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Gehrder Zeitzeuge Flüchtlinge : Heinz Schöneberg aus Gehrde erzählt

Von Sigrid Schüler-Juckenack | 13.12.2015, 17:17 Uhr

Er ist 86 Jahre alt, aber seine Erinnerung sind frisch geblieben. Heinz Schöneberg war bei der jüngsten Zeitzeugenveranstaltung in Gehrde der Gastgeber. In seinem Haus empfing er Menschen, die sich für das Gehrde seiner Kindheit und Jugend interessieren. Und Schöneberg erzählte von früher.

Der Winter 1929, in dem er geboren wurde, sei kalt gewesen. So kalt, dass die Eisblumen an den Fenstern nicht abgetaut seien, egal, wie die Leute geheizt haben, erinnert er sich. Sicher kennt er diesen Winter selbst auch nur vom Erzählen, aber Schöneberg erinnert sich auch an andere kalte Winter in seiner Jugend, in denen die Hase zugefroren war.

Leistungsprüfer für Milchkontrolle

Schönebergs Vater war Musiker, und die Musik hat die Familie geprägt. Seine beiden Brüder, die 1925 und 1927 geboren waren, haben beide Musik studiert, erzählt er. Ein Bruder sei im Krieg in Russland gefallen, der andere habe als Musiker in einem Orchester gearbeitet.

Heinz Schöneberg ging als Kind in Gehrde zur Schule und absolvierte dann die Mittelschule in Bersenbrück. Das war im Jahr 1944. Danach wurde er von der Kreisbauernschaft zum Leistungsprüfer für die Milchkontrolle verpflichtet. Dieser Posten im Bereich der Ernährung bewahrte ihn zunächst vor dem Einzug in die Armee, wie er sagt. Ja, er sei als Junge auch in der Hilterjugend gewesen, erklärt er, denn ohne die Mitgliedschaft habe man eine höhere Schule nicht besuchen dürfen. Im April 1945 sei aber trotz seines Jobs ein Stellungsbefehl gekommen. Aber da war der Krieg fast vorbei, und er habe sich „krank gemeldet“, erklärt Heinz Schöneberg.

Auf den Bürgermeister geschimpft

Die Flüchtlinge und Vertriebenen, die nach dem Krieg nach Gehrde kamen, seien damals vom Bürgermeister im Ort verteilt worden. „Jeder musste Flüchtlinge aufnehmen“, so Schöneberg. Begeistert davon sei wohl niemand gewesen, denn auf den Bürgermeister sei viel geschimpft worden. Aber im elterlichen Haus, in dem er heute lebt, und in dem damals eine Kneipe und ein Lebensmittelladen betrieben wurde, waren auch schon vorher Leute aus Köln untergebracht, die ausgebombt worden waren.

An die Tätigkeit als Milchkontrolleur knüpfte Heinz Schöneberg nach dem Krieg an. Er ging zur Landwirtschaftsschule in Badbergen und wurde Landwirt. Dann eröffnete sich für ihn die Möglichkeit, 1948 in Helle einen Betrieb zu übernehmen, einen Pachthof mit Ställen. Zehn Milchkühe seien im Stall gewesen, und gemolken wurde von Hand. Erst 1960 gab es eine Melkmaschine, ein Jahr zuvor hatte Schöneberg seinen ersten Trecker angeschafft. Zuerst habe er 29 Hektar bewirtschaftet, später dann rund 40 Hektar. „Davon konnte man früher gut leben, heute geht das nicht mehr.“ Das lag auch daran, dass die Preise für Vieh besser waren. Einen Bullen habe er für 3000 DM an eine Genossenschaft verkaufen können, erinnert er sich.

Seine Frau habe er 1949 kennengelernt, erzählt er, und geheiratet haben die beiden 1952. Stolz holt Schöneberg ein Glas hervor, mit dem bei der Hochzeit angestoßen wurde: Die Schleife von damals ist immer noch um das Glas gebunden.

Den landwirtschaftlichen Betrieb habe er vor 25 Jahren aufgegeben, so Schöneberg. Damals habe es eine Rente für die Betriebsaufgabe gegeben, und die Kinder hätten die Landwirtschaft ohnehin nicht fortführen wollen. Mit dem Ausscheiden aus dem Beruf hadert er nicht, denn „Das wäre ja sowieso gekommen“, sagt er.

Der graue Lappen und der junge Heinz

Eine Besonderheit gibt es, wenn Heinz Schöneberg erzählt: Er erinnert sich nicht nur an das, was geschehen ist, sondern er hat auch die genauen Daten dazu. So hat er am 9. Februar 1956 seinen Führerschein bekommen, weiß er. Und er zeigt ihn vor: Den „grauen Lappen“ mit einem frühen Foto vom jungen Heinz Schöneberg. Und der 21. August 1949 ist der Tag, an dem er mit einem Lehrling aus der Landwirtschaft unterwegs war, dessen Lehrbetrieb anzusehen, und an dem ihm schließlich seine zukünftige Frau begegnete.

Gibt es ein besonderes Ereignis, an das er immer wieder denken muss? „Nein“, lautet Schönebergs Antwort. Es gehe immer alles laufend weiter, und insgesamt sei das Leben sehr schön, und er sei zufrieden mit der Zeit, die er erleben durfte.