Ein Artikel der Redaktion

Niedersächsische Musiktage Ensemble Huelgas in Bersenbrück

09.09.2011, 14:05 Uhr

Anlässlich der 25. Niedersächsischen Musiktage sang das preisgekrönte belgische Huelgas Ensemble in der Bonnus-Kirche zu

Anderthalb Stunden Gesang aus Mittelalter und Renaissance, gegründet auf der Litanei der Gregorianik; neunzig Minuten Eintauchen in den Quellklang der Musik: eine große Herausforderung für die Zuhörer, mit der das Huelgas Ensemble unter seinem Leiter Paul Van Nevel die zahlreichen Besucher in der Bonnus-Kirche konfrontiert in einer Zeit, die das kurzlebige, Sensation heischende Event bevorzugt, nicht die in die Ferne schweifende Meditation.

Paul Van Nevel ist bezwingender Interpret der von ihm erforschten Musik und ebenso einfühlsamer Psychologe bei der konzertanten Darbietung. Im Bewusstsein um die Tücke seines Objekts baut er geschickt vor, ordnet die Zuhörer in der Bonnus-Kirche im Kreis um sein Ensemble und lässt es vom Kerzenleuchter mit stimmungsvollem Glanz versehen. Im Laufe des Konzerts rotieren Chor und Dirigent um die eigene Achse und schufen damit abwechslungsreiche Spannung und Aufmerksamkeit für die Rezeption einer Musik, die in ihrer komplexen Größe selbst einen hohen Anspruch an die Zuhörer stellt.

Das zweigeteilte Programm unter den Überschriften „Back to the past“ und „Up to the future“ wird umschlossen von Johann Sebastian Bachs Choral „O wir armen Sünder“, stilisiert damit das Werk Bachs als Anfang und Ende der Musik. So gelingt es dem Huelgas Ensemble im Kyrie des einleitenden Chorals, die Brücke in die Vergangenheit zu schlagen und in gelöster freier Agogik mit großer Gestaltungskraft die Zuhörer in die frühe Musik des Mittelalters und der Renaissance zu versetzen. Die frappierende Intonationssicherheit des Ensembles macht jede chromatische Fortführung in Melodik und Harmonik im Kyrie und Gloria aus der „Messe de Nostre Dame“ von Guillaume de Machault (1300–1377) zum besonderen Hörerlebnis, das im doppelchörigen Satz „Je prens en gre mit Reponse : Mourir me fault“ von Jacob Clement (1515–1556) durch die getrennte Positionierung des Ensembles in seiner Wirkung weiter gesteigert wird. In fließenden Linien entfaltet der Doppelchor einen stereofonen Wechselgesang, der den Sonderapplaus des Publikums hervorruft.

Mit großer Souveränität gestaltet das Huelgas-Ensemble die vielfältigen Reize der Kirchentonarten in den Sätzen von Orlando di Lasso (1532–1594), Michelangelo Rossi (1601–1656) oder von Alexander Agricola (1446 –1506) und setzte dabei mit selbstvergessender Hingabe eindrucksvolle dynamische Akzente, die zu atemraubenden Höhepunkten besonders in den Schlusswendungen führen. Dabei verschmelzen die Stimmen zu einem homogenen Klanggefüge, dessen sich Paul Van Nevel bedient und wie ein Orgelmeister zum Klingen bringt.

So entwickelt sich aus dem eingangs erwähnten Eintauchen in den ursprünglichen Quellklang für die Zuhörer ein Musikerlebnis, das sich zunehmend flächengreifend in die musikalischen Urstromtäler ausweitet.

Prasselnder Schlussbeifall belohnt das Huelgas-Ensemble und Paul Van Nevel, der sich anstelle einer Zugabe mit einem kurzen, treffenden Statement von den begeisterten Zuhörern verabschiedete: „Wir haben alles erzählt, was wir erzählen konnten.“