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Mit sieben Kindern musizieren Familie Eichhorn: „Kelly-Familiy-Feeling“ in Bersenbrück

Von Martin Schmitz | 01.10.2015, 09:00 Uhr

Dans 15. Geburtstag wird mit einem langen Frühstück gefeiert. Am großen Tisch, der im Esszimmer neben einem Flügel steht. Die Eichhorns genießen ihre Zusammenkünfte, die langsam seltener werden. Die ersten ihrer sieben Kinder verlassen gerade das Haus.

Ein gemütliches Wohnhaus in einem grünen Viertel am Rande Bersenbrücks. Fenster bis auf den Boden, durch die der Blick in den Garten fällt. Nichts wirkt steril im gebändigten Chaos eines großen Haushalts mit vielen Mitgliedern. Wo andere ihre Räume mit Möbeln und Dekoration zustellen, scheint hier Platz wichtig zu sein. Platz, um sich zu entfalten.

„Wir haben kein Radio, weil immer irgendjemand musiziert“, scherzt Mutter Carolina Tilgner-Eichhorn. „Und jeder spielt mehr als ein Instrument.“ Sie ist Ärztin und arbeitet in Teilzeit beim Gesundheitsamt, weil ihr das Freiraum für die Familie lässt.

Axel Eichhorn kümmert sich als Regionalkantor um die Kirchenmusik der katholischen Kirchengemeinden rundum, gilt als Chorleiter, der motivieren und bei der Stange halten kann, besonders Kinder. Er macht viele Extras, bringt sich ein in das Kulturleben der Stadt, das fast ausschließlich auf freiwilliger Basis stattfindet. Eichhorn leitet unter anderem das Kammerorchester Bersenbrück und den Kammerchor. Amateure, die sich Profis einladen, um mit ihnen Wagner-Stücke aufzuführen oder ein barockes Singspiel.

Mit seinen Kantorenschülern gibt er auch schon mal A-cappella-Popkonzerte. Irgendwann fingen seine Kinder an, bei seinen Auftritten mitzumachen. Die ältesten, Clarissa (21) und Kaya (18), die gerade Abitur gemacht hat, gehen musikalisch mittlerweile ihre eigenen Wege.

Chemie-Gen

Alles scheint den Klischees einer Musikerfamilie zu entsprechen. Bis Vater Eichhorn den Besucher mit einer Bemerkung auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Clarissa absolviert ein Lehramtsstudium mit den Fächern Musik und Chemie. Sie sei sogar Preisträgerin der angesehenen Gesellschaft Deutscher Chemiker.

Im Grunde geht es um eine Selbstfindung: „Sie weiß noch nicht, ob die Musik sie ausfüllt oder ihr fehlt.“ Vater Eichhorn sieht Parallelen in seiner eigenen Biografie. Auch er habe drei Semester Physik studiert, wollte zuerst einmal „etwas Anständiges lernen“, bevor er seiner Neigung zur Musik nachgab.

Das Chemie-Gen scheint übrigens auch Noa Eichhorn (12) geerbt zu haben, die kürzlich am bundesweiten Wettbewerb „Schüler experimentieren“ teilnahm.

Aber da gibt es noch mehr: Wenn man die Abiturientin Kaya fragt, in welche Richtung sie beruflich gehen möchte, deutet sie mit dem Kopf zu ihrer Mutter, der Ärztin. Sie will ein Praktikum in einem Krankenhaus machen, um sich auf das Medizinstudium vorzubereiten, berichtet sie.

So viele Talente, die sich entwickeln wollen – da muss das Familienleben doch wohl straff organisiert sein, um allen gerecht zu werden? Organisation braucht es schon, sagt Carolina Tilgner-Eichhorn, aber eigentlich komme es darauf an, das Familienleben „flexibel zu gestalten, damit man auf die Änderungen reagieren kann, die ständig eintreten.“

Urlaub mit Klavier

Die Familie hat kürzlich noch einen für sie typischen Urlaub verbracht, auf dem Bauernhof von Axel Eichhorns Eltern im Schwarzwald. Dort gibt es genügend Platz, auch für ein Klavier, ersteigert für 50 Euro und selbst hergerichtet. „Zum Üben wunderbar,“ sagt Vater Eichhorn. Als im Ort bei einer Beerdigung Sänger fehlten im Kirchenchor, halfen die Eichhorns gern aus.

Carolina Tilgner-Eichhorn spürt eine Veränderung im Familienleben, seitdem sie ihre Älteste Clarissa nicht mehr täglich sieht. Aber die muss nicht unbedingt negativ sein. Von ihrem Aufbruch ins Leben haben Clarissa, Lydia und Kaya etwas mit zurück nach Bersenbrück gebracht, was über die Familie hinaus die ganze Stadt bereichert hat. Die Geschwister nahmen am Jugend-Orgelforum in Stade teil, das jungen Leuten ab zwölf Jahren die Gelegenheit bietet, auf einer wunderbaren Barockorgel zu spielen. Die Teilnehmer freundeten sich an, und zum Jahresende luden die Geschwister Eichhorn ihre neuen Freunde nach Bersenbrück ein. Einige richteten sich auf Matratzen im Hause Eichhorn ein, andere ähnlich spartanisch im Pfarrheim, von wo es nicht weit ist zur Kreienbrink-Orgel in der St.-Vincentius-Kirche. „Wenn ihr schon am Spielen seid“, regte Vater Eichhorn an, „wollt ihr da nicht ein kleines Konzert geben?“

Sie wollten. Auf diese Weise kam Bersenbrück schon zweimal zu einem spritzigen Silvesterkonzert.