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Der lange Weg zurück Statt „Platte“ eine Übergangswohnung im Nordkreis

Von Jürgen Ackmann | 30.07.2014, 15:10 Uhr

Das Jahr 1989 war ein Jahr der großen politischen Umwälzungen. Es war auch das Jahr, in dem sich für Gerfried W. alles änderte. Der heute 52-Jährige ließ damals sein bürgerliches Dasein hinter sich und „machte Platte“, lebte also ohne feste Bleibe auf der Straße. Nun – nach fast 25 Jahren – ist er entschlossen, wieder ein Leben mit einem festen Dach über den Kopf zu führen. Aus triftigem Grund.

Die Augen von Gerfried W. haben in den vergangenen 25 Jahren viel gesehen – Wohnungslose mit abgefrorenen Füßen, besinnungslos betrunkene Menschen, Gewalt, Raub, aber auch innige Gemeinschaft. Steinsetzer im Straßenbau war der 52-Jährige, eine Frau hatte er, zwei Kinder – heute 28 und 26 Jahre alt. Alles hätte gut sein können. Doch Gerfried W. war oft wochenlang auf Montage. Nur selten war er zu Hause. In der Fremde tröstete er sich über die Trennung von der Familie gerne mit Alkohol hinweg. Das konnte nicht gut gehen. Die Scheidung folgte und der Entschluss von Gerfried W., „Platte zu machen“.

Es war am Anfang ein abenteuerliches Leben. Gerfried W. zog mit anderen Wohnungslosen viel umher. Er war in den Niederlanden, in Belgien, in Frankreich. Der familiäre Streit war fern. Keine Last drückte. Nur die des Rucksacks. Unterschlupf fand er in Schutzhütten, in Zelten und in Übernachtungsstellen wie die in Bersenbrück . Geld verdiente er sich mit Gelegenheitsjobs. Rasenmähen, Handlangen, Hecken schneiden.

Dann kam der Tag, an dem er merkte, dass das Leben auf der Straße nicht besser wird. Die Gesundheit litt, die Zahl derer, mit denen er umherzog, schwand. Auch der Hund, der ihn anfangs begleitete, fehlte irgendwann an seiner Seite. Am Ende – so formuliert es Gerfried W. – sei er einfach müde und kaputt gewesen. Und schwer krank. Die Ärzte stellten bei dem 52-Jährigen Diabetes fest. Das änderte alles.

Im April 2014 wandte er sich deshalb an die ambulante Hilfe der Caritas in Bersenbrück. Die half sofort. Setzte alle notwendigen Behördenhebel in Bewegung und beschaffte Gerfried W. im Mai eine sogenannte Übergangswohnung im Nordkreis. Ein Jahr lang hat er nun Zeit, sich in das neue – alte – Leben wieder einzufügen. Auch eine Arbeit will ihm die Caritas mithilfe der Maßarbeit des Landkreises Osnabrück vermitteln.

Das ist auf den ersten Blick nichts Großartiges, aber ein guter Anfang. Das findet nicht nur Gerfried W., das finden auch Maria Drochner, Anette Ostendorf sowie Hannah Menken von der ambulanten Hilfe der Caritas. Sie unterstützen Gerfried W. nach Kräften.

Besonders schön: Seine beiden Söhne haben ihn bereits in seiner neuen Wohnung besucht. Zwar ist sie noch nicht komplett eingerichtet, aber das klappe auch noch, sagt Gerfried W. und schaut dabei zuversichtlich drein. Natürlich habe er auch noch Kontakt zu einigen alten Weggefährten. „Wir freuen uns immer, wenn wir uns wiedersehen“, sagt der 52-Jährige.

Einen Tipp hat er am Ende des Gespräches auch noch parat. Es sei besser, sich in schwierigen Situationen helfen zu lassen. Gerfried W. hat am Ende eines langen Weges auf der Straße genau diesen Rat befolgt. Die Caritas mit ihren ehrenamtlichen Mitstreitern hat das Vertrauen gerechtfertigt.