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Leben fern der Heimat Noriaki Fuchihara kam vor 39 Jahren aus Japan nach Ankum

Von Cristina Schwietert, Cristina Schwietert | 15.06.2016, 22:00 Uhr

Bei Noriaki Fuchihara und Heidi Droppelmann ist an diesem Abend „Ball-Eimer-Training“ angesagt, als Vorbereitung zu den Mini-Landesmeisterschaften. Im Sekundentakt fliegen die leichten Bälle leise klackernd über die Tischtennisplatte. Mit stoischer Ruhe nimmt der alte Mann die Bälle aus dem neben ihm stehenden Behälter und spielt sie routiniert und schnell der zehnjährigen Heidi zu. Hochkonzentriert pariert die Kleine die fliegenden Bälle ihres erfahrenen Trainers. Die Meisterschaft hat sie später dann gewonnen.

Der Boden in dem mit blauen Banden abgetrennten Spielfeld ist mit Dutzenden weißer Tischtennisbälle übersät. Aufgesammelt werden sie erst, wenn keine Bälle mehr im Eimer sind.

Gesprochen wird wenig. Ab und zu geht Fuchihara zu dem Mädchen und zeigt ihm, mehr mit Gesten als mit Worten, die richtige Schläger- und Körperhaltung.

Wir sind in der Turnhalle der ehemaligen Grundschule an der Kolpingstraße und Noriaki Fuchihara, der 77-jährige Japaner, hat in den vergangenen Jahrzehnten schon so manches Talent der Tischtennis-Sparte im Quitt Ankum in die oberste Liga gebracht. Mehrmals spielten seine Schützlinge auf deutschen Meisterschaften.

„Doch leider passiert es auch“, konstatiert Fuchihara, „dass gute junge Spieler den Quitt Ankum dann wieder verlassen, um in größeren Vereinen des Südkreises weiterzutrainieren.“ Aber Fuchihara bleibt am Ball, freut sich Spartenleiter Uwe Droppelmann: „Zur besonderen Talentförderung kommt er nach wie vor zum Training.“

Fast sein ganzes Leben hat der Japaner in Deutschland verbracht, 39 Jahre davon in Ankum. 1960, mit 21, verlässt der Bauernsohn Noriaki Fuchihara aus der Präfektur Hiroshima seine Heimat.

Als die Atombombe fiel, war der kleine Noriaki sechs Jahre alt. Niemand habe die Folgen in seinem etwa 70 Kilometer von Hiroshima entfernten Dorf einschätzen können, erzählt er: „Wir wussten nur, dass es in der Stadt einen schlimmen Bombenangriff mit sehr vielen Toten gegeben hatte.“ Erst Jahre später sei ihm die Lage bewusst geworden, Freunde erkrankten, einige starben früh an Leukämie.

Seine Eltern hatten in dem Dorf einen großen landwirtschaftlichen Betrieb, Noriaki war das jüngste von fünf Kindern und wollte hinaus in die Welt. „Japan ging es damals wirtschaftlich schlecht, es gab keine Arbeit für die jungen Leute auf dem Land, und ich war neugierig auf den Rest der Welt“, erzählt er mit seinem feinen Lächeln. In der Nachkriegszeit durfte man nur als „geschäftlich Entsandter das Land verlassen, Urlaubsreisende erst wieder ab 1964, berichtet er.

Gearbeitet hat Fuchihara, wie viele seiner Landsleute, in der Geflügelindustrie, zunächst wechselnd in Frankreich und Italien und seit 1966 durchgehend in Deutschland. Noch heute erinnert er sich belustigt, was er an jenem Oktobertag empfand, als er in München ankam. „Es war sehr kalt für mich, und ich hatte nicht die passende Kleidung mit.“ Aber die Sommer, die seien schön in Deutschland, nicht so warm und feucht wie in Japan, bemerkt er dann beim Erzählen.

Seit 1977 lebt und arbeitet Noriaki Fuchihara mit seiner japanischen Frau und den beiden Kindern in Ankum, davor elf Jahre in Schleswig- Holstein. Eine lange Zeit fern der Heimat. Japan ist auch nach all den Jahren Heimat für ihn geblieben, obwohl seine Kinder inzwischen deutsche Ehepartner haben, er sich in Ankum ein Haus gebaut hat, seine Frau und er gute nachbarschaftliche Verhältnisse pflegen.

„Eigentlich sind wir in unserer Lebensweise japanisch geblieben“, sagt Fuchihara. „Meine Frau hat immer japanisch gekocht, wir haben hart gearbeitet, Heimaturlaub gab’s nur alle drei Jahre, wir reden nicht so viel, sind ruhiger als die Deutschen.“ Die Sehnsucht nach der alten Heimat, die wachse mit den Jahren, sagt er. Aber die Kinder und vor allem die Enkel, „die binden meine Frau und mich in Deutschland.“

Und das Japan, das er vor so vielen Jahren hinter sich gelassen habe, das gäbe es nicht mehr, alte Freunde seien gestorben, vieles wäre fremd in der alten Heimat.