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50 Jahre Wurst Stahlbau GmbH Bersenbrück: Von der Schmiede zum Stahlbau

Von Martin Schmitz | 28.09.2016, 11:00 Uhr

Am Donnerstag feiert das Unternehmen Stahlbau Wurst in Bersenbrück 50-jähriges Bestehen. Eine spannende Unternehmensgeschichte mit zwei unterschiedlichen Generationenkapiteln.

Ein Unternehmen mit rund 200 Angestellten und 50 Millionen Euro Jahresumsatz. Kaum zu glauben, dass es als winzige Landschmiede begann, mit dem Chef, dessen Ehefrau sich um die Buchhaltung kümmert, und einem Gesellen als Mitarbeiter. Ermutigt und unterstützt von seiner Ehefrau Hildegard, macht sich 1966 der Schmiedegeselle Friedmut Wurst selbstständig, indem er die Hastruper Dorfschmiede Stolle übernahm. Hildegard war mehr als die Ehefrau, die ihrem Mann Mut machte zum entscheidenden Schritt, erinnern sich ihre Söhne. Sie zog die Fäden und zeigte später auch selbst unternehmerische Initiative, indem sie ein Kindermodengeschäft in Bersenbrück gründete.

Stolle war die typische Schmiede in einer Zeit des Umbruchs, in der man Pferde beschlagen lassen konnte, in der es Traktoren zu kaufen gab und die ersten Rasenmäher. Heizungs- und Sanitärbau gehörten dazu. Und Eisenwaren, die man auch nach eigenen Angaben schmieden lassen konnte.

Der Start war mühsam. Friedmut Wurst musste den obligatorischen Meistertitel nachholen, um den Betrieb führen zu können. Das Ehepaar baute das Geschäft aus, Anfang der Siebzigerjahre wurde die Schmiede zu klein. Der Betrieb zog hinaus an die Sandstraße, in die Keimzelle eines heute stattlichen Gewerbegebietes. Ein Glücksfall, für spätere Expansionen bot die Örtlichkeit viel Raum.

Auch an der Sandstraße startete das Unternehmen als „Mischkonzern“, mit Landmaschinen, einem Ladengeschäft, in dem es auch Werkzeuge und Gartenartikel gab. Ein bisschen Stahlbau gab es immer, auf dem Feldweg vor der kleinen Halle wurden Binder zusammengeschweißt. Erst in den Achtzigerjahren entwickelte sich der Stahlbau zum dominierenden Betriebszweig, als Wurst zum ersten Mal mehr als tausend Tonnen Stahl in einer Halle verbaute und solide Kanalbrücken auflegte. Die Aufträge wurden anspruchsvoller, mit strategischen Firmenkäufen weitete Wurst seine Kompetenz aus, nach der Wende kam eine schwungvolle Expansion mit eigenem Standort in Ostdeutschland.

Der Ritterschlag kam in den Nullerjahren, als man Wurst entscheidende Bauteile der Antarktis-Forschungsstation „Neumayer III“ anvertraute, eine revolutionär neue Konstruktion, die Wurst-Mitarbeiter bei Minusgraden im Schneesturm mit einer Selbstverständlichkeit zusammenbauten, als seien sie irgendwo im Osnabrücker Land auf Montage. Fast zeitgleich baute das Unternehmen die Stahldachkonstruktion des Weser-Stadions in Bremen, ein schlagender Beweis, wie ästhetisch Stahlbau sein kann.

Liebe zur Feuerwehr

Aufträge im benachbarten Ausland waren da schon Routine, aber der Schritt über den Großen Teich, um in den USA für das Ankumer Chemieunternehmen Indulor ein Werk zu bauen, das war aufsehenerregend. Dieser Schritt könnte vielleicht die Richtung andeuten, in das sich das Unternehmen weiterentwickelt.

Im Kern verstand sich Wurst Stahlbau aber nie als Industrieunternehmen, sondern als Handwerksbetrieb. Als inhabergeführtes Familienunternehmen, wie es die zweite Generation auszudrücken pflegt. Friedmut Wurst engagierte sich in der Metallerinnung bis hinauf auf die Ebene des Landesvorstands, sein Hauptaugenmerk galt der Berufsausbildung. Außerdem engagierte er sich als Feuerwehrführer. Das Bundesverdienstkreuz bekam er Anfang der Neunzigerjahre nicht als Wirtschaftstycoon verliehen, sondern für sein öffentliches Engagement. Als Kreisbrandmeister habe er die Freiwillige Feuerwehr im Osnabrücker Land vorangebracht, bescheinigte ihm damals Oberkreisdirektor Heinz-Eberhard Holl.

