf den Acker rollen. Klarmachen, dass Kot und Urin von Rindern, Schweinen oder Geflügel nun einmal ein bisschen stinken. Auch menschliche Exkremente sind ja nicht ganz geruchsfrei. Und deutlich machen, dass der Wirtschaftsdünger großenteils vor dem Beginn der Vegetationsperiode ausgebracht werden muss, damit die Pflanzen ihn verwerten können. Dass jetzt also viele Güllefässer unterwegs sind, zum Teil auf gefrorenen Böden schon unterwegs waren, hängt nicht unbedingt mit zu kleinen oder randvollen Lagern zusammen.