Die Liebe zur Feuerwehr gab Friedmut Wurst seinen Söhnen Christian, Michael und Thomas mit auf den Weg. Alle drei sind in der Bersenbrücker Feuerwehr aktiv. Das gibt ihnen ein tieferes Verständnis vom Begriff des Ehrenamtes. Anders als viele Unternehmensführer verstehen sie es, „soft skills“ konsequent zu nutzen, die sozialen Fähigkeiten, die ein Betriebsklima so verbessern können, dass es positiv auf Ergebnis und Gewinn durchschlägt, auch wenn es um die Lösung abstrakter technischer Probleme geht, „stahlharter Probleme“ wie es in einem Wurst-Slogan heißt.

Der Übergang in die zweite Generation vollzog sich allmählich. Heute führt ein Vierergremium das Unternehmen. Prokurist Alfred Feldker, seit 1973 dabei, steht für Kontinuität. Familie Wurst sagt von ihm, er habe das Unternehmen wesentlich mit aufgebaut.

Die drei Söhne des Firmengründers, außer ihnen hat er noch eine Tochter, operieren als Team, in das jeder seine eigenen Neigungen einbringt. Christian, der älteste, steht dem klassischen Ingenieur am nächsten, liebt die technischen Herausforderungen des Stahlbaus und seine Ästhetik. Als Geschäftsführer kümmert er sich auch um den Vertrieb und sorgt für eine enge Verzahnung von Vertrieb und Technik, die als eine der Stärken des Unternehmens gilt.

Michael Wurst agiert am liebsten unauffällig im Hintergrund Er koordiniert den Einkauf für die unterschiedlichen Bauprojekte und hält seinen Brüdern in vielerlei Hinsicht den Rücken frei, indem er zum Beispiel Events organisiert, die wiederum ihren Teil zur Unternehmenskultur beitragen.

Thomas, der jüngste der Brüder, schließlich saugte nach reichlich Praxis im Unternehmen im Studium zukunftweisende Managementtheorien auf, die um den Begriff des Controllings kreisen, in einem doppelten Sinne.

Nachhaltigkeitsbericht

Einerseits behält die Finanzen im Blick, die kompliziert sein können in einer Branche mit schwindelerregenden Bausummen. Andererseits dürfte er wesentlich dazu beigetragen haben, das Nachdenken über das Unternehmen und seine Zukunft zu einem dauerhaften Prozess im Unternehmen zu machen. Ausgerechnet ein mittelständisches Unternehmen mit 200 Mitarbeitern hat seine Betriebskultur so perfektioniert, dass Konzerne wie VW es zum Vorbild nehmen. Stahl- und Metallbau gehörten zu den ersten Branchen, denen Facharbeitermangel zu schaffen machten. Die gut bezahlten Technikerjobs mit glänzenden Zukunftsaussichten haben weniger Prestige als Bürojobs.

Das führte im Hause Wurst zu der Erkenntnis, dass Gesundheitsmanagement mehr sein muss als das Anbieten von Gymnastikkursen. Gesundheitsmanagement dreht sich um die Zufriedenheit der Mitarbeiter im Unternehmen, um sie an ihrem Arbeitsplatz zu halten. Wesentlicher Bestandteil ist eine Betriebskultur der Offenheit, eine Atmosphäre des Vertrauens, in der ein Mitarbeiter Kollegen und Vorgesetzten anvertrauen kann, was ihm privat zu schaffen macht.

Nachdenken über die Zukunft des Unternehmens wird zu einem Prozess, der sich ständig weiterentwickelt. Wurst Stahlbau hat kürzlich seinen ersten Nachhaltigkeitsbericht vorgelegt, mit der stolzen Anmerkung, dass es dafür keine Blaupause in der Stahlbaubranche gegeben habe. Der Bericht behandelt die Frage, wie das Unternehmen mit dem demografischen Wandel umgeht. Es reicht nicht mehr, die Mitarbeiter im Unternehmen zu halten, erläutert Thomas Wurst. Man müsse vielmehr im Auge behalten, wie lange ein Mitarbeiter voraussichtlich noch im Unternehmen bleiben werde, rechtzeitig nach einem Nachfolger suchen, ihn aufbauen und an seine künftige Aufgabe heranführen.

Und dann erzählt er, wie die Kinder der Brüder, die nächste Generation, sich spielerisch dem Unternehmen nähert, ermutig von ihren Vätern, wie sie einst Friedmut ermutigt hat. Friedmut Wurst muss ein Mann sein, der sich aufs Mutmachen versteht. Seinen Mitarbeiter Rudolf Wiegmann hat er dazu gebracht, sich selbstständig zu machen und so wie er selbst in der Schmiede Stolle zu starten. Die Wurst-Erfolgsgeschichte wiederholte sich. Die Wiegmann-Gruppe ist heute das zweite große Unternehmen im Hastruper Gewerbegebiet.